Perspektivwechsel auf dem Stadtring
Weltweite Bewegung "Critical Mass" fordert fahhradfreundlicheren Stadtverkehr
Perspektivenwechsel auf dem Stadtring
Fotos: Jürgen Böthig
31.05.2026 / BAD HERSFELD -
Freitag, kurz vor 17 Uhr. Auf dem Bad Hersfelder Stadtring schiebt sich Stoßstange an Stoßstange. Motoren brummen monoton im Leerlauf, Bremslichter flackern im Sekundentakt hektisch auf, irgendwo reißt einem Autofahrer der Geduldsfaden und er hupt gellend in den Abendhimmel. Feierabendverkehr. Nervenverschleiß im Minutentakt. Ein ganz normaler Alltag in der Stadt.
Doch nur wenige Meter entfernt, im idyllischen Schildepark, herrscht eine völlig andere Stimmung. Hier klickt kein ungeduldiger Blinker, hier rasseln feingliedrige Fahrradketten. Menschen lachen gelassen, trinken noch schnell einen letzten Schluck Wasser aus ihren Trinkflaschen, überprüfen den Luftdruck ihrer Reifen und die Funktion der Beleuchtung. Zwischen klassischen Hollandrädern, modernen E-Bikes und Lastenrädern blitzt ein Gefährt auf, das aussieht wie eine faszinierende Mischung aus aerodynamischer Rennmaschine und mutiger Zukunftsvision: ein Liegerad.
Tief über dem nackten Asphalt liegend, windschnittig konstruiert und fast lautlos. Es ist wieder Zeit für die "Critical Mass". Rund 30 Radfahrerinnen und Radfahrer haben sich an diesem Abend hier versammelt. Sie wollen den Stadtring nicht aus purem Trotz blockieren, sondern etwas viel Fundamentaleres erreichen: Sie wollen sichtbar machen, dass urbane Straßen so viel mehr sein können als bloße Blechkorridore für den täglichen Verkehrskollaps. Den Teilnehmern ging es nicht darum, die Straße für sich alleine zu erobern, sondern vielmehr "für ein faires Miteinander" zu demonstrieren.
Dann setzt sich die Gruppe in Bewegung. Langsam zuerst, beinahe vorsichtig tasten sich die ersten Reifen auf die Fahrbahn. Doch mit jedem geradelten Meter wächst die spürbare Dynamik, das beflügelnde Gefühl, plötzlich Teil von etwas Größerem zu sein. Die bunt gemischte Kolonne rollt selbstbewusst auf den Stadtring hinaus. Vorbei an den dicht an dicht wartenden Autos, vorbei an irritierten, teils ungläubigen Blicken hinter den gläsernen Windschutzscheiben und an den Passanten auf den Bürgersteigen.
Im selben Moment verändert sich die Perspektive auf die gesamte Stadt radikal. Wer auf dem Liegerad unterwegs ist, erlebt den städtischen Verkehr plötzlich auf Augenhöhe mit Stoßstangen, Auspuffrohren und Kühlergrills. Es ist eine verletzliche, aber auch ungemein intensive Perspektive. Gleichzeitig entsteht inmitten der Gruppe ein Gefühl der Freiheit, das im Cockpit eines Autos kaum noch vorstellbar scheint. Kein dröhnender Motorenlärm hinter hermetisch geschlossenen Fenstern, kein hektisches, genervtes Schalten zwischen Kupplung und Bremse im Stop-and-Go. Stattdessen fühlt man den kühlenden Fahrtwind im Gesicht, hört angeregte Gespräche von links und rechts und spürt das merkwürdige, fast utopische Gefühl, dass eine Stadt auch viel entspannter, menschlicher funktionieren könnte.
Weltweite Bewegung "Critical Mass"
Genau darum dreht sich alles bei der weltweiten Bewegung "Critical Mass". Die Aktivisten wollen Aufmerksamkeit schaffen. Sie fordern echte, sichere Radwege, lebenswertere Innenstädte und eine zukunftsträchtige Verkehrspolitik, die nicht mehr ausschließlich und bedingungslos auf das Auto zugeschnitten ist. Viele der Teilnehmer eint dabei derselbe, über Jahre gereifte Gedanke: Unsere Städte seien über Jahrzehnte hinweg stur für Autos gebaut worden, nicht für die Menschen, die darin leben. Zu viele urbane Flächen würden Tag für Tag geopfert. Für sterile Parkplätze, mehrspurige Asphaltschneisen und stehenden Verkehr. Während Kinder zwischen den meterhoch parkenden SUVs kaum noch sicher die Straßenseite überqueren können, kämpfen Radfahrer im Alltag oft um jeden einzelnen Zentimeter Platz.
"Man merkt erst auf dem Fahrrad, wie absurd manche Wege mit dem Auto eigentlich sind", sagt einer der Teilnehmer mit einem Kopfschütteln, während die Gruppe an einer roten Ampel kollektiv wartet. Tatsächlich entfaltet die gemeinsame Fahrt an manchen Stellen eine fast schon satirische Wirkung. Da sitzt ein einzelner Mensch isoliert in einem zwei Tonnen schweren, hochmotorisierten SUV, nur um vielleicht wenige Straßen weiter ein paar Brötchen zu holen. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, 300 Pferdestärken sind im brachialen Einsatz. Für drei Croissants und einen Kaffee zum Mitnehmen im Pappbecher. Die Radfahrer sehen darin längst nicht mehr nur ein ökologisches Umweltproblem, sondern das unübersehbare Symbol für eine völlig aus dem Gleichgewicht geratene urbane Mobilität.
Doch so eindeutig und harmonisch die Stimmung innerhalb der Fahrradgruppe auch wirken mag, die Debatte auf der anderen Seite der Fensterscheiben ist es keineswegs. Denn die Kritiker solcher Aktionen sehen in der "Critical Mass" vor allem eines: eine pure, mutwillige Verkehrsbehinderung. Für viele ohnehin gestresste Autofahrer sind die Fahrradkorsos ein zusätzlicher, nervenzehrender Stressfaktor in den ohnehin chronisch überlasteten Innenstädten.
Sie sprechen verärgert von künstlich erzeugten Staus, von einer gefühlten moralischen Überheblichkeit der Radler und betonen vehement, dass das Auto für viele Menschen eben kein verzichtbarer Luxus, sondern harte wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit sei. Pendler aus dem ländlichen Umland, Handwerker mit schwerem Gerät, Lieferdienste oder unter Zeitdruck stehende Pflegekräfte könnten nicht einfach mal eben aufs Fahrrad umsteigen.
Gerade in Regionen außerhalb der Metropolen oder bei einer mangelhaften ÖPNV-Anbindung bleibe der eigene Pkw oft absolut alternativlos. Manche Autofahrer kritisieren zudem scharf, dass Radfahrer selbst im Alltag häufig Verkehrsregeln missachteten, gleichzeitig aber immer mehr Raum und Privilegien für sich einforderten.
Tatsächlich wird an diesem lauen Abend unmissverständlich deutlich: Die viel beschworene Verkehrswende ist kein romantischer, konfliktfreier Fahrradausflug im Sonnenschein. Sie ist ein tiefgehender gesellschaftlicher Verteilungskampf über den begrenzten Platz, über politische Prioritäten und letztlich über die Definition von Lebensqualität.
Zwischen Zustimmung und offener Ablehnung liegt oft nur die Dauer einer einzigen roten Ampelphase.
Doch völlig unabhängig davon, auf welcher Seite dieses Grabens man persönlich steht: Die "Critical Mass" zwingt jeden Beobachter zu einem unweigerlichen Perspektivenwechsel. Sie führt uns vor Augen, dass unsere aktuelle Form der Mobilität nicht naturgegeben oder alternativlos ist, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger politischer Gestaltung. Dass Städte eben auch völlig anders funktionieren könnten. Leiser. Sicherer. Weniger gehetzt.
Die Teilnehmer fahren deshalb nicht nur aus purem Eigennutz. Viele tun es aus Zukunftssorgen um ihre Kinder, wegen des fortschreitenden Klimawandels oder schlicht aus dem täglichen Frust über gefährliche Beinah-Unfälle auf maroden, viel zu engen Radwegen. Andere wiederum genießen an diesem Freitagabend einfach das spürbare Gemeinschaftsgefühl und die seltene Erfahrung, eine vielbefahrene Straße einmal nicht als stressige Stauzone, sondern als lebendigen, öffentlichen Raum zu erleben.
Als sich die Gruppe am Ende der Route langsam wieder auflöst, kehrt der gewohnte, unerbittliche Rhythmus der Stadt im Sekundentakt zurück. Motorengeräusche verdrängen das Klingeln der Fahrräder. Der Stadtring gehört im Nu wieder ganz den Autos. Zumindest bis zum nächsten Freitag.
Doch die Idee, die an diesem Abend gesät wurde, bleibt wie ein unsichtbarer Nebel im Raum stehen: Vielleicht wäre eine autoärmere Stadt am Ende keine bedrohliche Verbotsfantasie, sondern für uns alle tatsächlich ein immenser Gewinn. Nicht für alle Wege des Lebens. Nicht für jede erdenkliche Situation. Aber für verdammt viele. Vielleicht schmecken die Brötchen am Ende tatsächlich ein Stück besser, wenn man sie emissionsfrei und mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause gebracht hat. (Jürgen Böthig) +++