Fachexperten im Interview
"Gute Führung entscheidet heute mehr denn je über Zukunftsfähigkeit"
Symbolbild: O|N/Hans-Hubertus Braune
09.02.2026 / FULDA -
Der technologische und gesellschaftliche Wandel stellt Führungskräfte vor neue Herausforderungen. Am 24. März beschäftigen sich zwei ausgewiesene Experten bei einer Veranstaltung der IHK Fulda mit der Frage, wie wirksam Führung in Zeiten disruptiven Wandels gelingen kann.
Lesen Sie nachfolgend ein Interview mit Reiner Lomb und Prof. Dr. Frank Unger über Unsicherheiten, Überforderung, emotionale Kompetenz und die Zukunft von Führung.
Frank Unger: Aus organisationspsychologischer Sicht sehen wir sehr deutlich die Folgen: steigende Stressbelastung, innere Kündigung, Motivationsverlust. Gleichzeitig wird von Führung erwartet, Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Veränderungsbereitschaft gleichermaßen zu sichern. Und: gerade jetzt benötigen wir leistungsfähige, motivierte Menschen in den Unternehmen. Das ist mit klassischen Führungsinstrumenten oder Appellen, man müsse einfach mehr leisten, kaum noch zu beeinflussen.
Reiner Lomb: Emotionen sind der eigentliche Motor menschlichen Handelns. Trotzdem werden sie in vielen Organisationen noch immer als Störfaktor oder "nice to have" betrachtet. Dabei entscheiden Emotionen darüber, ob Menschen Vertrauen entwickeln, Verantwortung übernehmen oder in Widerstand gehen. Wirksame Führung heißt heute, die emotionalen Dynamiken bei sich selbst und anderen zu verstehen und gezielt zu gestalten – nicht manipulativ, sondern klar, empathisch und verantwortungsvoll.
Frank Unger: Absolut. Wir kennen das doch alle: Wissen allein steuert unser Verhalten kaum. Sonst würden wir zum Beispiel regelmäßig joggen, statt Süßes zu essen. Entscheidend ist, was emotional belohnt wird – und genau deshalb sind Emotionen auch im Führungshandeln der eigentliche Hebel. Die Führungsforschung zeigt sehr klar: Führung wirkt vor allem über Beziehung, Kommunikation und wahrgenommene Fairness. Emotionale Kompetenz ist kein "Soft Skill", sondern eine zentrale Leistungs- und Einflussressource. Führungskräfte, die ihre eigene Selbstregulation beherrschen und psychologische Sicherheit schaffen sowie die zentralen Aspekte menschlichen Verhaltens kennen, sind wirksamer im Führungsalltag und fördern Motivation, Lernbereitschaft und Gesundheit gleichermaßen.
Es wird viel von Führungskräften verlangt. Viele Führungskräfte fühlen sich selbst überfordert. Ist das ein Tabuthema?
Reiner Lomb: Ja, und das ist problematisch. In vielen Organisationen gilt Überforderung immer noch als persönliches Versagen. Dabei ist sie oft ein strukturelles Phänomen. Führungskräfte müssen heute permanent widersprüchliche Erwartungen ausbalancieren. Ohne Selbstführung, ohne Klarheit über eigene Werte und emotionale Antreiber wird das langfristig krank machen – für die Führungskraft selbst und für das Team.
Frank Unger: Deshalb ist es so wichtig, Führung nicht nur als Steuerungsaufgabe zu begreifen, sondern als Gestaltungsaufgabe – erst für sich selbst, dann für die Menschen, die einem anvertraut sind. Wer sich selbst nicht gut führen kann, wird andere kaum gesund und wirksam durch Veränderungsprozesse begleiten können.
Reiner Lomb: Ich arbeite mit sieben grundlegenden Führungsverhaltensweisen, die in Veränderungsprozessen besonders wirksam sind – etwa Orientierung geben, Vertrauen aufbauen, Verantwortung ermöglichen oder emotionale Stabilität ausstrahlen. Entscheidend ist: Jedes dieser Verhaltensweisen hat emotionale Antriebsfedern. Wenn Führungskräfte diese sieben Verhaltensweisen und dazugehörigen Emotionen verstehen und bewusst fördern, können sie wirksamer handeln, statt nur auf Druck zu reagieren.
Was bedeutet das ganz praktisch für den Führungsalltag?
Frank Unger: Ganz praktisch heißt das: weniger Aktionismus oder Perfektionismus. Dafür mehr Klarheit und Verlässlichkeit. Gute Führung zeigt sich nicht darin, jede Krise sofort "wegzumanagen", sondern darin, Sicherheit zu vermitteln, Sinn zu stiften, qualitativ hochwertige Verbindungen zu etablieren und Menschen handlungsfähig zu halten. Dabei gilt, auch einzugestehen, was man noch nicht weiß oder wo noch keine Entscheidung getroffen werden kann. Das entlastet Führungskräfte und steigert zugleich die Leistungsfähigkeit der Organisation.
Herr Lomb, worauf kommt es Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren besonders an?
Reiner Lomb: Führung wird persönlicher, emotionaler und zugleich anspruchsvoller. Autorität entsteht weniger durch Position, sondern durch innere Haltung, Präsenz und Glaubwürdigkeit. Wer Menschen durch unsichere Zeiten führen will, muss selbst gelernt haben, mit Unsicherheit umzugehen. Das ist keine Technikfrage, sondern eine Frage der inneren Entwicklung. Und: Führung funktioniert nur dann dauerhaft, wenn die Mitarbeitenden auch inspiriert auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten.
Zum Abschluss: Was wünschen Sie sich von Führungskräften, die sich mit diesen Themen beschäftigen?
Frank Unger: Neugier und Selbstreflexion. Führung ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein Lernprozess.
Reiner Lomb: Und den Mut, sich selbst genauso ernst zu nehmen wie die Ergebnisse. Denn am Ende entscheidet die Qualität der Führung darüber, ob Wandel lähmt – oder Entwicklung ermöglicht. Und genau darum geht es auch in einem Seminar, das wir gemeinsam mit der IHK Fulda auf den Weg gebracht haben: "Wirksam führen in Zeiten disruptiven Wandels".
Über die Personen:
Reiner Lomb, in Fulda geboren und aufgewachsen, ist Gründer und CEO von BoomerangCoach, einem Executive Coaching-Unternehmen mit Sitz in den USA. Lomb war über 30 Jahre als Gründer von Softwareunternehmen und in globalen Führungsrollen in der Technologiebranche tätig. In seiner über 20-jährigen internationalen Karriere bei HP leitete er Teams auf mehreren Kontinenten und trug maßgeblich dazu bei, HP Software zu einem Multimilliarden-Dollar-Geschäft aufzubauen.
Lomb lebt mit seiner Familie in Atlanta (USA). Trotz seines internationalen Wirkens hat er eine starke Verbindung zu seiner Heimat bewahrt und ist regelmäßig für Vorträge, Seminare und Familienbesuche in Deutschland und Fulda. Er ist Autor der Bücher ASPIRE: Führen mit Emotionen (die englische Ausgabe wurde mit drei Book Awards in den USA ausgezeichnet) und The Boomerang Approach: Return to Purpose, Ignite Your Passion.
Prof. Dr. Frank Unger lehrt seit 2013 an der Hochschule Fulda mit den Schwerpunkten Personalführung, Personal-/Organisationsentwicklung und Kommunikation – insbesondere in herausfordernden Gesprächs- und Beratungssituationen. Zudem berät, trainiert und coacht er bundesweit Führungskräfte. Zuvor war er über zehn Jahre in Führungspositionen bei der Bundesagentur für Arbeit tätig. Ein aktueller Forschungsschwerpunkt ist die Gestaltung von Führung, die sowohl leistungsorientiert als auch gesundheitsförderlich ist. Er ist Autor mehrerer Bücher, u.a. "Personalführung mit Wirkung" (2025, Tredition Verlag). (hhb) +++