Wankende Weltordnung
Fünf Lehren aus der Münchner Sicherheitskonferenz
Foto: Liesa Johannssen/Reuters/Pool/dpa
16.02.2026 / MÜNCHEN -
Gibt es noch Hoffnung für die einst so engen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und den USA? Oder geht unter US-Präsident Donald Trump etwas unwiderruflich in die Brüche? Fragen wie diese dominierten die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), die als weltweit wichtigstes Treffen dieser Art gilt. Nach drei Tagen mit Reden und Debatten fällt die Bilanz düster aus, aber immerhin nicht katastrophal. Fünf Lehren aus einer Konferenz inmitten des größten Umbruchs der Weltordnung seit Ende des Kalten Krieges.
Die transatlantischen Beziehungen sind noch nicht tot
«Wir streben keine Trennung an, sondern wollen eine alte Freundschaft beleben» oder «Wir werden immer ein Kind Europas sein» - nach der Schock-Rede von US-Vizepräsident JD Vance bei der Sicherheitskonferenz im vergangenen Jahr war der Ton von Marco Rubio ein deutlich anderer. Wer wollte, konnte hören, dass die USA den Europäern wieder die Hand reichen.Der Gesandte von US-Präsident Donald Trump schwärmte von Mozart, Beethoven, Shakespeare, den Beatles und dem Kölner Dom als Ausdruck von Genie und Kultur Europas und erinnerte an die verwobene Geschichte. Zu Deutschland sagte er: «Unser großartiges Kernland im Mittleren Westen wurde von deutschen Bauern und Handwerkern aufgebaut, die die leeren Ebenen in ein globales landwirtschaftliches Kraftzentrum verwandelten – und nebenbei die Qualität amerikanischen Biers deutlich verbessert haben.»
Die USA wollen eine Freundschaft - aber zu Trumps Bedingungen
Doch wurde da nach dem erbitterten Konflikt um die dänische Insel Grönland wirklich eine Hand ausgestreckt? Sind die USA von Donald Trump wirklich zu Zusammenarbeit auf Augenhöhe bereit? Wer genau hinhörte, fand viele Gründe für Zweifel. So machte Rubio etwa beim Thema Migration deutlich, dass es nur dann Kooperation geben kann, wenn die Europäer dem politischen Kurs von Trump folgen.«Auf der Suche nach einer Welt ohne Grenzen haben wir unsere Türen für eine beispiellose Welle massenhafter Migration geöffnet, die den Zusammenhalt unserer Gesellschaften, die Kontinuität unserer Kultur und die Zukunft unseres Volkes bedroht», sagte er. Die Vereinigten Staaten wollten gerne gemeinsam mit den europäischen Freunden daran etwas ändern, notfalls seien sie aber auch bereit, dies allein zu tun.
Die Europäer wollen auf eigenen Füßen stehen
Das Entsetzen über solche Positionierungen ist nun Pragmatismus gewichen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erkannte in seiner Rede den «tiefen Graben» in den transatlantischen Beziehungen als Realität an, auf die man nun mit mehr europäischer Eigenständigkeit reagieren müsse. «Selbstbehauptung» ist das Wort der Stunde. Europa müsse nun Vorkehrungen für die «neue Zeit» treffen, die von Großmachtpolitik geprägt sei.
Der Weg zur Unabhängigkeit wird steinig
Was heißt das nun konkret? Was muss Europa alles tun, um fest auf eigenen Beinen stehen zu können? Einige Ideen wurden in München diskutiert.Merz warb zudem dafür, die Beistandsklausel im EU-Vertrag auszubuchstabieren. Diese sieht wie Artikel 5 des Nato-Vertrags vor, dass ein Angriff auf einen EU-Staat als Angriff gegen alle gewertet wird.
Schon lange wird darüber diskutiert, wie die EU mit ihren 27 Mitgliedstaaten handlungsfähiger werden kann. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warb erneut dafür, bei mehr Entscheidungen auf das Einstimmigkeitsprinzip zu verzichten.
Die Probe aufs Exempel wird nun der aktuelle Streit über das Luftkampfsystem FCAS sein, das Deutschland, Frankreich und Spanien planen. Eigentlich hätte das Projekt längst starten sollen, doch wegen anhaltender Uneinigkeit über Produktionsanteile ist unklar, ob es überhaupt verwirklicht wird. Ein Scheitern von FCAS wäre für die Unabhängigkeitsbestrebungen Europas ein Super-GAU. Bis Ende Februar soll eine Entscheidung fallen.
Für die Ukraine sieht es düster aus
Nato-Generalsekretär Mark Rutte machte den Ukrainern Mut und verglich das Tempo des russischen Vormarsches mit dem einer Gartenschnecke. Doch der Druck auf die Ukraine ist groß – und das Thema hat für die USA offenbar keine Priorität. Rubio thematisierte den Angriffskrieg Russlands in seiner Rede zunächst überhaupt nicht, in einer anschließenden Fragerunde räumte er ein, dass es unklar ist, ob Russland in den von Trump initiierten Friedensgesprächen für die Ukraine wirklich verhandlungsbereit ist.
Auch in der Rede von Kanzler Merz stand das Thema Ukraine angesichts der Krise in den transatlantischen Beziehungen nicht im Mittelpunkt. Und von der Seitenlinie musste sich Selenskyj auch noch das hier anhören: «Russland will einen Deal machen, und Selenskyj muss in Bewegung kommen, sonst verpasst er eine große Chance», sagte Trump sagte vor Journalisten am Weißen Haus in Washington. (Von Ansgar Haase und Michael Fischer, dpa) +++
Foto: Kay Nietfeld/dpa-Pool/dpa
Foto: Sven Hoppe/dpa