Zwischenfazit nach einem Jahr im Bundestag

Der Erste, der Nein sagte: Wie Gebhard die Diätendebatte ins Rollen brachte

Insgesamt geht Gebhard, wie er sagt, mit einem guten Gefühl in die sitzungsfreie Zeit
Fotos: Philipp Gerhard

27.07.2026 / BERLIN - Seit über einem Jahr ist Wilhelm Gebhard (CDU) mittlerweile Bundestagsabgeordneter. Nachdem der 50-Jährige zuvor fast 18 Jahre lang Bürgermeister seiner Heimatstadt Wanfried im Werra-Meißner-Kreis war, wagte er den Schritt in die Bundeshauptstadt. Er schaffte es erstmals, für die CDU ein Direktmandat im Wahlkreis zu erringen. OSTHESSEN|NEWS hat den Diplom-Kfm., der vor seiner politischen Laufbahn in zwei mittelständischen Produktionsunternehmen tätig war und zudem Reserveoffizier ist, dort kurz vor der politischen Sommerpause besucht.



Insgesamt geht Gebhard, wie er sagt, mit einem guten Gefühl in die sitzungsfreie Zeit und damit in die parlamentarische Sommerpause. Doch der CDU-Abgeordnete aus dem Wahlkreis Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg macht keinen Hehl daraus, dass bei der Arbeit der Bundesregierung und der Regierungskoalition noch Luft nach oben ist.

Reformen brauchen eben Zeit, bis sie wirken

"Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsdefizit, das wir jedoch Tag für Tag spürbar beheben", sagt Gebhard im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS. 34 Reform-Beschlüsse, von Rente bis Gesundheit, hat die schwarz-rote Koalition vor wenigen Tagen vorgestellt – das ist viel, aber es dauere eben lange, bis sie beschlossen werden und vor allem, bis sie wirken, sagt der Abgeordnete. Beim Thema Migration hätte man bereits mehr erreicht, als er anfänglich für möglich gehalten habe.

"Wir wissen selbst, dass in den kommenden Monaten noch mehr kommen muss. Wir dürfen keinesfalls bei der Geschwindigkeit nachlassen und müssen unsere Schritte noch besser kommunizieren. Besonders müssen die Menschen das Ziel und die Vision hinter den Reformschritten verstehen. Deutschland braucht Reformen. Das wissen wir alle. Die Akzeptanz für unumgängliche Reformschritte hängt jedoch von zwei wesentlichen Aspekten ab - vom Verständnis für die getroffenen Maßnahmen und Beschlüsse sowie von der Überzeugung und dem Gefühl, dass die Reformen alle betreffen." Und er ergänzt: "Demokratie kostet Zeit". Aber die Frage sei, ob Deutschland diese Zeit noch habe. "Demokratie lebt von unterschiedlichen Meinungen und die müssen dann in Kompromissen münden. Von daher dauert eben auch vieles leider länger als geplant", erklärt der CDU-Bundestagsabgeordnete.

Dass die Reformen bei den Bürgerinnen und Bürgern noch nicht ankommen, nimmt Gebhard ernst. Gleichzeitig verteidigt er den eingeschlagenen Kurs: Koalitionen lebten von Kompromissen – und CDU, CSU und SPD hätten inzwischen eine gute Vertrauensbasis gefunden. "Das habe ich beim Gebäudemodernisierungsgesetz selbst erlebt. Das war wirklich auf Augenhöhe und sehr sachorientiert."

Gebhard befürwortet das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz

Ein Beschluss aus den jüngsten Reformen wurde bei den Wählern besonders heftig kritisiert: Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und die darin enthaltene "Krankschreibung ab dem ersten Tag". Die gesetzliche Krankenversicherung steht insgesamt unter erheblichem finanziellem Druck. Ziel der aktuellen Reformen ist es, die langfristige Finanzierbarkeit des Systems sicherzustellen und gleichzeitig die Sozialversicherungsbeiträge zu stabilisieren und damit die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu verbessern. Dabei müsse jedoch sorgfältig darauf geachtet werden, dass notwendige Versorgungsstrukturen nicht geschwächt werden. Daher wurde am 10. Juli 2026 vom Deutschen Bundestag das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz als kurzfristiges Reformpaket beschlossen.

Diesem kurzfristigen Reformpaket sollen im Rahmen der fortgesetzten Finanzkommission Gesundheit mittel- und langfristige Strukturreformen folgen. Ziel bleibt es, die gesetzliche Krankenversicherung nachhaltig zu stabilisieren und zugleich eine gute und verlässliche medizinische Versorgung sicherzustellen. "Das oberste Gebot ist es, die Beiträge zu stabilisieren, damit die Produktionskosten und die Lohnnebenkosten für Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Deutschland nicht noch weiter steigen. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir noch mehr Arbeitsplätze und den Anschluss an den Wettbewerb in der Welt verlieren." Das gelte es jetzt in erster Linie zu verhindern. Der leidenschaftliche Fußballer im Team des FC Bundestags stellt dabei klar: "Wir müssen wieder produktiver werden in Deutschland und insgesamt eine positivere Grundstimmung in dieses Land bringen - dabei hätte uns natürlich auch die Fußball-WM geholfen."

Eine Reform, die besonders Journalisten betrifft, sind die geplanten Einschränkungen im Informationsfreiheitsgesetz. Dadurch soll der Zugang zu Informationen von Behörden erschwert werden. Gebhard betont: "Ich persönlich bin nicht dafür, dass der Zugang zu amtlichen Informationen bei Bundesbehörden eingeschränkt wird. Transparenz muss weiterhin jederzeit gegeben sein. Wir haben nichts zu verbergen. Allerdings müssen wir aufpassen, dass in Zeiten wie diesen der Missbrauch gestoppt wird, der mehr und mehr zu beobachten ist." Die Aufgabe sei es, Missbrauch von berechtigten Anfragen zu unterscheiden.

Konkreter Erfolg: Kommunale Wärmeplanung massiv entschlackt

Einen ganz persönlichen Erfolg kann Gebhard vorweisen: Als ehemaliger Bürgermeister hatte er die kommunale Wärmeplanung stets als "bürokratisches Monstrum" bezeichnet – und dieses Thema nun direkt aus dem Bundestag heraus angepackt. "Ich war politisch ungehorsam. Ich habe immer gesagt, das ist für kleine, ländlich geprägte Kommunen kaum zu leisten."

Im zuständigen Ausschuss für Wirtschaft und Energie konnte er seine Erfahrungen aus der Kommunalpolitik einbringen – mit Erfolg: Der Aufwand für die kommunale Wärmeplanung soll um 80 Prozent reduziert werden. Rund 50 Prozent der etwa 11.000 deutschen Kommunen, die die Planung noch nicht abgeschlossen haben, werden nun von dieser Entlastung profitieren, sobald das Gesetz in der zweiten Jahreshälfte beschlossen wird.

Drängende Themen im Wahlkreis: Kommunen, Infrastruktur, Wachstum

Mit Blick auf den Wahlkreis Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg nennt Gebhard drei zentrale Herausforderungen: die Finanzausstattung der Kommunen, die Verkehrsinfrastruktur – Straße wie Schiene – und wirtschaftliches Wachstum in der Fläche. "Wachstum schafft Beschäftigung. Wir brauchen Arbeitsplätze auch im ländlichen Raum." Dass Kommunen, die lange finanziell gut aufgestellt waren, inzwischen ebenfalls mit dem Rücken zur Wand stünden, bereite ihm Sorgen.

Der Diäten-Vorstoß: Gebhard war der Erste

Für Schlagzeilen sorgte Gebhard zuletzt mit einem bemerkenswerten Vorstoß als Hinterbänkler: Er war der erste Bundestagsabgeordnete, der öffentlich auf die Diätenerhöhung verzichten wollte. Schon im März schrieb er eine E-Mail an Fraktionschef Jens Spahn und weitere Koalitionsvertreter – mit der klaren Botschaft: Wer von den Bürgerinnen und Bürgern Reformbereitschaft verlange, müsse selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Sein Vorstoß schaffte es bundesweit in die Medien. Er stellte bereits damals klar: Kommt die Diätenerhöhung in diesen Zeiten, werde er den Nettobetrag der Erhöhung monatlich für zusätzliche Projekte im Wahlkreis spenden.

"Wenn wir selber nicht bei uns sparen, wie wollen wir die Menschen dann für notwendige Reformen mitnehmen?", so Gebhard. Nachdem er das Thema gegenüber der FAZ öffentlich gemacht hatte und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann es in einer TV-Sendung aufgegriffen hatte, kam Bewegung in die Sache. Am Freitag vor der Sommerpause wurde der Verzicht auf die Diätenerhöhung nun einstimmig im Bundestag per Handakklamation beschlossen. "Ich war der Allererste. Dafür habe ich nicht nur Applaus bekommen – aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das der richtige Schritt und ein wichtiges Signal an die Bürgerinnen und Bürger ist." (Moritz Pappert) +++

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