"Einfach heiraten"

Liebe liegt in der Luft – und eine ordentliche Portion Segen dazu

In Bad Hersfeld bietet sich die Möglichkeit "Einfach zu heiraten"
Fotos: Jürgen Böthig

30.06.2026 / BAD HERSFELD - Wenn in Bad Hersfeld das Thermometer die 38-Grad-Marke knackt und die Stadt im Fieber der anstehenden 75. Festspiel-Eröffnung kocht, sucht man normalerweise Schutz im Schatten oder den nächsten Eisbecher. Doch am Freitagnachmittag zog es die Menschen hinein in die Stadtkirche. Und nein, sie suchten dort keinen klimatisierten Rückzugsort vor der gnadenlosen Sonne. Sie suchten etwas, das noch nachhaltiger kühlt und gleichzeitig das Herz wärmt: den kirchlichen Segen.



"Einfach heiraten" hieß die Devise, mit der die evangelische Kirche am Freitag alle Verliebten ins Gotteshaus einlud. Das Portal steht weit offen, die Kirche ist liebevoll geschmückt, ein Kontrast zur flirrenden Hitze auf dem Marktplatz draußen. Wer vorbeikam, bekam hier genau das, was der Name verspricht: eine unkomplizierte, würdevolle und zutiefst menschliche Zeremonie.

Schlange stehen für das Ja-Wort

Dass das Konzept einen Nerv trifft, bewies der Blick vor die Kirchentür. Trotz der mürbe machenden Temperaturen bildete sich eine Schlange. Wer den Segen als Paar wollte, musste nur vorbeikommen. Wer den Schritt der kirchlichen Trauung wagen wollte, hatte lediglich die standesamtliche Urkunde im Gepäck und musste sicherstellen, dass mindestens eine Person evangelisch ist.

Über 30 Paare ließen sich am Freitag auf dieses Abenteuer ein. Zu den Paaren, die diesen besonderen Weg wählten, gehören auch Silvia und Stefan aus dem Bad Hersfelder Ortsteil Kohlhausen. Sie wurden am Freitag vom Heringer Pfarrer Christoph Rode getraut. Es war ein buntes Bild der Liebe: Jungverliebte, die sich frisch trauen, und Paare, die nach Jahren noch einmal innehalten.

Wenn Liebe über die Jahre wächst

Silvia und Stefan blickten bereits auf eine gemeinsame Zeit zurück. Seit 20 Jahren sind die beiden ein Paar, seit 15 Jahren verheiratet. Sie haben alle möglichen Höhen und Tiefen durchlebt, die das Leben so bereithält. In der kühlen Stille der Kirche wurde deutlich, dass dieser Segen für viele ein bewusster Meilenstein ist - ein Dankeschön an den gemeinsamen Weg und ein Versprechen für das, was noch kommt.

Die Atmosphäre war voller Glück und Zuversicht. Pfarrer Frank Nico Jaeger beschrieb das Gefühl des Tages folgendermaßen: "Ich habe den schönsten Beruf der Welt. Besonders heute. Es ist wunderbar, Menschen so glücklich zu sehen." Auch Dekan Michael Zehender und seine Pfarrerkollegin Imke Leipold konnten ihr Glück nicht fassen, so viele Paare an diesem Tag begleiten zu dürfen.

Zwischen Festspiel-Trubel und Segen

Während draußen in der Stadt die Vorbereitungen für die 75. Bad Hersfelder Festspiele auf Hochtouren liefen und die Stadt vor Aufregung bebte, bot die Stadtkirche einen Ort der Erdung. Die Szene verband den leichten Humor eines spontanen Entschlusses an einem heißen Freitagnachmittag mit der Ernsthaftigkeit, die dem Angebot seinen eigentlichen Wert verlieh.

Die evangelische Kirche in Bad Hersfeld zeigte mit dieser Aktion, dass große Gefühle keinen pompösen Rahmen brauchen. Manchmal reichen eine offene Tür, ein geschmückter Altar, ein Pfarrer, der zuhört, und die Entscheidung zweier Menschen, ihr "Ja" unter einen höheren Segen zu stellen, egal wie sehr die Sonne brennt. (Jürgen Böthig) +++

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