Uraufführung St. Salvator-Messe

Pontifikalamt am Pfingstsonntag: Die Schöpfung erhebt ihren Geist

Bischof Dr. Michael Gerber feierte das Pontifikalamt zu Pfingsten – bei dem die "Missa St. Salvator" uraufgeführt wurde.
Alle Fotos: Martin Engel

25.05.2026 / FULDA - Das Hochfest Pfingsten zählt zu den feierlichsten Tagen des Kirchenjahres. In diesem Jahr stand das Pontifikalamt im Fuldaer Dom ganz im Zeichen der Uraufführung der "Missa St. Salvator", geschrieben vom Wormser Chorleiters und Komponisten Hartwig Lehr (*1952). Es musizierten die Chöre am Dom sowie Domorganist Max Deisenroth an der großen Domorgel und Regionalkantor Ulrich Moormann an der Chororgel – unter der Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber.


Eine Auftragskomposition

Neue Messkompositionen entstehen heute meist als Auftragswerke. So auch die "Missa St. Salvator", der ein intensiver Austausch zwischen Franz-Peter Huber und Hartwig Lehr vorausging. Die Anforderungen waren hoch: Die Messe sollte den spirituellen und klanglichen Raum des Fuldaer Doms aufnehmen und ausdrücklich für zwei Orgeln geschrieben sein. Werke dieser Art gibt es nicht viele – und die meisten wurden in Fulda bereits aufgeführt. Wer Domkapellmeister Huber kennt, weiß zudem, dass er stets nach unbekannten oder selten gesungenen Kompositionen sucht. In Hartwig Lehr fand er dafür den idealen Partner: einen Komponisten, der traditionelle liturgische Formen mit einer eigenständigen zeitgenössischen Tonsprache verbindet.

Lehr selbst saß während der Aufführung bescheiden in einer der hinteren Bänke, nah beim Chor. "Ich habe viele Jahre Chöre geleitet. Ich weiß, was ich ihnen zumuten kann – oder dem Publikum", sagte er vor dem Gottesdienst. Und tatsächlich: Diese Messe ist hervorragend singbar. Zwar arbeitet Lehr durchaus mit Dissonanzen, doch sie lösen sich immer wieder auf. Vom ersten Ton an wird hörbar, dass dieses Werk für genau diesen Raum geschrieben wurde. Die Musik reagiert auf Architektur, Nachhall und Größe des Doms und erschließt den Raum klanglich neu.

Vielschichtiges Klangerlebnis

Neben Lehrs Messe erklangen gregorianische Gesänge, bekannte Kirchenlieder aus Mittelalter und Barock sowie moderne Stücke wie der Sanctus-Ruf "Veni, Sancte Spiritus" aus Taizé oder Gregor Aichingers "Confirma hoc, Deus". Schnell wurde deutlich, wie selbstverständlich sich Lehrs Tonsprache zwischen alter und moderner Kirchenmusik bewegt. Da ist kein Bruch, alles wirkt organisch.

Das aufstrahlende "Kyrie" wird immer wieder von Dissonanzen gebrochen und kontrastiert zugleich mit dem zarten Knabensopran von der Kanzel. Lehr entschied sich bewusst für junge Stimmen – später im "Benedictus" für einen Mädchen-Sopran. "Die jungen Stimmen klingen einfacher und reiner, nicht so schwer wie ein ausgewachsener Sopran", erklärte er. Tatsächlich verleihen diese Soli der Messe eine besondere Leuchtkraft.

Im "Gloria" beeindruckt vor allem, wie differenziert Lehr die Stimmen führt: zunächst Alt und Tenor, dann die Soprane, schließlich die Bässe. Immer wieder scheint die Musik aufzusteigen, tastend, suchend, sich öffnend. Besonders eindrucksvoll gelingen Lehr die dynamischen Schattierungen zwischen Hell und Dunkel, zwischen Pianissimo und machtvoller Klangfülle. Im "Sanctus" dominieren zunächst spannungsreiche Dissonanzen,

von der Orgel markiert und akzentuiert. Im "Benedictus" erhebt sich dann der Mädchen-Sopran beinahe schwerelos, bevor das "Hosianna" den Chor zu jubelnder Pracht aufschwingen lässt. Im "Agnus Dei" wandern Tonläufe zwischen Orgel und Stimmen hin und her, verdichten sich im "Dona Nobis" beinahe zu einem Kanon und verklingen schließlich im Pianissimo.

Lehrs Messe bleibt stets liturgische Musik. Sie drängt sich nicht in den Vordergrund, sie überwältigt nicht, sie trägt Gebet, Sammlung und Feier. Mal klingt sie zart und innig, mal festlich und raumfüllend – und gleicht damit dem Raum, für den sie geschrieben wurde: der Hohe Dom zu Fulda.

Resonanzräume öffnen

Die Predigt von Bischof Michael Gerber griff den Charakter der Messe auf. Gerber erzählte von einer Radtour auf dem Milseburg-Radweg, bei der er in einer Kirche Rast gemacht habe, um dort die wohltuende Stille zu genießen. Als eine Familie mit kleinen Kindern die Kirche betrat und eines der Kinder laut zu rufen begann, habe ihn das zunächst gestört. "Ich war erst ungehalten und ungeduldig", sagte der Bischof. Dann aber habe er begriffen: "Dieses Kind erzählt mir gerade von Gott und von dem, wozu die Kirche berufen ist." Das Kind habe gespürt, dass der Klang in einer Kirche anders sei als Zuhause.

Kirchen seien Orte besonderer Resonanz, so Gerber weiter – Orte, an denen menschliches Fragen und Sorgen Widerhall fänden. Von dort schlug er den Bogen zur Uraufführung der "Missa St. Salvator". Gerade ihre Dissonanzen beschrieben die Spannungen und Unsicherheiten der Gegenwart. "Sie macht uns aufmerksam für die Schreie unserer Tage."

Pfingsten bedeute deshalb auch, sich dem Fremden und Verstörenden auszusetzen, statt vorschnell Urteile und Etiketten zu verteilen. Genau darin liege Gottes Auftrag: mit offenen Ohren und offenem Herzen zu hören. (Jutta Hamberger) +++

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