Weg von Friede, Trauer, Eierkuchen

Vortrag von Jens-Christian Wagner: Herausforderungen der Gedenkstättenarbeit

Header Prof. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, mit Gunter Geiger (Katholische Akademie) und Jutta Hamberger (GCJZ).
Fotos: Jutta Hamberger

17.06.2026 / FULDA - Der Hessentag bietet nicht nur Raum für Begegnung und Unterhaltung, sondern auch für gesellschaftliche Debatten. Dies zeigte der Vortrag von Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, zu den Herausforderungen der Gedenkstättenarbeit. Zu der Veranstaltung hatten die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Fulda (GCJZ) und die Katholische Akademie Fulda eingeladen. Der Grüne Saal der Akademie war bis auf den letzten Platz besetzt.


Tatorte mitten in der Gesellschaft

Wagners Antwort auf die Frage, was ein Gedenkort eigentlich sei, fiel eindeutig aus: Deutsche Gedenkorte seien in aller Regel auch ehemalige Tatorte – Konzentrationslager, Gefängnisse, oder Orte nationalsozialistischer Selbstinszenierung wie das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, das KdF-Seebad Prora oder der Bückeberg bei Hameln.

Deutschland sei von einem dichten Netz aus Konzentrationslagern, Kriegsgefangenen-, Arbeits- und Zwangslagern überzogen gewesen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus seien also nicht irgendwo in der Ferne geschehen. "Das geschah mitten in der Gesellschaft, sichtbar und öffentlich", so Wagner.

Der schwierige Weg zur Erinnerung

Aus heutiger Sicht erscheint die Existenz von Gedenkstätten selbstverständlich. Wagner erinnerte jedoch daran, dass dies keineswegs immer so gewesen sei. Nach 1945 habe die deutsche Gesellschaft den Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen vielfach vermieden. Die von den Alliierten angestrebte Konfrontation mit den Verbrechen habe häufig nicht zu Einsicht, sondern eher zu einer Umdeutung der eigenen Rolle geführt. Viele Deutsche hätten sich vor allem als Opfer von Krieg, Flucht und Zerstörung verstanden.

"Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Überreste dieser grauenvollen Orte sehr schnell verschwanden und man das Gedenken Fremden und Opfern überließ", sagte Wagner.

Überlebende errichteten unmittelbar nach der Befreiung erste Denkmäler und Gedenksteine, wurden aber von den Deutschen kaum beachtet. Viele ehemalige Lager- und Haftorte gerieten in den folgenden Jahren in Vergessenheit, andere wurden als Unterkünfte für Flüchtlinge und Vertriebene, als Kasernen oder Polizeistandorte genutzt.

Maximierung historischer Sinnstiftung

Auch die DDR habe eine eigene Form der Gedenkstättenarbeit entwickelt. Gedenkstätten seien dort als Symbole des antifaschistischen Widerstands verstanden worden, und damit als Teil des staatlichen Gründungsmythos.

Als Beispiel nannte Wagner das sogenannte Kleine Lager in Buchenwald. Dieser Bereich des Konzentrationslagers war ein Siech- und Sterbeort, insbesondere für jüdische Häftlinge. Lange Zeit spielte er in der offiziellen Erinnerungskultur jedoch kaum eine Rolle. "Das Kleine Lager hätte man schlecht mit antifaschistischem Widerstand und Heldenmut erklären können", so Wagner. Diese "Maximierung historischer Sinnstiftung" habe die Gedenkstättenarbeit der DDR bis 1989 geprägt.

Erinnerungsweltmeister Deutschland?

Mit den 1970er Jahren begann in Westdeutschland ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel. Eine neue, von der NS-Zeit persönlich unbelastete Generation stellte Fragen, die zuvor oft verdrängt worden waren. Historische Authentizität, wissenschaftliche Forschung und professionelle Bildungsarbeit rückten stärker in den Mittelpunkt.

Ist die deutsche Erinnerungskultur also eine Erfolgsgeschichte der "Erinnerungsweltmeister Deutschland", wie Wagner es formulierte? Seine Antwort fiel differenziert aus. Kritisch sah er vor allem die ritualisierten, oft erstarrten Formen des Gedenkens. Schon der Begriff "Erinnerung" sei problematisch. Erinnern könne man sich nur an etwas, das man selbst erlebt habe. Wie aber solle man Menschen, die achtzig Jahre nach Kriegsende eine Gedenkstätte besuchen, Erinnern vermitteln?

Die häufig moralisch aufgeladene Aufforderung zum Erinnern führe nicht automatisch zu einer vertieften Auseinandersetzung mit Geschichte. Wer sich erinnere, ohne die Hintergründe zu verstehen, wer trauere, ohne sich mit Ursachen und Zusammenhängen zu beschäftigen, gebe sich mit Entlastungsritualen zufrieden.

Wer waren die Täter?

Damit war Wagner beim Kern seines Vortrags angekommen. Eine zukunftsgerichtete Erinnerungskultur müsse sich stärker den Tätern, Mitläufern und Profiteuren des NS-Regimes widmen. "Wer nur um die Opfer trauert, macht Menschen zu Objekten und sieht sie nicht länger als Akteure", sagte er.

Natürlich bleibe die Shoah das zentrale Menschheitsverbrechen der NS-Zeit. Gleichzeitig dürften die vielen anderen Opfergruppen nicht aus dem Blick geraten: Sinti und Roma, Kriegsgefangene, Menschen mit Behinderungen, sogenannte Asoziale, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Homosexuelle sowie politische und religiöse Gegner des Regimes.

Vor allem aber müsse gefragt werden: Wer waren die Täter? Was trieb sie an? Warum akzeptierten Millionen Deutsche Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt? Warum halfen so wenige den Verfolgten?

Die NS-Diktatur habe auf umfassender Zustimmung breiter Bevölkerungskreise beruht und auf der "Selbstmobilisierung von Millionen Deutscher", so Wagner. Der Nationalsozialismus sei nicht vom Himmel gefallen, ihm sei eine lange Phase der Gewöhnung an politische Gewalt vorausgegangen. Hinzu kamen die "emotionalen Angebote des Regimes": das Versprechen von Zugehörigkeit, die Idee der "Volksgemeinschaft", aber auch Ausgrenzung, Gruppendruck und das Sicherheits- und Kriminalisierungs-Narrativ: "Von Fremden wurde Angst gemacht, Ungleichheit wurde als Verheißung verkauft", fasste Wagner zusammen.

Erkenntnis statt Bekenntnis

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe nur dann Relevanz für die Gegenwart, wenn sie dazu beitrage, die eigene politische, soziale und ethische Haltung zu hinterfragen. Denn autoritäre und antidemokratische Bewegungen weltweit arbeiteten bis heute mit ähnlichen Mechanismen der Ausgrenzung und Angstmobilisierung.

Erinnerungskultur müsse daher mehr leisten als lediglich Betroffenheit zu erzeugen. "Wir brauchen ein reflektiertes Geschichtsverständnis. Wir brauchen Erkenntnis, nicht Bekenntnis", sagte Wagner.

Der Vortrag wurde mit langanhaltendem Beifall aufgenommen. In der anschließenden lebhaften Diskussion vertieften die Teilnehmer:innen die von Wagner aufgeworfenen Fragen nach Verantwortung, gesellschaftlicher Zustimmung und demokratischer Wachsamkeit noch weiter. (Jutta Hamberger/pm) +++

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