"Einfach machen!"

Sparkassen-Forum 2026 begrüßt Extremschwimmer André Wiersig

Das Sparkassen-Forum am Freitag begrüßte Extremschwimmer André Wiersig.
Fotos: Moritz Rös

14.02.2026 / BAD HERSFELD - Der Mensch und die Natur - ein, so scheint es oftmals, unüberwindliches Dilemma. Gerade im Kontext des stetig weiter fortschreitenden Klimawandels stellt sich immer öfter die Frage: Kann die Wirtschaft prosperieren, ohne dass dies übermäßig zulasten der Umwelt geschieht?

Mit ebendiesem Spannungsverhältnis hat sich das Sparkassen-Forum 2026 - dieses Jahr zu Gast in Bad Hersfeld - beschäftigt. Schon seit Jahrzehnten lädt das Sparkassen-Forum alljährlich dazu ein, gemeinsam die drängendsten Fragen unserer Gegenwart zu diskutieren. Für 2026 war unter dem Thema "Erfolgreich unter extremen Bedingungen – Nachhaltigkeit im Kontext zwischen Wirtschaft und Natur" ein ganz besonderer Gast geladen: André Wiersig.



Der Paderborner ist Extremschwimmer. Er durchquert die herausforderndsten Meeresstraßen der Welt – mit bloßer Muskelkraft. Bekannt wurde er in Deutschland vielen, als er als erster Mensch von der Nordseeküste ausgehend eine Strecke von mehr als 50 Kilometern zur Hochseeinsel Helgoland zurücklegte. Im Kontext dieses außergewöhnlichen Hobbys wurden die Meere - besser: Der Meeresschutz - über die Jahre hinweg zu Wiersigs persönlichem Herzensthema, infolgedessen er sogar das Ehrenamt des Botschafters der UN-Ozeandekade bekleidete.

Dauerkrisen und schier übermenschlicher Extremsport

Feierlich begrüßt wurden die rund 450 in der Stadthalle von Bad Hersfeld anwesenden Gäste von Ingo Lange, Vorstand der Bad Hersfelder Sparkasse: "Seit über 200 Jahren bieten wir als Sparkasse Dienstleistungen von und für Menschen. Persönliche Begegnungen sind dabei die Basis unseres Wirtschaftens. Umso mehr begrüße ich die langjährige Partnerschaft mit der Hersfelder Zeitung, mit der wir gemeinsam alljährlich die heutige Veranstaltung ausrichten."

Dabei verwies Lange auch auf die aktuellen Schwierigkeiten in der Welt: "Die regelbasierte Ordnung scheint sich an vielen Stellen aufzulösen. Scheinbar geraten die Weltordnung und die subjektiv empfundene Sicherheit ins Wanken. Die Herausforderungen durch die Dauerkrisen der vergangenen Jahre werfen ihren Schatten – insbesondere auch auf die Wirtschaft. Dennoch konnten wir zuletzt wieder erfreuliche Nachrichten aus der Wirtschaft vernehmen – die deutschen Exporte sind seit 2 Jahren des Rückgangs im Dezember 2025 endlich wieder gewachsen. Es scheint trotz aller Krisen wieder bergauf zu gehen."

Darauf aufbauend lud Lange nach einem kurzen Clip zum Wirken von Wiersig, diesen auf die Bühne ein. In seinem Vortrag ging Wiersig auf eine Frage ein, mit der er sich sehr häufig konfrontiert sieht: Was bewegt einen Menschen nur dazu, einen solch extremen Sport zu praktizieren?

Wiersig nennt hier die innere Ruhe, sich stundenlang nur auf das Schwimmen konzentrieren zu können, fernab der Bürden des sonstigen Alltags. Seine Faszination für das Extremschwimmen führt er aber vor allem auch auf die brachiale Schlichtheit des Sports zurück. Dabei gäbe es kein Geschnörkel, keinen unnötigen Luxus, nur das absolut Allernötigste – eine Badehose, eine Schwimmbrille, vielleicht noch eine Badekappe.

"Der Sport hat das gleiche Regelwerk wie schon 1875, als Captain Matthew Webb als erster Mensch den Ärmelkanal schwimmend durchquerte - kein Festhalten am Begleitboot, keine technischen Hilfsmittel, kein Schutzanzug." Doch selbstverständlich hänge an einem solchen Unterfangen - wie etwa einer schwimmenden Durchquerung des Ärmelkanals - noch deutlich mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein erwecken mag.
"Man braucht natürlich auch eine Mannschaft, die auf einen vom Boot aus aufpasst. Eine Mannschaft, auf die man sich verlassen kann. Leute, denen man bedingungslos vertraut."

"Als würde mir jemand den Arm abreißen!", jede Menge Planung und überaus neugierige Meeresbewohner
Häufig würden die Routen und das ‚Drumherum‘ Monate bis Jahre im Voraus geplant. Für eine besonders schwierige Route im Bereich der Seychellen habe sich, so Wiersig, in einem ganzen Jahr lediglich ein kurzes Zeitfenster von etwa ein bis drei Tagen ergeben, in dem die Strömungsverhältnisse so abestimmt sind, dass ein Schwimmen von einer Insel zur anderen überhaupt möglich ist. Natürlich sind starke Strömungen bei weitem nicht das einzige Problem, mit denen sich Wiersig auf seinen Reisen durch die Ozeane dieser Welt konfrontiert sieht. Regelmäßig treffe er auch auf viel zu verspielte Delfine, übermäßig anhängliche Robben, sowie auch neugierige Haie. Bei Letzteren gäbe es allerdings nicht wie landläufig häufig angenommen, einen ausgeprägten Hunger auf Menschenfleisch – es gelte nur, dem Hai das Gefühl zu vermitteln, seine Anwesenheit wahrzunehmen. Eine grundsätzliche Aggressivität von Haien dem Menschen gegenüber verneint Wiersig vehement.

Als besonders unangenehme Widrigkeit auf seinen Reisen nennt Wiersig neben plötzlich umschlagendem Wetter auch Tiere, die weder ein Gehirn, noch ein Herz oder Knochen besitzen – die Rede ist von Quallen. Regelmäßig träfen ihn die Tentakeln der im Wasser de facto unsichtbaren Nesseltiere. Im Falle der berühmt-berüchtigten portugiesischen Galeere gleiche der Schmerz der Nesseln dem Gefühl, dass jemand den eigenen Arm mit aller Gewalt abreißen wolle.

Beim Publikum glänzte Wiersig auch mit seiner gekonnten Selbstironie: "Die Leute denken immer, ich wäre als Extremschwimmer ein ebenso durchtrainierter Typ. Aber ihr seht ja: Die Realität sagt etwas anderes. Oder häufig treffe ich Leute, die glauben, ich lebe auf einer Insel mitten im Meer - aber ich lebe in Paderborn... in Paderborn! Und Paderborn ist keine Insel", und fügte mit einem Augenzwinkern als Anspielung auf den Klimawandel hinzu: "Naja, jedenfalls noch nicht!"

Ökonomie und Umweltschutz – unvereinbare Gegensätze?

In der an Wiersigs Vortrag anschließenden Diskussion wurde das Thema der Veranstaltung vertieft. In seinem Vortrag hatte Wiersig betont, man dürfe nicht immer nur den Blick auf das Negative richten; nicht nur auf das schauen, was schiefläuft in der Welt.

Markus Pfromm, Herausgeber der Hersfelder Zeitung, der die Diskussion moderierte, griff dies im Anschluss wieder auf: " Sollten wir als Deutsche also unseren Fokus vor allem verstärkt auch darauf setzen, optimistischer auf unser eigenes Können zu blicken und nicht nur permanent mit Larmoryanz über den Atlantik zu schauen?" Wiersig daraufhin: "Einfach machen. Darum geht es. Sich etwas trauen. Mut zu sich selbst zu haben. Loslegen. Die eigene Komfortzone zu verlassen."

Ingo Lange thematisierte daraufhin die Ausgangsfrage der Veranstaltung: "Wie kriegen wir Ökonomie und Umweltschutz zusammen? Wir alle wissen: Es ist richtig und wichtig, effizient und schonend mit den vorhandenen Ressourcen umzugehen. Aber was können wir alle tun, um etwas zur Nachhaltigkeit beizutragen?"

"Häufig ist es schlicht und ergreifend unser eigener Hochmut", führte Wiersig aus, "der uns davon abhält, etwas in der Welt zu bewegen. Das Bewusstsein zu entwickeln für sein Tun - was kann der Einzelne machen? Ich denke, der Einzelne weiß eigentlich ganz genau, was er tun kann für eine nachhaltige Lebensführung. Der Wille muss da sein und der Mut, sich bewusst dazu zu entscheiden."

Zum Ende der Diskussion brannte Markus Pfromm noch die Frage nach der Jugend im Kontext von Nachhaltigkeit und Umweltschutz unter den Nägeln. Wiersig zeigte sich gegenüber der jungen Generation optimistisch: "Nachhaltigkeit wurde in den letzten Jahren als Begriff zwar zusehends ausgehöhlt, missbraucht, auch von der Werbung. Ich denke aber, die Jugend, die junge Generation, hat eine andere Beziehung zum Konsum - viele junge Menschen schauen nicht nur auf das Geld, nicht nur auf den Preis, sondern fragen sich auch: Wo kommt das Produkt eigentlich her? Wie wurde es produziert? Das macht mir Hoffnung."

Nach einem kräftigen Applaus überreichte Lange Wiersig noch eine Einladung zu den überregional bekannten Bad Hersfelder Festspielen und verkündete: "Als Sparkasse sind wir dem Gemeinwohl verpflichtet. Wir haben daher beschlossen, dass wir Ihr Hilfsprojekt ‚theBlueHeart‘ auch finanziell unterstützen werden."

Im exklusiven Gespräch mit OSTHESSEN|NEWS verriet Wiersig außerdem, wie er die Zukunft der Ozeane sieht: "Ich erlebe die ganzen Auswirkungen unseres Handelns als Menschen immer sehr direkt. Die Überfischung, die Vermüllung... wenn ich beim Schwimmen auf einem Hai treffe, gibt es auch kaum einen, der nicht ein Fischernetz an sich hängen hat, von Angelhaken oder anderen Abfällen betroffen ist. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich für die Ozeane wenig Hoffnung, wenn wir es nicht schaffen, uns weltweit anders zu verhalten, als wir es aktuell tun. Aber - und das macht mir Mut - wenn ich dann in Ecken bin, wo internationale Schutzabkommem gegriffen haben, zeigt sich, dass sich Meeresgebiete ziemlich gut erholen können, wenn der menschliche Einfluss nachlässt." (Marvin Hucke) +++

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