Antonius vereint Experten und Betroffene
"Blinder Fleck der Medizin": Fachtag fordert inklusives Umdenken
Foto: Ralph Leupolt
29.04.2026 / FULDA -
Menschen mit geistiger Behinderung haben in Deutschland deutlich schlechtere Gesundheitschancen - mit dramatischen Folgen: Ihre Lebenserwartung liegt im Schnitt rund 20 Jahre unter der der Allgemeinbevölkerung. Beim "Fachtag Inklusive Medizin" wurde dieser Missstand klar benannt und zugleich nach Lösungen gesucht.
In der Antonius-Festscheune kamen Fachleute aus Medizin, Wissenschaft und Praxis zusammen - aber auch Betroffene und ihre Angehörigen. Die Bürgerstiftung "antonius:gemeinsam Mensch" rückte hier diesen "blinden Fleck" der Medizin ins Licht der Aufmerksamkeit. Veranstaltet wurde der Tag vom Therapiezentrum Zitronenfalter. Neben den zahlreichen Fachvorträgen gab es außerdem eine Podiumsdiskussion und eine Zukunftswerkstatt, bei der Teilnehmende eigene Ideen und Forderungen einbringen und gemeinsam Visionen für eine Medizin ohne Barrieren entwickeln konnten.
"Gesundheit ist ein Schlüssel für Teilhabe"
"Die zentrale Frage ist: Baut moderne Medizin Ungleichheiten auf oder ab?", sagte Sebastian Bönisch, Geschäftsführer von Antonius, zum Auftakt dieses besonderen Tages. Inklusive Medizin bedeute, von Anfang an so zu planen, dass wirklich alle mitgedacht werden. "Dieser Tag ist in dieser Form etwas Besonderes", erklärt auch Madita Bahr, Leiterin des Projektes Gesundheitsförderung bei Antonius, gegenüber OSTHESSEN|NEWS. Bei Antonius und dem Therapiezentrum Zitronenfalter gehe es nicht nur um Arbeit in Werkstätten, sondern um ein umfassendes Verständnis von Inklusion. "Genau dieses Verständnis übertragen wir auch auf die Gesundheitsförderung - und setzen damit ein Zeichen für gelebte Inklusion in der Region", erklärt sie in ihrem Vortrag. Gesundheit sei ein zentraler Faktor für gesellschaftliche Teilhabe. Ziel sei es, Angebote so zu gestalten, dass sie wirklich alle Menschen erreichen. Strukturelle Probleme statt medizinischer Ursachen
"Dass Menschen mit Behinderung früher sterben, ist kein medizinisches, sondern ein strukturelles Problem", betonte Bönisch. Zeitdruck, fehlende Vergütung und mangelnde Barrierefreiheit erschwerten vielerorts eine angemessene Versorgung. In einer Videobotschaft bezeichnete Michael Brand, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, eine barrierefreie Gesundheitsversorgung als "moralische Verpflichtung und Menschenrecht". Trotz Fortschritten hätten Menschen mit Behinderung weiterhin deutlich schlechtere Gesundheitschancen. Fulda könne hier als Modellregion vorangehen, die Entwicklung rund um Antonius habe bereits "Strahlkraft weit über die Region hinaus". "Aus kranken Menschen mit Behinderung gesunde Menschen mit Behinderung machen"
Prof. Dr. med. Tanja Sappok von der Universität Bielefeld machte deutlich, dass laut Studien bis zu 50 Prozent der Todesfälle vermeidbar wären. Entscheidend sei eine individuelle und sektorenübergreifende Versorgung. Zudem müsse Inklusive Medizin stärker in Ausbildung und Studium verankert werden. Sie findet: "Es geht nicht darum, die Behinderung zu heilen. Aus kranken Menschen mit Behinderung sollen gesunde Menschen mit Behinderung gemacht werden." Es braucht Veränderung!
Neben Fachvorträgen standen auch politische Fragen im Fokus: Wie müssen sich Strukturen ändern? Welche Rolle spielen spezialisierte Einrichtungen? Und wie gelingt echte Vernetzung? Vertreter aus der Region wie Dr. Ralf George, Vorstandsmitglied des Gesundheitsnetzes Osthessen und Prof. Dr. med. Reinald Repp, Leiter der Kinderklinik des Klinkiums Fulda, unterstrichen den Handlungsdruck - auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels.