Abschied und Ankommen
Ein halbes Jahrhundert Türkisch-Islamische Gemeinde
Fotos: O|N / Marvin Myketin
11.05.2026 / FULDA -
Vor 50 Jahren die Heimat verlassen und nach Fulda gekommen – das bedeutete Abschied und Ankommen in der Fremde, Aufbauarbeit, Verzicht und Opferbereitschaft, aber auch Integration und Zukunftsoptimismus.
Halit Koçak, der Schriftführer der Gemeinde, begrüßte den Oberbürgermeister, die Mitglieder der DITIB-Gemeinde, Vertreter verschiedener türkischer Vereine, den islamischen und den alevitischen Kulturverein, Mitglieder des Runden Tischs der Religionen, die neu gewählte Vorsitzende des Ausländerbeirats sowie viele Gäste, die zum Jubiläum gekommen waren.
Von den einfachen Anfängen
Das Jubiläum hatte mit einem Familientag am Samstag begonnen. Die Feier am Sonntag wurde mit einer Koran-Rezitation eingeleitet, auf arabisch vorgetragen von Eşref Anuştekin, dem Imam der Fuldaer Gemeinde. Er wählte eine Sure aus, die von der Schaffung des Menschen durch Allah sprach, der die Menschen gelehrt habe, den Koran zu lesen und sein Wort zu befolgen – ein Text, der stark an die christliche Schöpfungsgeschichte erinnerte. Der Text wurde ins Deutsche und ins Türkische übersetzt – niemand musste sich ausgeschlossen fühlen. Auch der Verstorbenen der Gemeinde gedachte man durch ein Gebet.Christen und Muslime
Pfarrer Winfried Bittners Rede war fast ein Grundsatzreferat. Der erste zum Islambeauftragten berufene Geistliche des Bistums Fulda dankte zunächst den Frauen – schließlich fand die Feier am Muttertag statt. "Ihr Einsatz und ihr Dienst verlangt, mit Dankbarkeit und Respekt wahrgenommen zu werden" – ein Wort, dass den eher am Rand und strikt von den Männern getrennt sitzenden Frauen sicherlich guttat. Bittner sprach dann über die Anfänge des interreligiösen Dialogs im Jahr 1986. Damals hatte der damalige Papst Johannes Paul II. Führer und Verantwortliche der großen Weltreligionen nach Assisi eingeladen, um sich zu kennenzulernen und gemeinsam – in der jeweils eigenen religiösen Tradition – für den Frieden zu beten. Dies sei das erste große Gebetstreffen aller Religionen gewesen, dem viele weitere folgten.Merhaba in Fulda
Fuldas Oberbürgermeister Herr Dr. Wingenfeld begrüßte die Mitglieder der Moscheegemeinde mit einem "Merhaba!" (Guten Tag). Auch der OB wandte sich gezielt an die Frauen und dankte ihnen an diesem Muttertag: "Was Sie als Frauen und Mütter in all diesen Jahren geleistet haben, wurde öffentlich kaum wahrgenommen."Klares Ziel müsse es sein, nicht nebeneinander, sondern miteinander zu leben – und dafür habe man in Fulda die Chance. "Ob es gelingt, liegt an jedem einzelnen von uns." Es gelänge dann, wenn alle mit klarer Werteorientierung aufeinander zugehen und bereit seien, Brücken zu bauen. Mit Blick auf die hinter ihm aufgestellte deutsche und türkische Fahnen befand der Oberbürgermeister, dass da noch Platz für eine dritte Fahne sei – die Fuldas. "Deren Farben sind grün und weiß – und auch das verbindet uns doch."
Bevor der ungezwungene Teil des Festes mit Sufi-Musik und Köstlichkeiten aus der türkischen Küche begann, wurden die ehemaligen Vorsitzenden der Gemeinde geehrt, aber auch die Jugendleiter und die Frauengruppe der Moscheegemeinde. Das verdeutlichte einmal mehr: Gemeindeleben kommt von gemeinsam und geht weit über die religiöse Erziehung hinaus. Hier wird Integration vorangetrieben – oder eben nicht. Die DITIB Gemeinde Fuldas steht für Integration – "wir leben hier, wir wollen, wir sind Teil der Fuldaer Gesellschaft", wie es in einer Rede hieß. (Jutta Hamberger) +++