Der Stadtpfarrer bei O|N
Stefan Buß: Brot in deiner Hand
Archivfoto: O|N/ Carina Jirsch
29.04.2026 / FULDA -
In der Jakobstraße in Paris liegt ein Bäckerladen; da kaufen viele hundert Menschen ihr Brot. Der Besitzer ist ein guter Bäcker. Aber nicht nur deshalb kaufen die Leute des Viertels dort gern ihr Brot. Noch mehr zieht sie der alte Bäcker an: der Vater des jungen Bäckers. Meistens ist nämlich der alte Bäcker im Laden und verkauft. Dieser alte Bäcker weiß, dass man Brot nicht nur zum Sattessen brauchen kann, und gerade das gefällt den Leuten.
Manche erfahren das erst beim Bäcker an der Jakobstraße, zum Beispiel der Autobusfahrer Gerard, der einmal zufällig in den Brotladen an der Jakobstraße kam. "Sie sehen bedrückt aus", sagte der alte Bäcker zum Omnibusfahrer. Ich habe Angst um meine kleine Tochter", antwortete der Busfahrer Gerard. "Sie ist gestern aus dem Fenster gefallen, vom zweiten Stock." "Wie alt?" fragte der alte Bäcker. "Vier Jahre", antwortete Gerard. Da nahm der alte Bäcker ein Stück vom Brot, das auf dem Ladentisch lag, brach zwei Bissen ab und gab das eine Stück dem Busfahrer Gerard. "Essen Sie mit mir", sagte der alte Bäcker zu Gerard, "ich will an Sie und Ihre kleine Tochter denken."
Aber es passierte auch anderes, über das sich die Leute wunderten. Da gab es zum Beispiel einmal die Geschichte mit Gaston: An einem frühen Morgen wurde die Ladentür aufgerissen und ein großer Kerl stürzte herein. Er lief vor jemandem fort, das sah man sofort. Und da kam ihm der offene Bäckerladen gerade recht. Er stürzte also hinein, schlug die Tür hastig hinter sich zu und schob von innen den Riegel vor. "Was tun Sie denn da?" fragte der alte Bäcker. "Die Kunden wollen zu mir herein, um Brot zu kaufen. Machen Sie die Türe sofort wieder auf."
Der Mann mit der Eisenstange trat ein. Seinen Sohn schaute er gar nicht an. Und er war viel zu erregt, um dem Bäcker antworten zu können. Er wischte sich mit der Hand über die feuchte Stirn und schloss die Augen. Da hörte er den Bäcker sagen: "Komm, Gaston, iss ein Stück Brot; das beruhigt. Und iss es zusammen mit deinem Sohn; das versöhnt. Ich will auch ein Stück Brot essen, um euch bei der Versöhnung zu helfen." Dabei gab er jedem ein Stück Weißbrot. Und Gaston nahm das Brot, auch sein Sohn nahm das Brot.
Und als sie davon aßen, sahen sie einander an, und der alte Bäcker lächelte beiden zu. Als sie das Brot gegessen hatten, sagte Gaston: "Komm, Junge, wir müssen an die Arbeit." Also der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein, sondern auch von der Bereitschaft des miteinander zu teilen und zum Zeichen der Solidarität und der Versöhnung werden zu lassen. (Stefan Buß)+++