13.000 Menschen gehen auf die Straße
Nicht alle Männer, doch fast immer Männer: Der Fall Collien Fernandes
Foto: picture alliance / REUTERS | Christian Mang
24.03.2026 / KOMMENTAR -
Stellen Sie sich mal vor, dass Sie sich mit einem Arbeitskollegen auf einen Kaffee treffen. Dieser fängt dann an, über eine Konversation zu sprechen, die er mit Ihnen geführt hat. Doch Sie erinnern sich nicht daran. Am Ende kommt heraus, dass jemand anderes das Gespräch in Ihrem Namen geführt hat. Ein anzügliches Gespräch.
So ähnlich lief ein Fall ab, der in den letzten Tagen bundesweit für Aufsehen gesorgt hat: Collien Fernandes. Besser gesagt das, was ihr passiert ist. Die Schlagzeilen jagten einander, auch eine Großdemo gegen sexualisierte digitale Gewalt in Berlin gab es. Von den tausenden Beiträgen in den sozialen Medien mal ganz abgesehen. Die Moderatorin hat öffentlich gemacht, dass sie über Jahre digitale Gewalt erlebt haben soll - von ihrem eigenen (Ex-)Ehemann, Christian Ulmen. "Ich wurde digital vergewaltigt", heißt es in der Coverstory aus dem Spiegel-Magazin. Fake-Profile, E-Mail-Adressen, sexualisierte Nachrichten bis hin zu Anrufen in ihrem Namen. Ein Albtraum, der nicht nur intim ist, sondern die eigene Identität angreift.
"Das hätte ich von DEM niemals erwartet"
2023 brach die 44-jährige Mutter einer Tochter bereits erstmals ihr Schweigen. In der Hoffnung, dass der Albtraum endlich ein Ende findet, erstattete sie Anzeige gegen Unbekannt. Doch die Übergriffe gingen weiter. Nach der Anzeige kam es laut ihren Angaben zur überraschenden Wendung: Der Täter meldete sich selbst bei ihr, in der Hoffnung, dass die Anzeige fallengelassen werde. Ihr Ex-Ehemann Christian Ulmen habe ihr gegenüber die Taten persönlich eingeräumt. Eine juristische Einordnung der Vorwürfe durch die Behörden in Spanien - dort leben Fernandes und Ulmen - gibt es bislang nicht, der Prozess befindet sich noch ganz am Anfang. Die Empörung ist vor allem groß, weil es sich um den eigenen Ehepartner handelt - und den sogenannten "Good Guy". Christian Ulmen ist aus der deutschen Schauspiellandschaft nicht mehr wegzudenken. Viele Menschen schreiben in den sozialen Netzwerken schockiert, dass man "sowas" von "so einem" ja gar nicht erwartet - der charismatische Schauspieler. Der Familienvater. Auch Schauspielkollegen - wohlbemerkt, nicht Kolleginnen - sprechen darüber, dass er doch immer "so nett" gewesen sei und die "Zusammenarbeit angenehm verlief" - "man müsse halt abwarten, ob das alles so stimme." Und genau das ist das Problem. Gewalt hat kein klares Gesicht. Sie passt nicht in das Bild, das wir gern hätten. Sie passiert nicht nur irgendwo, sondern mitten in Beziehungen, im Privaten, im Vertrauten. Und da wird weggeschaut.
Nicht alle, aber zu viele: Ein System
Beim Wort "Feminismus" schreien viele Menschen in Deutschland auf. "Links-grüner Mist ist das, Frauen sind doch längst gleichberechtigt, Männer sind bei euch doch immer die Schuldigen, weil ihr so emotional seid." All das habe ich schon gehört, wenn ich mich darüber unterhalten habe, dass ich als Frau gesellschaftlich andere Probleme zu meistern habe, als Männer. Doch der aktuelle Fall bekräftigt, dass es genauso ist. Mit Collien Fernandes ist nicht nur eine Stimme laut geworden, sondern eine ganze Welle, die schon lange gebrodelt hat. Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Realität: In Deutschland wurden 2024 insgesamt 308 Frauen und Mädchen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten im Kontext von Partnerschaftsgewalt, 132 von ihnen starben durch (Ex-)Partner. Mehr als 250.000 Fälle häuslicher Gewalt werden jedes Jahr registriert. Und die Gewalt verlagert sich zunehmend ins Digitale: 18.224 Frauen und Mädchen wurden 2024 Opfer von Cyberstalking oder Online-Bedrohungen, bereits 6 Prozent mehr als im Vorjahr - Tendenz steigend (Quelle: Bundeskriminalamt). Tausende solidarisieren sich - aber reicht das?
Dass sich langsam etwas verändert, zeigt der Blick nach Berlin: Rund 13.000 (Schätzung des Veranstalters) Menschen, Frauen und Männer, sind am Sonntag auf die Straße gegangen, um Solidarität zu zeigen. Auf den Plakaten standen Sätze wie: "Danke, Collien", "Ich bin eine von ihnen" oder auch "Jeder kennt ein Opfer, niemand einen Täter". Auch viele Personen des öffentlichen Lebens waren gekommen, um sich solidarisch zu zeigen. Mehr als 250 Frauen, darunter namhafte Politikerinnen, haben kurze Zeit später einen Appell an die Bundesregierung gerichtet, der zehn Forderungen zur Verbesserung von Schutz vor männlicher Gewalt und digitaler sexualisierter Gewalt beinhaltet.Wenn sich daran etwas ändern soll, reicht Empörung nicht mehr. Es braucht Konsequenzen - in der Gesellschaft, in der Justiz, in der Politik. Denn eines ist klar: Schweigen ist keine Option mehr. (Emely Schrön) +++
Hinweis: Wenn Sie selbst von Gewalt betroffen sind, können Sie sich unter der Nummer 116 016 an das Hilfetelefon wenden.