Kriminalität
Studie: Sexuelle Übergriffe werden kaum angezeigt
Symbolfoto: Fabian Sommer/dpa
11.02.2026 / BERLIN -
Die von der Polizei registrierten sexuellen Übergriffe auf Frauen in Deutschland bilden nur einen verschwindend kleinen Teil der verübten Gewalttaten ab. Das zeigen die Daten einer umfangreichen Studie im Auftrag der Bundesregierung. Demnach werden Frauen zwar deutlich häufiger Opfer sexueller Übergriffe als Männer, bringen diese jedoch deutlich seltener zur Anzeige als männliche Opfer. Den Angaben zufolge wurden 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung.
In einem Punkt waren sich Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) und BKA-Präsident Holger Münch einig: Die Anzeigequote bei Gewalt durch Partner ist zu niedrig.
Auch fällt auf, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Sexualdelikte, die Männer betreffen, auch von Männern verübt wird. Während bei gegen Frauen gerichteten sexuellen Übergriffen die Täter zu 98,2 Prozent männlich sind, ist bei 33,7 Prozent der gegen Männer gerichteten sexuellen Übergriffe auch der Täter ein Mann.
Aufwendige Befragung über 18 Monate
Die repräsentative Dunkelfeldstudie mit dem Titel «Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag» - für die zwischen Juli 2023 und Januar 2025 bundesweit insgesamt 15.479 Menschen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren befragt worden waren - beantwortet auch einige Fragen, die nicht Gegenstand der jährlich veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sind, da diese nur Delikte umfasst, die der Polizei bekanntgeworden sind.Das Dunkelfeld sei riesig, sagt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Er glaube nicht, dass der Hauptgrund für die niedrigen Anzeigequoten «eine Art Distanz zur Polizei» sei. Die Anzeigequote sei zweifellos zu gering, sagt Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU). Häufig spiele hier auch ökonomische Abhängigkeit eine Rolle.
Gewalttätige Partner und Ex-Partner
Blickt man auf die Gewalt zwischen Partnern oder Ex-Partnern, so zeigt sich: Etwa 90 Prozent der körperlichen Gewalt hat sich hier innerhalb der Partnerschaft ereignet. 8,4 Prozent der männlichen Betroffenen und 5,6 Prozent der weiblichen Betroffenen berichten von körperlicher Gewalt nach Beendigung der Beziehung.Gewalt in der Kindheit
Was die Studie auch aufdeckt: Jeder zweite Mensch in Deutschland hat in der Kindheit oder Jugend körperliche Gewalt erfahren. Die Daten zeigen, dass 49,3 Prozent der Frauen als Minderjährige mindestens einmal geschlagen oder körperlich verletzt wurden. Unter den Männern lag der Anteil bei 51,7 Prozent. Von sexuellen Übergriffen in der Kindheit und Jugend waren demnach deutlich mehr Frauen (fünf Prozent) betroffen als Männer (1,9 Prozent).Sexuelle Belästigung mit und ohne Körperkontakt
Das von der Bundesregierung beauftragte Umfrageinstitut Verian hat auch Daten zu verschiedenen Formen sexueller Belästigung erhoben. Unerwünschte Kussversuche oder Berührungen sowie exhibitionistische Handlungen haben 14,5 Prozent der Frauen in den vergangenen fünf Jahren erlebt. Bei den Männern berichteten 4,6 Prozent von entsprechenden Erfahrungen.Während Männer derartige Formen von Belästigung oft durch flüchtig Bekannte erleben (45,1 Prozent), sind es bei den Frauen häufiger Fremde (45,7 Prozent). Laut Studie haben 17,3 Prozent der Frauen und 18,8 Prozent der Männer solche unangenehmen Erlebnisse in der Schule, im Studium, in der Ausbildung oder bei der Arbeit gehabt.
Zugewanderte erleben häufiger Gewalt durch Partner
Menschen mit Migrationshintergrund sind den Angaben zufolge stärker von Gewalt durch Partner oder Ex-Partner betroffen als Menschen ohne Zuwanderungsgeschichte. Unter den Menschen mit Migrationshintergrund haben demnach in den vergangenen fünf Jahren 7,6 Prozent der Frauen und 7,4 Prozent der Männer körperliche Gewalt innerhalb der Partnerschaft beziehungsweise durch Ex-Partner erlebt. Von den Menschen ohne Migrationshintergrund waren in diesem Zeitraum 4,3 Prozent der Frauen und 5,6 Prozent der Männer betroffen. Ein Grund für diesen Unterschied sei sicher auch, der niedrigere Altersdurchschnitt der Frauen mit Migrationshintergrund, da Jüngere insgesamt häufiger Gewalt erlebten, erklärt BKA-Präsident Holger Münch.Unterschiede gibt es auch bei der Art der Gewalt. Während betroffene Männer etwas häufiger als Frauen von einer leichten Ohrfeige berichten, geben Frauen häufiger als Männer an getreten oder gestoßen worden zu sein. Eine Person hat einen Migrationshintergrund im Sinne der Studie, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt. (Von Anne-Beatrice Clasmann, dpa) +++