"One Billion Rising" auf dem Bahnhofsvorplatz

Hier wurde nicht für Fasching, sondern gegen Gewalt an Frauen getanzt

Am Samstagmittag fand am Bahnhofsvorplatz die Veranstaltung "One Billion Rising" statt.
Fotos: yowe

15.02.2026 / FULDA - Fasching kann auch politisch werden: Am Samstagmittag hat das Frauenbüro der Stadt Fulda unter der Leitung von Katharina Roßbach erneut zur weltweiten Veranstaltungsreihe "One Billion Rising" eingeladen. In der Domstadt wurde ab 13 Uhr für rund eine Stunde getanzt, um ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen zu setzen. Auch die Prinzessinnenmannschaft der Fuldaer Karnevalsgesellschaft (FKG), Vera Dudyka als Vertreterin des Hessentags sowie zahlreiche weitere Unterstützerinnen und Unterstützer kamen auf den Bahnhofsvorplatz, um für die Aktion zu tanzen.



Das Motto für One Billion Rising (OBR) 2026 in Deutschland, "Women on Fire – Ni una menos", verbindet lokale Dringlichkeit angesichts steigender patriarchaler Gewalt und Femizide mit globaler Solidarität. Weltweit beteiligen sich 27 Länder an der Aktion unter dem Leitmotiv "For our Bodies, our Earth, our Future". Allein in Deutschland haben sich bisher 148 Städte und Gemeinden der Initiative angeschlossen. Die Bewegung wurde 2012 von der New Yorker Künstlerin und Feministin Eve Ensler initiiert. Der Name bezieht sich auf eine UN-Statistik, nach der eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens von sexualisierter oder schwerer körperlicher Gewalt betroffen ist. Tanzend – weltweit zur gleichen Musik – setzen Menschen an diesem Tag ein sichtbares Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen.

Tanzen für die Sichtbarkeit

In den vergangenen Jahren fand die Veranstaltung auf dem Universitätsplatz statt. Wegen anderer Veranstaltungen beziehungsweise Wahlkampfständen zog "One Billion Rising" in diesem Jahr auf den Bahnhofsvorplatz um. Getanzt wurde zum bekannten OBR-Song "Break the Chain" ("Spreng die Ketten") sowie zum Kampagnensong "Woman on Fire – Ni una menos". Die Choreografie war leicht erlernbar und wurde vor Ort angeleitet von Tanzlehrerin Anna Feuerstein. Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten mit roten Accessoires ein sichtbares Zeichen der Solidarität. Die Veranstalterinnen verteilten zusätzlich rote Handschuhe, Tücher für die Tänze und Armbänder mit dem Wortlaut "My Body My Choice."

"Gewalt ist keine Privatsache"

In ihrer Ansprache machte Katharina Roßbach, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Fulda, deutlich, wie ernst die Lage ist. Weltweit hätten rund eine Milliarde Frauen und Mädchen Gewalt erfahren - "das sind unsere Mütter, unsere Schwestern, unsere Freundinnen und Kolleginnen". Gewalt gegen Frauen sei keine Privatsache, sondern ein gesellschaftliches Problem. Roßbach forderte Gesetze, die schützen, Strukturen, die unterstützen, und eine Kultur, die nicht wegsehe. "Jede Frau muss wissen, dass sie nicht allein ist."

Auch Eike Brähler von Pro Familia stellte das Thema Selbstbestimmung bei ihrer Ansprache in den Mittelpunkt. Es gehe um das Recht, über den eigenen Körper zu entscheiden, um Beziehungen frei von Angst und um ein "Nein", das respektiert werde. Gewalt nehme Kontrolle, Würde und Sicherheit. Neben der Beratung und Stabilisierung von Betroffenen gehöre auch Täterarbeit dazu: Verantwortung übernehmen, keine Verharmlosung und klarzustellen, dass Gewalt niemals eine Lösung sei.

Fußfessel als Schutzinstrument

Einen deutlichen politischen Akzent setzte Dr. Patrick Liesching vom Weißen Ring, der bundesweit größten Opferschutzorganisation. Er verwies auf die Einführung der elektronischen Fußfessel für Täter häuslicher Gewalt - ein Instrument, für das sich der Weiße Ring auf Landes- und Bundesebene stark gemacht hatte. Die politischen Reaktionen beschränkten sich oft auf Betroffenheitsrhetorik und den Ausbau von Frauenhausplätzen. Diese seien wichtig für akuten Schutz, doch letztlich müssten Täter konsequent aus der Bedrohungssituation herausgenommen werden. Mit Blick auf einen tödlichen Fall in Fulda, eine damals 35-jährige Ärztin, die trotz Kontaktverbots von ihrem Ex-Partner ermordet wurde, machte Liesching deutlich, dass es um mehr gehe als um Statistik. "Sie hat eigentlich alles richtig gemacht", sagte er mit Blick auf das Opfer. "Und trotzdem wurde sie nicht gut genug geschützt."

Klare Haltung zur Fastnacht

Ein Highlight für die Veranstalter: der Beistand durch die Prinzessinnenmannschaft der FKG, die am vollgepackten Faschingssamstag bis zum Schluss mittanzte. Erstmals seit vielen Jahrzehnten führt wieder eine Frau die Fastnacht in Fulda an. Deshalb war es Prinzessin Isabel von Brief und Siegel, der 83. von Fulda auch ein Anliegen, selbst das Wort zu ergreifen: "Ich habe ein klares Statement: Gewalt gegen Frauen ist ein absolutes No-Go." Gerade in der närrischen Zeit müsse gelten, dass alle Frauen unbeschwert feiern und genießen könnten, ohne Angst und ohne Übergriffe.

Immer wieder wurde gemeinsam getanzt und sich gegenseitig Mut gemacht. Auch einige Männer hatten sich der Aktion angeschlossen. In Fulda wurde am Samstag deutlich: Der Protest gegen Gewalt an Frauen hat viele Gesichter - und er will immer wieder laut und sichtbar sein. (Emely Schrön) +++

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