Dieser Ort formuliert einen Auftrag
Einweihung des Gedenkorts: Alter Jüdischer Friedhof erhält seine Würde zurück
Alle Fotos: Martin Engel
09.06.2026 / FULDA -
Nach neunjähriger Planung war es am Montag endlich soweit: Der Alte Jüdische Friedhof wurde seiner Bestimmung als Gedenkort übergeben. Ein Gedenkort für die ca. 2.000 Juden, die hier begraben wurden, und ein Erinnerungsort für die ca. 600 deportierten Juden während der NS-Zeit. Viele waren zu dieser Feier gekommen – aus der Politik und den Kirchen, der jüdischen Gemeinde, verschiedenen Organisationen und natürlich zahlreiche interessierte Fuldaerinnen und Fuldaer.
Über 100 Jahre unrühmliche Geschichte
"Seit 600 Jahren steht dieser Ort für jüdisches Leben in Fulda", so Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld in seiner Begrüßung. Er verwies auf die erste urkundliche Erwähnung eines jüdischen Friedhofs dieser Stelle aus dem Jahr 1442. Bis 1906 wurden hier Bestattungen vorgenommen, dann wurde der neue Friedhof an der Heidelsteinstraße eingeweiht. Im 20. Jahrhundert wurde der Grundsatz, dass ein jüdischer Friedhof immer bleibt und nie seine Bestimmung verliert, oft missachtet. "Dem hat die Geschichte in den letzten 120 Jahren nicht Rechnung getragen", so der OB – und skizzierte die Zerstörung und Schändung des Friedhofs in der NS-Zeit, die von der gleichgeschalteten Fuldaer Zeitung mit feixender Genugtuung als Verschönerung gefeiert wurde.Darf man sagen: "Das ist aber schön geworden?"
Stadtbaurat Daniel Schreiner erinnerte an die Diskussionen rund um die Neugestaltung des Alten Jüdischen Friedhofs. Er habe sich gefragt: Darf man eine Gedenkstätte, die auf eine Tragödie verweist, schön finden, wenn sie fertig ist? Die Arbeitsgruppe Jüdisches Fulda habe einen langen Weg der Eintrübungen und Erhellungen genommen, letztlich aber doch die verschiedenen Perspektiven zusammengebracht. Einig sei man sich immer in diesem Punkt gewesen: Wir bleiben dem Gedenken treu. Deswegen gäbe es die – noch einzupflanzende Rasenfläche, das Band der Erinnerung – das vom Provisorium noch in die endgültige Form zu überführen sei, die äußere Begrenzung durch den Buchstabenzaun mit Psalm 23, in dem sich Tanach und Altes Testament träfen, und "im Inneren eine geschundene jüdische Welt". Ein Ort, der flüstert
Daniel Neumann, der Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Hessen, sagte in seiner ergreifenden Rede, es gäbe Orte, die seien laut und schrien. Und es gäbe Orte, die flüsterten aus den Tiefen der Vergangenheit. Ein solcher Ort sei dieser Friedhof, der Gewalt erfahren habe und geschändet worden sei. "Das war ein Ort, dem jahrelang alles fehlte, was Würde widerspiegelt", so Neumann. Zwar habe man ihm mit Jerusalemplatz einen schönen Namen gegeben, aber den Zweck des Ortes vergessen. Heute stehen wir auf heiligem Boden
Ethan Bensinger sprach für die Nachfahren der ehemaligen jüdischen Gemeinde: "Heute stehen wir auf heiligem Boden, geheiligt durch Erinnerung und Traurigkeit". Auch er erinnerte an die Finsternis der NS-Zeit, deren Wunden in der Nachkriegszeit zunächst vertieft worden seien. "Aber heute wendet sich die Geschichte der Würde zu", so Bensinger, "heute bekräftigen wir, dass Heiligkeit verdeckt, aber niemals ausgelöscht werden kann." Im Herbst geht die Website online
Thomas Bensch vom Kitzinger Planungsbüro arc.grün erzählte von der Herausforderung für die Landschaftsplaner, diesen Gedenkort als einen Ort des Innehaltens, aber auch der Begegnung zu gestalten und wies auf die vielen Einzelpersonen, Ämter und Behörden hin, die an der Realisierung mitgearbeitet hätten.Weihe durch Rabbiner Großberg
Rabbiner Shimon Großberg aus Hanau begann die Weihe des Gedenkorts mit einem Gleichnis: Ein Wanderer habe einst einen alten Mann beobachtet, der eine tiefe Grube ausgehoben habe, um darin einen Johannesbrotbaum zu pflanzen. Verwundert fragte ihn der Wanderer: Warum tust du das? Der trägt doch erst in 70 Jahren Früchte, die wirst du nie sehen oder essen! Der alte Mann wandte sich ihm zu und antwortete: Ich pflanze diesen Baum nicht für mich, sondern für die, die nach mir kommen."Genauso ist es mit diesem Friedhof: Mit ihm bewahren wir unser Erbe und verstehen, dass Erinnerung eine Verpflichtung für die Zukunft ist", so Großberg. Mit zwei auf hebräisch gebeteten Psalmen endete die Weihe. Musikalisch umrahmten Natalya Oldenburg und ihr Sohn Erik die Feier – sie spielten drei Stücke aus Riccardo Joshua Morettis ergreifenden "12 Jewish Songs": Halom, Kaddish und Yr Shalom.