Stolze 70 Jahre
Vom Provisorium zur Rhön-Institution: Die bewegte Geschichte der Enzianhütte
Fotos: Archiv Alpenverein / Fotograf unbekannt
02.07.2026 / HILDERS (RHÖN) -
Eine kleine, gebrauchte Holzhütte ohne Wasser- und Stromanschluss - das war 1949 der bescheidene Anfang der Enzianhütte, wie die Sektion Fulda des Deutschen Alpenvereins (DAV) in ihrer Vereinschronik dokumentiert. Heute ist sie eines der beliebtesten Ausflugsziele der Rhön - mit einer bewegten Vergangenheit voller Eigenleistung, Rückschläge und, wie der Verein selbst schreibt, einer handfesten Existenzkrise in den 1970er-Jahren.
Gefeiert wird diese Geschichte am ersten Augustwochenende, wenn die Enzianhütte ihr 70-jähriges Bestehen begeht. Im Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS hatten die heutigen Pächter Maximilian Harth und René Stolz sowie Vertreter der Sektion Fulda bereits über die aktuellen Umbaupläne, die Gästezahlen und das Jubiläumsprogramm berichtet. Zeit also, den Blick auch zurückzuwerfen: wie aus einer kleinen Baubude die heutige Rhön-Institution wurde.
1949: Der bescheidene Anfang
Nach dem Zweiten Weltkrieg brachte Georg Steyer, der die Sektion Fulda des Deutschen Alpenvereins nach dem Krieg maßgeblich wiederaufgebaut hatte, laut Vereinschronik die Idee einer eigenen Vereinshütte im Heimatgebirge voran - an die Alpen war wegen zerstörter oder versperrter Wege ohnehin nicht zu denken. Zunächst wurde eine kleine Hütte auf der Erika-Alm erworben, die aber mit Platz für nur sechs Personen schnell zu klein war.Finanziert wurde der Neubau, wie es in der Vereinschronik heißt, über eine einmalige Umlage von 24 DM pro Mitglied, den Verkauf von "Bausteinen" zu je 5 DM - die auch 25 andere Sektionen kauften - sowie Prämiensparlose. Das Baumaterial wurde vielfach "geschnorrt": Die Steine für das Fundament etwa sammelte man direkt am Weiherberg. Initiiert von Gustav Martins und Georg Steyer, fanden sich zahlreiche Spender und Helfer.
Ganz reibungslos verlief der Bau nicht: Nach dem ersten Richtfest am 25. September 1952 riss ein schwerer Sturm im Januar 1954 das gesamte Dach weg und beschädigte die Giebelmauer - ein zweites Richtfest musste am 10. April 1954 gefeiert werden. Am 1. Juli 1956 war es dann so weit: Mit einem großen Bergfest wurde die Enzianhütte feierlich eingeweiht. Sie bestand zunächst aus Gastraum, Schlafräumen, einer Selbstversorgerküche, einem Raum für den Hüttenwirt sowie einem Raum für den Hüttendienst der Sektion, der am Wochenende als "Hausherr" fungierte. Noch im selben Jahr erhielt die Hütte Anschluss ans Stromnetz, 1957 folgte der Telefonanschluss.
1957-1972: Ausbau und Anbindung
In den folgenden Jahren wuchs die Enzianhütte den Chronikeinträgen zufolge kontinuierlich mit: 1960 entstand ein Tages- und Schlafraum für die Jugendgruppe im Souterrain. Mit der Einrichtung und Erstbegehung des Fuldaer Höhenwegs wurde die Hütte zum "Wegbereiter ins Hochgebirge". 1962 half der Bundesgrenzschutz bei der Neuverlegung der Wasserleitung und dem Einbau von Pumpen - bis heute erinnert der Dr.-Werner-Blümel-Weg an den ersten Hüttenwart der Sektion, der sich einen alpinen Pfad durch die Wolfsschlucht gewünscht hatte.1978-1981: Eine Zeit vor der "Zerreißprobe"
Ende der 1970er-Jahre geriet die Hütte in eine echte Krise. 1978 verschärfte das Landratsamt Fulda die Auflagen zur Wasserversorgung, gleichzeitig spitzte sich die Pächterproblematik zu - es gab sehr häufige Wechsel, bis die Hütte schließlich im Eigenbetrieb der Sektion übernommen und zeitweise ganz geschlossen wurde. So bezeichnet der Verein diese Jahre in seiner aktuellen Pressemitteilung selbst als "Zerreißprobe in den 70er Jahren".1979 stand die Sektion wegen der Enzianhütte vor einer Spaltung: Der Entzug der Schankerlaubnis und zu hohe Sanierungskosten führten dazu, dass der Hüttenausschuss empfahl, notfalls Verkaufsverhandlungen mit den Deutschen Pfadfindern aufzunehmen, sollte sich kein neuer Pächter finden oder keine effektive Eigenbewirtschaftung gelingen. 1981 kam es schließlich zur entscheidenden außerordentlichen Mitgliederversammlung: Die Abstimmung über einen Verkauf fiel mit knapper Mehrheit für den Erhalt der Hütte aus. Aus Protest traten daraufhin alle Vorstandsmitglieder zurück - bis auf den 1. Vorsitzenden. Carl Ferdinand Schloenbach, der Erbauer der Enzianhütte, und Karl Herzig wurden zum Notvorstand bestellt. Mit Spenden und Darlehen sanierten sie die Hütte, richteten eine neue Pächterwohnung ein und fanden mit dem Ehepaar Böge ein neues Hüttenwirtspaar.
1982-2011: Konsolidierung, Modernisierung, die Ära Koch
Am 1. April 1982 eröffnete die Hütte unter dem Ehepaar Böge wieder, wie aus der Vereinschronik hervorgeht. 1987 erkannte der DAV-Hauptverband in München die Enzianhütte offiziell als DAV-Mittelgebirgshütte an, im selben Zeitraum wurde eine zentrale Heizungsanlage eingebaut. 1988 verließ das Ehepaar Böge krankheitsbedingt die Hütte - mit Birgit und Georg Koch begann eine Ära, die über 30 Jahre andauern sollte.Unter den Kochs wurde kontinuierlich saniert und modernisiert: 1991 Grundsanierung der Toiletten und Renovierung der Jugendräume, 1994 eine neue Abwasser-Entsorgung, 1995 eine neue, rhöntypische Fassadenverkleidung mit Wettbrettern und ein neu eingedecktes Dach mit roten Tonziegeln. 1996 wurde die ursprüngliche kleine Hütte zum heutigen Biwak umgebaut, gleichzeitig feierte die Sektion ihr 110-jähriges Bestehen auf der Enzianhütte. Es folgten weitere Investitionen: 1998 eine Sanierung der Wasserversorgung, 2000 eine neue Theke und ein Kinderspielplatz, 2001 eine umfangreiche Renovierung von Gastraum und Küche.
2018-2023: Ein neues Kapitel beginnt
2018 wurde mit dem Norbert-Weber-Weg ein weiterer Zustieg zur Enzianhütte eröffnet, benannt nach dem langjährigen Vorsitzenden und Ehrenmitglied der Sektion. 2022 endete dann nach über 30 Jahren die Ära Koch. Nach einer kurzen Schließzeit mit kleineren Renovierungsarbeiten übernahm im Februar 2023 ein neues Hütten-Team um Patrick Bohl, Maximilian Harth und René Stolz den Betrieb - und führt die Enzianhütte seither, wie die Sektion in ihrer aktuellen Pressemitteilung betont, weiterhin zu einem "beliebten Anlaufpunkt für Tages- und Urlaubsgäste in der Rhön".