Festschrift für Dr. Thomas Heiler

Vom Wert schriftlicher Überlieferung

Dr. Thomas Heiler wird mit einer Festschrift anlässlich seines Ausscheidens geehrt.
Fotos: Moritz Rös

23.01.2026 / FULDA - In dieser Woche waren in Fulda und Hessen gleich mehrere bemerkenswerte Ereignisse zu bestaunen: Nordlichter über dem Frauenberg, ein amerikanischer Präsident, der Weltpolitik wie ein Mafia-Pate macht – und ein sprachloser Stadtarchivar und Kulturamtsleiter. Wer Dr. Thomas Heiler kennt, weiß, das ist wirklich eine Seltenheit.



Oberbürgermeister a.D. Gerhard Möller, der Vorsitzende des Geschichtsvereins, begrüßte wahrhaft illustre Gäste im Kanzlerpalais, sie waren unter anderem aus Marburg, Würzburg, Darmstadt und Wien angereist, um einen Mann zu ehren, der nur noch wenige Tage in Amt und Würden sein wird: Dr. Thomas Heiler. Denn der geht tatsächlich Ende Januar in den Ruhestand. Gerhard Möller vermerkte zum Vergnügen der Zuhörer, er habe in seiner gesamten Laufbahn sicherlich noch nie ein derart kryptisches Grußwort gesprochen.

Die Aufklärung oblag dann der Direktorin der Theologischen Bibliothek Dr. Alessandra Sorbello Staub. Sie enthüllte, dass unter allergrößter Geheimhaltung und noch viel größerem Zeitdruck sie selbst, ihr Vorgänger Dr. Berthold Jäger und Thomas Martin, der Schriftführer des Geschichtsvereins, eine Festschrift publiziert hätten. Zu dieser hätten Freunde, Kollegen und Wegbegleiter Dr. Heilers Beiträge geschrieben, in denen sie sein Wirken in und für Fulda würdigen. Heiler sei, so Sorbello Staub, das "historische Gedächtnis der Stadt" und habe mit Genauigkeit und Verantwortung sowohl für die Wissenschaft als auch die breite Öffentlichkeit gearbeitet. Ihm sei sehr bewusst gewesen, welche Bedeutung Archive für eine offene, demokratische Gesellschaft hätten. Geschichte erlebbar und lebendig zu machen sei für ihn deshalb ein zentrales Anliegen gewesen. "Ein Glück, dass Historiker niemals so wirklich in Ruhestand gehen, und Thomas Heiler weiter in Fulda wirken wird", so Sorbello Staub.

Die Festschrift verschlägt dem ‚Jubilar‘ die Sprache

Auf 412 Seiten ist das Werk angewachsen, das den Geist Rabanus Maurus‘ schon im Titel atmet: "Vom Wert schriftlicher Überlieferung". Die Beiträge zeigen die Vielfalt des Heiler’schen Wirkens und ergeben ein facettenreiches Bild der Stadtgeschichte. Der Bogen spannt sich weit, z.B. von einem Flavius Josephus-Fragment aus der Benediktinerinnen-Abtei über den Käse für das Kloster Fulda im Mittelalter, die Gerberei am Löbersgraben, Aktensäckchen des 17. Jahrhunderts aus dem Marburger Ratsarchiv, das Friedhofsgefecht von Fulda, den Fuldaer Kriminalgerichtsdirektor Hermann Kersting, die Digitalisierung an den Fuldaer Bibliotheken, das Stadtschloss als Ort der Literatur bis hin zu Untersuchungen über das Substantiv ‚heil‘ in bayerischen Ortsnamen. Ganz am Schluss stehen Würdigungen seiner Kollegen aus dem Kulturamt – jeder einzelnen merkt man Respekt und Zuneigung an. Auch dass fast alle Autorinnen und Autoren der Festschrift zur Feierstunde nach Fulda gekommen waren, ist Zeichen großer Sympathie und großen Respekts.

Als Dr. Heiler ‚seine‘ Festschrift in Händen hält, verschlägt es ihm die Sprache. Für die Macher:innen vielleicht der schönste Dank ist, dass er als Erstes leise, fast zu sich selbst, sagt: "Ich möchte mal kurz hineinschauen in dieses opus magnum". Man spürte die tiefe Rührung, auch die aufkeimende Freude – bei einem Mann, der nie im Mittelpunkt stehen wollte und schon gleich gar nicht im Scheinwerferlicht. "Ich bin ja noch ein Historiker-Archivar vom alten Schlage und kein moderner Records-Manager", begann Heiler dann seine Dankrede, "und ich habe immer versucht, die Fahne der Wissenschaft hochzuhalten" und Geschichte auch in die Breite zu bringen. Deshalb habe er in den letzten Jahren "ein Bilderbuch nach dem anderen herausgebracht, was eigentlich der Todesstoß für jeden Wissenschaftler ist". Uns Fuldaer schert das wenig, sind seine Bücher doch in ihrer Prägnanz, Verknappung und Anschaulichkeit ein großer Gewinn.

Tango und ein Herz aus Gold

Das Duo George Wagner und Klaus Schenk sorgten mit Gitarre und Vibraphon für die musikalischen Leckerbissen dieser Feierstunde – zunächst mit einem selbstkomponierten Tango, dann mit einem Medley von Neil-Young-Songs, die allesamt mitten ins Heiler’sche Herz getroffen haben dürften: "Cowgirl in the Sand", "Harvest Moon" und "Heart of Gold". Möge Thomas Heiler nun umsetzen können, was Neil Young so unübertrefflich formuliert hat:

"But now it’s getting late,

And the moon is climbin‘ high,

I want to celebrate,

See it shinin‘ in your eye."

Darüber ließ sich nach der Ehrung bei Sekt, Schnittchen und angenehmsten Plaudereien trefflich sinnieren. Dann aber ging’s weiter mit dem nächsten Programmpunkt, dem monatlichen Vortrag des Geschichtsvereins – diesmal von Nathalie Neumann zur Provenienzforschung der Fuldaer Porzellane.

Asymmetrische Akquisitionen

In der Provenienzforschung kümmert man sich um die Sammlungsgeschichte im Kontext der NS-Zeit. Dabei geht man sog. "asymmetrischen Akquisitionen" nach – also Raub, Enteignung und Diebstahl jüdischen Besitzes. 2022 hatte es dazu im Vonderau Museum einen Erst-Check gegeben, der einige Verdachtsfälle ergeben hatte. In der vertiefenden Forschung durch Nathalie Neumann werden alle 300 Porzellan-Objekte im Vonderau Museum untersucht – sowohl die "Püppchen" (Figurinen) als auch die Tafelservices.

Die von Fürstbischof Heinrich von Bibra gegründete Fuldaer Porzellanmanufaktur ist ein Glücksfall für Provenienzforschung, denn sie bestand nur wenige Jahre (1746-1789) und es sind nur ca. 6.000 Objekte erhalten. Das bedeutet, die Rückverfolgung der Objekte ist vergleichsweise einfach. Da Deutschland 1998 als eines von 44 Ländern die Washingtoner Erklärung ratifiziert hat, werden proaktiv in Museen die Objekte überprüft, die von 1933 bis 1945 erworben wurden. Recherchiert wird dafür in den Inventarbüchern und Karteikarten von Museen, in Archiven, in Fachliteratur, in Wiedergutmachungsakten, Ausstellungskatalogen, in der Presse und bei Experten.

Dann beginnt die Suche nach Nachfahren oder Vertretern und das Gespräch um eine faire Lösung. Die kann in einer direkten Restitution, einem Wiederankauf oder einer Dauerleihgabe mit genauer Beschreibung von Objekt und Vorbesitzer bestehen. "Ich wünsche mir, dass die Provenienzforschung auch auf andere Objekte ausgeweitet wird", so Nathalie Neumann. Im nächsten Jahr wird es zur Provenienzforschung der Fuldaer Porzellane eine Ausstellung im Vonderau Museum geben – und so ein Stück jüdisch-fuldischer Geschichte aufbereitet. (Jutta Hamberger)+++

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