Volle Fahrt voraus

Selbsttest im Sportrollstuhl: Wenn aus Basketball Jonglieren auf Rädern wird

Rollstuhl-Basketball sieht nicht nur anspruchsvoll und anstrengend aus: Das ist es auch!
Fotos: Jürgen Böthig

11.06.2026 / BAD HERSFELD - Mal ehrlich: Wer zu Fuß unterwegs ist, macht sich kaum Gedanken darüber, wie viel Arbeit schon eine einfache Richtungsänderung ist. Zwei Schritte, ein Sprint, ein kurzer Haken – alles Routine. Doch sobald man in einem Sportrollstuhl sitzt, verändert sich die Welt grundlegend.



Genau das durfte ein freier Mitarbeiter des O|N-Teams beim Training der Rollstuhl-Basketballgruppe des Bad Hersfelder Vereins für Sport und Gesundheit (BVSG) erleben. Eines wurde nach wenigen Minuten klar: Rollstuhl-Basketball ist weit mehr als Sitzen und Werfen. Es ist eine Sportart voller Dynamik, technischer Finesse und vor allem gelebter Gemeinschaft.

Der Gegner heißt: Rollstuhl

In der Bad Hersfelder Geistalhalle herrscht eine entspannte Atmosphäre. Fünf Männer sind heute gekommen, einige mit körperlicher Beeinträchtigung, andere ohne. Leistungsdruck? Fehlanzeige. Hier geht es um Spaß und Bewegung. Doch wer glaubt, es werde gemütlich ein wenig auf Körbe geworfen, irrt gewaltig. Denn der erste Gegner ist der Rollstuhl selbst. Während die erfahrenen Spieler mühelos durch die Halle gleiten, dreht sich der Neuling zunächst öfter im Kreis als in Richtung Korb.

Die Räder wollen perfekt synchron angeschoben werden, sonst zieht der Stuhl unaufhaltsam zur Seite. Bremsen funktioniert ganz anders als gewohnt, und rückwärts zu fahren fühlt sich an wie Einparken bei einem Erdbeben. Die BVSG-Mitglieder nehmen es mit Humor. "Ganz normal", ruft Maurice lachend, als der Reporter erneut die Orientierung verliert. "So sahen wir am Anfang auch aus."

Jonglieren auf Rädern

Nach einigen Runden wurde deutlich, wie viel Technik hinter dem Sport steckt. Ball kontrollieren und gleichzeitig die Räder antreiben? Was bei den Routiniers flüssig aussieht, fühlt sich für Anfänger wie Jonglieren auf einem Fahrrad an. "Wir nehmen das Reglement aber nicht zu ernst, der Spaß steht an erster Stelle", erklärte Daniel, der extra aus Fulda zum Training angereist ist. Prompt kam Tempo ins Spiel. Plötzlich rauschten die Rollstühle quer durch die Halle. Es wurde gepasst, geblockt, verteidigt.

Das Surren der Räder, der fliegende Ball, das leichte Krachen bei einem sportlichen Zusammenstoß. Alles kontrolliert, alles fair, aber überraschend schnell. Die Energie kommt nicht aus den Beinen, sondern aus kräftigen Armen und präziser Technik. Nach wenigen Minuten melden sich Muskelpartien, deren Existenz bisher eher theoretischer Natur war.

Mehr als nur Sport

Trotz aller sportlichen Herausforderungen bleibt eines konstant: der Zusammenhalt. Auf dem Spielfeld sitzen alle im Rollstuhl, alle meistern dieselben Hürden. Unterschiede verschwinden hier in Sekundenschnelle. Man gibt sich Tipps, lacht über missglückte Würfe und feiert gelungene Spielzüge gemeinsam. Wer kommt, gehört dazu. Als das Trainingsspiel beendet ist, wird klar, warum die Teilnehmer Woche für Woche wiederkommen. Die Intensität, es wird um jeden Ball gekämpft, während die Stimmung herzlich bleibt.

Unser Reporter erzielte zwar keinen einzigen Korb und lieferte eher unfreiwillige Pirouetten als präzise Pässe ab, doch das besondere Gefühl, Teil eines Teams zu sein, stellte sich sofort ein.

Perspektivwechsel inklusive

Nach dem Training ist die Erkenntnis eindeutig: Rollstuhlbasketball verändert nicht nur die Sicht auf den Sport, sondern auch das Verständnis für Bewegung, Leistung und Inklusion. Wer einmal selbst im Sportrollstuhl gesessen hat, versteht, wie viel Können und Koordination dahinterstecken. Beim BVSG Bad Hersfeld geht es nicht um Tabellenplätze, sondern um die Freude am Miteinander. Manchmal reicht genau das, um den eigenen Horizont ein gutes Stück zu erweitern.

Neugierig geworden? Wer Lust hat, selbst einmal mitzumachen, kann sich jederzeit bei Dirk Hewig melden: Rollstuhlsport.hersfeld@web.de. (Jürgen Böthig) +++

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