Ein Kommentar von Nicolas Kraus

Jonathan Tah ist nicht der Schuldige: Rassismus hat im Fußball nichts verloren

Jonathan Tah ist nicht der Schuldige. Vielen Dank für deinen Einsatz in schwarz-rot-gold.
Foto: picture alliance / Pressefoto Ulmer | Markus Ulmer

03.07.2026 / REGION - Mittlerweile haben es die meisten vermutlich schon verdaut, waren wieder auf der Arbeit und haben das bittere WM-Aus gegen Paraguay zumindest ein Stück weit verarbeitet. Die Enttäuschung sitzt tief, die Kritik an der Leistung der deutschen Nationalmannschaft ist berechtigt. Für die Spieler endet der Frust jedoch nicht mit dem Abpfiff.



Während sie ihre Koffer im DFB-Camp in Winston-Salem packten und die Heimreise antraten, begann für viele der Blick in die sozialen Netzwerke. Dort warteten Kritik, Spott und Beleidigungen. Das gehört für Profis leider fast schon zum Alltag. Doch was sich unter den Beiträgen von Jonathan Tah abspielt, hat mit Fußball nichts mehr zu tun.

Ein verschossener Elfmeter und hunderttausende Beleidigungen

Weil er im Elfmeterschießen, den entscheidenden Strafstoß verschoss, wird Tah von rassistischen Kommentaren überzogen. Hierbei wird nicht beachtet, dass Tah wenigstens die Muße hatte, den Elfmeter zu schießen. Affen-Emojis, menschenverachtende Beleidigungen und widerliche Anfeindungen zeigen einmal mehr das hässliche Gesicht des Internets. Wer einen Spieler wegen seiner Hautfarbe angreift, ist kein enttäuschter Fan. Er ist schlicht ein Rassist.

Noch absurder wird es, wenn man sich vor Augen führt, dass Jonathan Tah das Spiel nicht allein verloren hat. Deutschland hatte über 120 Minuten genügend Möglichkeiten, die Partie zu entscheiden. Ein Elfmeterschießen kennt am Ende nur Helden und Unglückliche - obwohl ein ganzes Team zuvor Chancen vergeben, Fehler gemacht und Verantwortung getragen hat. Einen einzelnen Spieler zum Sündenbock zu machen, ist billig. Ihn rassistisch zu beleidigen, ist beschämend.

Die Beleidigungen lösten eine Welle der Solidarität aus

Zum Glück gibt es auch die andere Seite. Tausende Menschen haben die Kommentarspalten inzwischen mit Glückwünschen, aufmunternden Worten und Sätzen wie "Hör nicht auf die Hater" gefüllt. Sie machen deutlich, dass Hass eben nicht die Mehrheit ist. Diese Welle der Solidarität ist vielleicht die wichtigste Reaktion auf all den menschenverachtenden Müll, der sich ebenfalls im Netz findet.

Fußball lebt von Emotionen. Man darf sich ärgern, diskutieren und auch harsche Kritik üben. Doch wer eine Niederlage zum Anlass nimmt, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft zu beleidigen, hat jedes Recht verwirkt, sich auf den Sport zu berufen. Das ist keine Fankultur. Das ist blanker Rassismus. Und dagegen darf es keine Toleranz geben. Erschreckend ist, dass solche Sprüche längst nicht nur im Internet oder in den großen Stadien zu hören sind. Auch auf manchen Amateur-Sportplätzen in unserer Region fallen immer wieder rassistische Beleidigungen - oft laut genug, dass sie jeder mitbekommt, aber viel zu selten wird dagegen etwas gesagt.

Wer danebensteht und schweigt, macht es den Tätern leicht. Deshalb gilt: Mund auf statt wegschauen. Rassisten brauchen keine Bühne, sondern klare Grenzen - auf jedem Sportplatz und in jeder Kommentarspalte. (Ein Kommentar von O|N-Sportredakteur Nicolas Kraus)+++

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