Die GCJZ in Schenklengsfeld
Unterwegs in einer jüdischen Landgemeinde
Fotos: Jutta Hamberger
13.03.2026 / REGION -
An einem strahlend schönen Märztag fuhren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Fulda und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit nach Schenklengsfeld. Der Ort ist keine 40 km von Fulda entfernt und war einst die Heimat einer bedeutenden jüdischen Landgemeinde.
Es ist den Anstrengungen des Förderkreises "Jüdisches Lehrerhaus Schenklengsfeld e.V." zu verdanken, dass heute in Schenklengsfeld wieder der ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gedacht wird. Nach der Vertreibung und Deportation der letzten Schenklengsfelder Juden nämlich geschah Jahrzehnte lang – nichts. Was dann kam, war keine staatliche, auch keine kommunale Initiative, sondern das ehrenamtliche Engagement von Menschen vor Ort. Sie leisteten wahre Herkulesarbeit, denn vom Sinn und Wert eines jüdischen Gedenkorts mussten manche erst überzeugt werden.
Einzelne jüdische Familien waren seit dem 15. Jahrhundert in Schenklengsfeld ansässig. Eine große Gemeinde entwickelte sich aber erst nach der sog. Judenemanzipation im 19. Jahrhundert, als die rechtliche, soziale und politische Gleichstellung der Konfessionen in Europa Gesetz wurde. Dieser Prozess war Ergebnis der Aufklärung. 1850 hatten die Schenklengsfelder Juden eine eigene Elementarschule, einen Friedhof und 1883 wurde eine neue Synagoge errichtet. Zur Einweihung einer neuen Tora-Rolle kam am 05. Dezember 1929 übrigens auch der Fuldaer Provinzialrabbiner Dr. Cahn.
Bereits 1925 wurde in Schenklengsfeld eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet, deren Leiter auch SA-Sturmführer war. Nach der sog. Machtergreifung gab es gewaltsame Übergriffe auf Juden. Darüber kann man in der Akte "IMT Nuremberg Archives H-4037" lesen: "Strafverfahren gegen Salzmann wegen schweren Landfriedensbruchs usw. Salzmann ist Kreisbauernführer in Fürsteneck (Kr. Hünfeld). Am 7.8.35 hat er sich an schweren Ausschreitungen gegen Juden (Plaut und Oppenheim) in Schenklengsfeld beteiligt. Hierbei wurden die Juden mit Gewalt aus ihren Häusern geholt, mussten Spießruten laufen und wurden zum Teil schwer verletzt. Die Häuser wurden nicht unerheblich beschädigt."
Judaica-Museum und Friedhof
Im Judaica-Museum, das im Erdgeschoss des ehemaligen Lehrerhauses eingerichtet ist, werden viele Exponate zur Geschichte und Religion der Schenklengsfelder Juden gezeigt. "Es tut mir im Herzen weh, das zu sehen", sagte eine Teilnehmerin aus der Jüdischen Gemeinde. "Ich verstehe das nicht – warum hassen alle uns Juden?" Eine Frage, auf die zumindest ich keine Antwort habe. Nicht verwunderlich, dass gerade die Zeugnisse aus der NS-Zeit von besonderem Interesse waren.
Zum Abschluss der Exkursion ging es noch zum Jüdischen Friedhof, der auf einem Hanggelände südöstlich des Bahnhofs liegt. Keine besonders schöne Gegend, noch dazu dominiert von Industriebauten und Solarpaneelen, die dem Friedhof nachgerade auf die Pelle rücken. Unwillkürlich fragt man sich: Würde eine ähnliche Bebauung auch direkt neben einem christlichen Friedhof zugelassen? Die Antwort lautet: natürlich nicht. Und das kann man durchaus als Zeichen des unempathischen Umgangs mit der eigenen jüdischen Geschichte vor Ort deuten.
Die Kohanim-Steine
Betritt man den Friedhof, sieht man links unten drei einzelne Grabsteine – weit weg von allen anderen. Das sind die Grabsteine der Kohanim, des jüdischen Priestergeschlechts. Das Amt des "Kohen" (= Priester) wurde vom Vater auf den Sohn vererbt, auf den Grabsteinen erkennt man die Kohanim am Symbol der segnenden Hände. Das deutet auf die Aufgaben der Männer in den Gottesdiensten an hohen jüdischen Feiertagen hin. In Schenklengsfeld hatte die Familie Katz dieses Amt inne. Nach jüdischer Tradition durften die Kohanim den Friedhof nicht betreten, weil sie nach der Tora besondere rituelle Reinheitsvorschriften beachten mussten. Deshalb stehen diese Steine abseits. 1988 wurde im Rahmen der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome eine Gedenktafel aufgestellt, die an die Opfer der Shoah in Schenklengsfeld erinnert.
Mit vielen Gedanken und Eindrücken kehrte die Gruppe am Nachmittag wieder nach Fulda zurück. Dankbarkeit für die Arbeit des Förderkreises mischte sich mit der Trauer über die entsetzlichen Geschehnisse der NS-Zeit. Und alle waren sich einig: Sich dem Leid, dem Schmerz und der Verantwortung gemeinsam zu stellen, sich gemeinsam zu erinnern, aber auch gemeinsam das Heute zu feiern, verbindet. (Jutta Hamberger)+++