Sommerspecial Mörderische Heimat
Warum uns das Böse in den Bann zieht
Fotos: Marvin Myketin
19.07.2026 / FULDA -
Volles Haus in der Fuldaer Orangerie. Zwei Mikrofone, ein kleiner Tisch, blutrotes Bühnenlicht – mehr brauchte es an diesem Abend nicht, um mehrere hundert Menschen in den Bann zu ziehen. Ein Podcast lebt nicht von spektakulären Bühnenbildern, sondern von guten Geschichten.
Zeno Diegelmann, Shaggy Schwarz und Lisa Cardinale hatten zum Sommerspecial ihres Podcasts "Mörderische Heimat" eingeladen – und trafen damit offensichtlich den Nerv ihres Publikums.
Am Lagerfeuer des 21. Jahrhunderts
An einer Frage kommt man an so einem Abend nicht vorbei: Warum hören so viele Menschen Podcasts? Eine Antwort ist sehr pragmatisch. Podcasts begleiten uns genau dann, wenn es in unseren Alltag passt – beim Autofahren, Spazierengehen, Putzen oder Kochen. Sie verlangen keine ungeteilte Aufmerksamkeit und fügen sich nahezu mühelos in einen oft hektischen Tagesablauf ein.Handwerk vom Feinsten
Dass "Mörderische Heimat" dieses Prinzip beherrscht, zeigen nicht zuletzt die hohen Abrufzahlen. Der Podcast lebt vom Zusammenspiel seiner beiden Protagonisten: Krimiautor Zeno Diegelmann recherchiert die Fälle akribisch und erzählt sie mit großer Ruhe und Präzision. Shaggy Schwarz oder Lisa Cardinale übernehmen die Rolle des interessierten Zuhörers, stellen Fragen, wundern sich, staunen und reagieren spontan. Diese Dynamik macht einen großen Teil des Reizes aus.Hinzu kommt fachliche Kompetenz. Professor Gerhard Schmelz, Kriminalwissenschaftler und Lehrbeauftragter an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung, ordnet mit Moderatorin und Synchronsprecherin Lisa Cardinale die kriminalistischen Aspekte ein. Diese Kombination aus spannendem Erzählen und fundierter Analyse erfüllt genau das, was viele Podcast-Hörer suchen: Sie wollen gut unterhalten werden – und dabei etwas lernen. Deshalb ist die Auswahl der Fälle so entscheidend: Es sind Geschichten voller Grautöne, die sich einfachen Antworten konsequent verweigern.
Tod in Miami
Genau so ein Fall eröffnete den Abend in der Orangerie und entführte das Publikum in den Sunshine State. Kerstin Kischnik und Dieter Riechmann reisen 1987 zum wiederholten Mal nach Miami, um dort Urlaub zu machen. Seit zehn Jahren sind beide ein Paar. Sie stammen aus Hamburg, leben inzwischen aber in Lörrach. Kerstin Kischnik arbeitet als Edelprostituierte in einem Baseler Bordell, Dieter Riechmann dürfte zugleich ihr Lebensgefährte und ihr Zuhälter gewesen sein. Am 25. Oktober 1987 essen beide zu Abend und trinken dabei reichlich Alkohol. Gegen 22 Uhr fahren sie mit ihrem Mietwagen zurück zum Hotel. Eine halbe Stunde später ist Kerstin Kischnik tot. Dieter Riechmann wird festgenommen und im November 1988 zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Erst 2010 wird das Urteil in lebenslange Haft umgewandelt. Bis heute sitzt er im Gefängnis.Jahrzehnte später wird der Fall noch einmal aufgerollt. Dabei zeigt sich, wie viele Fehler, Vertuschungen und Fehlannahmen das ursprüngliche Verfahren geprägt haben. Und Dieter Riechmann selbst? Er plante offenbar einen großen Heroin-Deal und träumte von einem neuen Leben in Miami. Ob Kerstin Kischnik darin noch eine Rolle spielen sollte, ist bis heute ungeklärt.
Warum uns True Crime so fasziniert
Gerade dieser Fall verdeutlicht, warum True Crime seit Jahren ein Millionenpublikum begeistert. Es geht dabei längst nicht nur um Mord und Verbrechen. Gute True-Crime-Formate versuchen zu verstehen, wie Menschen handeln, warum Ermittlungen scheitern und welche Rolle Zufälle, Irrtümer, Intrigen oder Machtinteressen spielen. Sie rekonstruieren nicht nur Taten, sondern auch gesellschaftliche Zusammenhänge. Wer True Crime liebt, sucht nicht nur die Lust am Grauen, sondern will auch das scheinbar Unbegreifliche begreifen. Podcasts handeln nicht nur von Tätern und Opfern. Sie erzählen von Menschen, ihren Entscheidungen, ihren Irrtümern und ihren Abgründen.