Zeitgenössisch und facettenreich

Ein weitgespannter musikalischer Bogen: Michael Quell im Vonderau-Museum

Manuel Zwergers humorvolles Stück "I<3COKE" für Horn – und vier Cola-Flaschen.
Alle Fotos: Martin Engel

02.04.2026 / FULDA - Das neueste Konzert der Reihe "Neue Kammermusik" in der Kapelle des Vonderau-Museums bot am Mittwochabend einmal mehr Außergewöhnliches zu sehen und zu hören. Hierbei wurden fünf Werke von fünf herausragenden Komponisten aufgeführt, die auf sehr unterschiedliche Weise zeigten, was Kunstmusik heute sein kann.


Michael Quell präsentiert mit seiner Reihe "Neue Kammermusik" schon seit einiger Zeit in der Fuldaer Kulturszene hochklassige zeitgenössische Werke. Die Musik steht hierbei in einem engen Dialog mit Philosophie, Natur und Literatur.

Musik, die universelle Sprache

Es wurde ein weitgespannter musikalischer Bogen, und vorgetragen von Meistern ihres Faches. Die machten einmal mehr klar, dass die Sprache der Musik international ist, denn sie kamen aus der Schweiz, Italien, Griechenland und den USA und spielten Stücke von Komponistinnen und Komponisten aus Südtirol, Großbritannien, Schweden und Deutschland. Dies all jenen ins Stammbuch geschrieben, die immer wieder und so gerne eine "deutsche" Kultur einfordern. Nichts verdeutlicht schöner als Kunst, wie wunderbar sich die Einflüsse verschiedener Länder vermischen und befruchten. Musiker wie Komponisten sind Weltbürger, deren universelle Sprache nationale, soziale, sprachliche und kulturelle Grenzen obsolet macht.

Das Kammerensemble Berlin mit Samuel Stoll (Horn), Ermis Theodorakis (Klavier), Ruben Mattia Santorsa (Gitarre), Sarah Beth Overcash (Violine) und Rebecca Lawrence (Kontrabass) zählt zu den besten seines Faches.

Zeitgenössische Musik kann auch humorvoll

Den Auftakt machte das Stück "I<3COKE" von Manuel Zwerger, eine Mischung aus Performance und Neuer Musik. Wenn Sie so wollen, ein Stück für Horn und vier Cola-Flaschen – aus Glas, anders würde es nämlich nicht funktionieren. Über Schläuche ist das Horn mit den Flaschen verbunden, man "sieht" den Atem des Hornisten an der Reaktion der Flüssigkeit in den Flaschen. Das schafft er natürlich nicht allein, seine vier Kollegen "spielen" jeweils eine Flasche.

Das Stück untersucht die Beziehung zwischen Klang, Flüssigkeit und körperlicher Kontrolle. Dabei sind auch Dinge wie das Öffnen oder Schließen der Flasche, das Klirren der Flasche an ein Glas, das Schütteln der Flasche Teil der Komposition. In vielen Gesichtern sah man die Belustigung angesichts dieser Choreographie, die in ihren besten Momenten an die großartige Absurdität der Monty Pythons erinnerten.

Wut im Bauch

Rebecca Saunders Stück "Fury" ist ein solistisches Bravourstück für Kontrabass, fantastisch gespielt von Rebecca Lawrence. Die Basis ist die Stille, auf der Töne und Geräusche entstehen – mal einzeln und wie punktiert, mal großflächig, mal expressiv und rhythmisch, mal gewaltsam, mal leidenschaftlich.

Zerfließende Zeit

Michael Quells Stück "A blurring cloud – Geschöpfe der Fahrt" wurde von einer Gedichtzeile Botho Strauß" angeregt: "Denn nur Geschöpfe der Fahrt sind wir, und unsere Gestalt ist Fluktuation." Sich die Existenz als fluktuierend vorzustellen, bedeutet in diesem Stück, dass Töne, Strukturen und Klangwelten vernetzt und verästelt sind und sich beständig verändern.

So wächst die Komposition aus dem Nichts, wird zu einem Netz aus einem "Vorrat von Tönen", diese zerfallen in Mikrotöne, breiten sich aus und schwenken um. Eben keine feste Form, sondern ein Zerfließen und Ineinanderfließen.

Dafür werden sog. E-Bows benutzt, Effektgeräte für Saiteninstrumente, die Saiten unendlich lang zum Schwingen bringen. Diesen atmosphärischen Klang kennt man sonst v.a. aus der Rockmusik. Am Ende bäumt oder türmt sich alles auf und sinkt dann in sich zusammen. Wie in fast all seinen Werken geht Quell auch hier der Frage nach, wo das alles herkomme. Die Komposition verbindet mühelos Musik, Philosophie und Naturwissenschaft

Natursound mit Horn

Auch Hanna Hartmans "Methusalem" ist ein Stück für Horn, hier kombiniert mit einem Zuspielband mit einer aufgezeichneten Klangspur, in diesem Fall von Naturtönen. Es bläst, säuselt, knirscht, knurpselt, grollt und gurgelt. Die Schwedin Hanna Hartman nimmt diese Klangspuren überall in der Welt auf, löst sie aus ihrem Kontext und ermöglicht es uns Zuhörern so, ganz neue Verwandtschaften zwischen sehr verschiedenen auditiven Eindrücken zu entdecken.

"Methusalem" erinnert an einen Urwald oder Dschungel, und Samuel Stoll muss sein Instrument auf sehr verschiedene Weise blasen (gespitzte Lippen, Mundstück in die Backe geschoben, Mundstück ganz im Mund usw.) – was er mit unglaublicher Leichtigkeit meistert.

Selbstgespräch des fruchtbaren Landes

Stefan Beyers "Marsch" meint weder den musikalischen Marsch noch den Marsch der Soldaten, sondern das Marschland. Nichts ist fruchtbarer als das Marschland, das sich täglich verändert, weil es Ebbe und Flut ausgesetzt ist. Mit kreisenden Bogenstrichen bearbeitet Sarah Beth Overcash ihre Violine, Ruben Mattia Santorsa benutzt E-Bow und Glitzischwämme zur Klangerzeugung auf der Gitarre.

Hören wir, wie das Marschland über Ebbe und Flut nachdenkt, wie es seufzt und stöhnt, wie die Erde Blasen wirft und ächzt? Hören wir, wie die Erde von Traktoren und Mähmaschinen bearbeitet wird? Hören wir, wie das Land mit sich selbst spricht, wie es aufschreit und aufjubelt und warnend Sirenentöne erklingen lässt? Faszinierend rätselhaft bleibt dieses Stück.

Musik, die mit Gewohntem bricht

"Marsch" war auch der Titel des Gesamtprogramms. Man mag das als Hinweis darauf lesen, wie vielfältig und fruchtbar die Neue Musik ist. Ja, sie bricht mit traditionellen Hörgewohnheiten. Nein, das ist keine Musik zum Konsumieren, sondern zum genauen Hinhören. Sie ist nicht immer einfach, weil wir ihre Sprache nicht so gut wie die "gelernte" der Klassik verstehen. Das ist im Übrigen keine neue Erfahrung – Komponisten machten sie zu allen Zeiten und in allen Jahrhunderten, wenn sie mit Gewohntem brachen. Aber genau dafür geht man schließlich in Konzerte. Und so lautet die Empfehlung für Neue Musik auch: Einfach immer wieder hingehen, zuhören, sich reinhören – so und erst recht in dieser großartigen Reihe wird man schnell zum Fan Neuer Musik!

Neue Musik wünscht sich von uns Offenheit und Neugier, weil sie nicht nur emotional, sondern auch intellektuell verstanden werden will. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt – und wurde es auch an diesem Abend. Das Publikum dankte den Musikern für das anspruchsvolle Programm und das sensible musikalische Miteinander mit lautem und langanhaltendem Beifall. (Jutta Hamberger) +++

X