Ein Bad in Glücksgefühlen
Julian Kretzschmar begeisterte bei der BäderKultur im Erlenbad
Fotos: Privat
05.07.2026 / ALSFELD -
Manchmal braucht es nicht viel, damit ein Abend sich verwandelt: eine Stimme, eine Gitarre, ein paar ehrliche Worte zwischen den Liedern – und ein Publikum, das bereit ist, sich berühren zu lassen. Als Julian Kretzschmar am Freitagabend im Rahmen der BäderKultur im leergepumpten Hallenbadbecken des Alsfelder Erlenbades auftrat, entstand genau so ein Moment. Einer, der nicht laut um Aufmerksamkeit bat, sondern sie sich mit jedem Ton erwarb.
Natürlich war dieser Ort besonders. Das leere Becken wurde für diesen Abend zur Klangschale, in der sich Kretzschmars Stimme eindrucksvoll entfalten konnte. Doch so reizvoll die Kulisse auch war: Im Mittelpunkt stand nicht das Ungewöhnliche des Raumes, sondern ein Musiker, der ihn zu füllen wusste – mit Wärme, mit Intensität und mit Liedern, die zwischen Nachdenklichkeit und Aufbruch, Melancholie und Hoffnung, Nähe und Weite pendelten.
Julian Kretzschmar ist ein Sänger, dem man zuhört, weil er nichts behaupten muss. Seine Stimme hat diese seltene Mischung aus Kraft und Verletzlichkeit, aus rauer Erdung und weicher Tiefe. Sie drängt sich nicht auf, aber sie bleibt. Sie kann tragen, treiben, schmeicheln, aufbrechen – und sie besitzt jene Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann. Wenn Kretzschmar singt, entsteht kein bloßer Klang, sondern eine Haltung. Da ist einer, der meint, was er singt.
Für Kretzschmar war der Abend auch ein Heimspiel. In Alsfeld hat er, damals noch als Schüler, seine musikalische Laufbahn begonnen. Hier liegen seine Anfänge, hier entstanden erste Projekte, hier standen Wegbegleiter wie Daniel Schild oder Uwe Bender an seiner Seite. Später führten ihn seine Wege weiter, inzwischen ist er im Raum Kassel beheimatet und musikalisch viel unterwegs. Doch an diesem Abend war spürbar, dass die Rückkehr nach Alsfeld für ihn mehr war als nur ein weiterer Termin im Kalender. Es war ein Wiedersehen mit einem Ort, an dem vieles begonnen hat – und an dem er bereits 2019 bei der BäderKultur aufgetreten war.
Besonders berührend wirkte "Anyway", ein Lied, das Kretzschmar gemeinsam mit seiner Frau geschrieben hat. In solchen Momenten wurde deutlich, worin die Stärke seiner Musik liegt: Sie bleibt persönlich, ohne privat zu werden. Sie erzählt von Erfahrungen, die konkret genug sind, um glaubwürdig zu sein, und offen genug, damit sich andere darin wiederfinden können. Auch "Empathy" passte in diesen Abend wie ein Schlüsselwort. Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Verletzlichkeit – all das sind bei Kretzschmar keine bloßen Themen, sondern Grundfarben seiner Musik.
Das Publikum folgte ihm aufmerksam und sichtbar bewegt. Füße wippten im Takt, Finger trommelten leise auf Oberschenkeln, Köpfe nickten im Rhythmus der eingängigen Melodien. Immer wieder ging ein Lächeln durch die Reihen, manchmal auch dieses stille Innehalten, das mehr sagt als lauter Jubel. Kretzschmar lud zum Mitsingen ein, nahm die Menschen mit, machte ein Selfie mit den Zuhörerinnen und Zuhörern in den ersten Reihen – und schuf damit eine Nähe, die nie aufgesetzt wirkte.
"Fantastischer Abend"
"Fantastischer Abend", war später von begeisterten Gästen zu hören. Und vielleicht fasste ein Eintrag in Kretzschmars Gästebuch die Stimmung am treffendsten zusammen. Dieses Gästebuch lässt der Musiker bei seinen Konzerten durch die Reihen gehen, um sich am Abend danach auf der heimischen Terrasse die persönlichen Konzertkritiken durchzulesen und den Auftritt noch einmal nachklingen zu lassen. Eine Besucherin schrieb: "Ich habe heute gelesen: Tu, was dich glücklich macht – das habe ich heute hier im Hallenbad gefühlt: Glücksgefühle!"Schöner lässt sich kaum sagen, was an diesem Abend geschah. Es war keine oberflächliche Euphorie, kein lautes Spektakel. Es waren Glücksgefühle der stilleren Art: ausgelöst durch Musik, die unter die Haut ging; durch eine Stimme, die den Raum füllte; durch Texte, in denen Nachdenklichkeit und Hoffnung nebeneinanderstehen durften.
Dass Kretzschmar am Ende nicht ohne Zugaben davonkam, verstand sich fast von selbst. Drei Mal holte ihn das Publikum zurück, drei Mal durfte der Abend noch ein wenig länger dauern. Dieser Applaus galt nicht nur einem gelungenen Konzert. Er galt einem Künstler, der an diesem Abend viel von sich gegeben hatte – musikalisch, menschlich, unmittelbar.
So wurde aus dem Konzert im Rahmen der BäderKultur ein Abend, der nachwirkte. Nicht, weil er auf große Effekte setzte, sondern weil er etwas Echtes hatte. Julian Kretzschmar zeigte in Alsfeld, was gute Singer-Songwriter-Musik vermag: Sie erzählt nicht nur Geschichten. Sie erinnert uns daran, dass wir selbst welche in uns tragen. (js/pm)+++