"Mein Fulda - such a Perfect Time"
Abschied von Fuldas Stadtarchivar und Kulturamtsleiter Dr. Thomas Heiler
Fotos: Carina Jirsch
19.01.2026 / FULDA -
1998 kam Dr. Thomas Heiler als Stadtarchivar nach Fulda, 2011 wurde er zusätzlich auch Kulturamtsleiter. Mit dem Doppelamt sparte er der Stadt immerhin eine ganze Hauptamtsstelle ein. In den 28 Jahren seines Wirkens nutzte er den Freiraum und die Möglichkeiten, beide Ämter nach eigenen Vorstellungen auszugestalten. Er tat das mit umfassendem Wissen, riesengroßer Leidenschaft, und ohne sich dabei je in den Vordergrund zu spielen.
Beide Ämter wurden in Fulda erst unter Dr. Heilers jeweiligen Vorgängern Dr. Rita Wehner und Dr. Werner Kirchhoff hauptamtlich besetzt. Das lag an der Bildungseuphorie der 70er Jahre, "mit dem Bau von Gymnasien, der Professionalisierung von Kulturämtern und dem Entstehen von Archiven. In Fulda muss man dabei einen Namen nennen – Wolfgang Hamberger. Der hat – auch in Folge der Rückkreisung und Auseinandersetzung mit dem Landkreis – gezeigt, dass wir hier in Fulda wer sind und kulturelle Pflöcke einsetzen. Von der so aufgebauten Kultur-Infrastruktur zehren wir noch heute", so Heiler.
Die Zusammenarbeit mit dem jetzigen Kulturdezernenten, Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, ist sehr gut und vertrauensvoll. "Für vieles gibt es ohnehin ein klares Procedere, und der OB will natürlich über die wichtigsten Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten werden. Aber im operativen Tagesgeschäft haben wir großen gestalterischen Spielraum".
Eines ist ihm wichtig: Ein Archiv legt das Geschichtsbild und die Geschichtsschreibung fest – durch das, was aufgehoben oder entsorgt wird. Das Stadtarchiv übernimmt vieles, von Firmenunterlagen bis zu Nachlässen. Nachdenklich sagt Heiler: "Alle autoritären Systeme gehen zuerst auf die Presse, die Archive und die Kultur los, wenn sie eine Gesellschaft umkrempeln wollen." Alle drei sind Fakten, dem kritischen Denken und der Auseinandersetzung verpflichtet, nichts davon schätzen Diktatoren. Er fügt hinzu: "Archive haben viel Macht. Die meisten Menschen merken das allerdings erst dann, wenn es kritisch wird." Siehe Stasi-Archiv, oder aktuell das Vorgehen der US-Regierung.
Im Podcast mit Shaggy Schwarz hatte Dr. Heiler gesagt, Musik sei für ihn immer sehr wichtig gewesen. Es liegt also nahe, nach dem Soundtrack seines (Fuldaer) Lebens zu fragen. Er findet die Frage schwierig. Und erzählt dann doch, dass er auf dem Domplatz gern auch Künstler wie Paolo Conte oder Lucio Dalla gesehen hätte, und natürlich Neil Young. Und welche Musiker hat er mehr oder weniger komplett? Die Rolling Stones, antwortet er – und doch sieht er die Band heute kritisch: "Die haben den Zeitpunkt des Absprungs verpasst. Und seit Charlie Watts‘ Tod fehlt die Seele der Band. Die Stones sind heute leider nur noch eine Geldmaschine."
Bis heute hört Heiler die Musik, die er schon als junger Mensch mochte, aber: "Ich habe leider in den letzten Jahren viel zu wenig Zeit gehabt, Musik zu hören. Mal sehen, ob ich wieder reinkomme." Wim Wenders‘ Film "Perfect Days" habe ihn dazu wieder sehr angeregt – und in der Tat: Der Soundtrack mit Musik von z.B. Lou Reed, den Animals und Stones, Van Morrison und Otis Redding sowie Patti Smith und Nina Simone ist einfach grandios.
Kulturmenschen haben grundsätzlich viele Leidenschaften, fragen wir also weiter: Was liest Thomas Heiler, was steht in seinen Regalen? "Grundsätzlich die Österreicher", kommt es wie aus der Pistole geschossen. Thomas Bernhard, Robert Musil, Heimito von Doderer, Karl Kraus, Joseph Roth und Elias Canetti. Er habe so ziemlich die komplette "Fackel" gelesen, die Kraus von 1899 bis 1936 herausgab. Und auf seiner Wunschliste fürs "Alter" steht ‚Zettels Traum‘ von Arno Schmidt.
Warum gerade die Österreicher? Er liebe die Sprachmelodie, auch die Abgesänge auf die Donaumonarchie und den Habsburg-Mythos, sagt Heiler. Vielleicht ist es auch eine gewisse Widerborstigkeit, und: Die genannten Autoren schreiben über die ganz großen Themen – über Existenzielles und Philosophisches, über Heimat und Exil, über die Auseinandersetzung mit der Moderne, über Fragen nach Identität und über die Auflösung von Wertesystemen. Das in der Regel scharfzüngig, mit beißendem Humor, treffender Satire und Ironie.
Wie beschreibt und sieht Heiler Fuldas kulturelle DNA? "Klein, aber fein", lacht er. "Schon das Kloster war eines der vornehmsten im Reich, der Abt hatte eine herausragende Stellung. Über die Jahrhunderte hinweg wurde das allerdings immer von geringen materiellen Ressourcen konterkariert." Also – große Geschichte, geringe Machtbasis und zu wenig Geld. Fuldas kulturelle DNA sei deshalb immer die von Hauptstädtern gewesen. Begleitet worden sei dies von einem ständigen Gefühl der Unterlegenheit gegenüber den großen Nachbarn, die Fulda immer hätten schlucken wollen. Dieses Gefühl, von den ‚Großen‘ nicht ganz für voll genommen zu werden, gäbe es nach wie vor.
Wolle man über einen Umkreis von mehr als 50 km wirken, seien dafür "langer Atem, viel Geduld und ganz spezielle Angebote, die andere Städte nicht haben" notwendig. Also weniger austauschbarer Mainstream und mehr Special Interest? Er nickt und erzählt, dass immer wieder überlegt worden sei, auf dem Domplatz auch Barockopern aufzuführen. Um damit in der Szene bekannt zu werden, bräuchte man allerdings einige Jahre, das ginge nicht schnell. Deshalb könne man so etwas kaum über eine Agentur machen, sondern müsse es selbst stemmen.
DNA-typisch sind für Heiler die Villa Walther, der Fuldaer Literaturpreis, die Oranier-Ausstellung 2022 oder das städtische Bekenntnis, sich der eigenen Geschichte zu stellen und entsprechende Gedenkorte einzurichten. Zu nennen seien auch die von Siegbert Remberger mit der Musikschule initiierte Reihe "Fuldaer Gitarrenfrühling" mit Musikern von internationalem Ruf und die Reihe "Neue Musik" mit Michael Quell. "Aber all diese Formate haben es schwer, bis die Fuldaer sie annehmen". Es sei schade, dass Teile des hiesigen Publikums immer nur auf die großen Namen schauten. "Oft traut man es uns auch nicht zu. Dabei haben wir in den letzten Jahren viel gewonnen und gezeigt, zu was wir in der Lage sind – etwa durch das von Christoph Stibor verantwortete Theater- und Konzertprogramm, den Musicalsommer oder "Kultur. Findet. Stadt".
Was könnte Fulda kulturell noch gut gebrauchen? "Wir haben zu wenig Jazz im Angebot", findet Heiler, "aber auch Musik außerhalb dessen, was die Leute so normal auf dem Schirm haben. Das könnte man ergänzen." Kann Fulda nicht auch mit seinen besonderen Locations bei Künstlern punkten?
Unbedingt, findet Heiler. Beim Domplatzkonzert mit DJ Kalkbrenner (2024) sei das so gewesen, auch bei Martin Grubingers Auftritt mit dem hr-Sinfonieorchester (2019). Mit solchen Veranstaltungen hole man auch ein anderes Publikum nach Fulda. "Natürlich wäre auch ein Künstler wie Nick Cave toll. Aber wenn wir den verpflichten, und es kommen dann 5.000 Leute, ist genau das nachher die Schlagzeile: Nur 5.000 Leute auf dem Domplatz, aber bei Roland Kaiser waren es 10.000 Leute", so Heiler.
Auch bei der "Literatur im Stadtschloss" dürfe und müsse man künftig wohl mutiger werden. "Die Reihe ist zwar das Hochamt der Fuldaer Literatur", erklärt Heiler, dennoch könne man darüber nachdenken, das Format zu öffnen – z.B. für mehr Crossover zwischen Musik und Literatur oder auch andere Genres, für mehr Erzählen und literarisches Begegnen als das klassische Vorlesen.
Kann, darf und soll der Erfolg von Kultur oder die kulturelle Ausrichtung ausschließlich an verkauften Tickets bemessen werden? "Nein!", ist seine vehemente Antwort. "Kultur muss natürlich darauf achten, dass sie bezahlbar ist, aber ihr Wert kann sich nicht nur an zahlenden Besuchern und wirtschaftlicher Wertschöpfung ausrichten." Experimente müssten sein, sonst gibt es keine Weiterentwicklung.
Ganz am Schluss kommen wir noch auf einen Wunsch zu sprechen, der Fulda kulturell wirklich in eine andere Liga beamen würde: Europäische Kulturhauptstadt. Möglich und denkbar? "Auf jeden Fall. Wenn nicht Fulda eine europäische Kulturhauptstadt ist, was denn dann? Wir haben die internationalen Bezüge und die Bedeutung Fuldas im alten Reich. Fulda war eines der Zentren althochdeutscher Literatur." Heiler nennt das Kloster, Bonifatius, Rabanus Maurus, Lioba, die Internationalität von Bildung, die Klosterlandschaft und ist überzeugt: "Etwas Besseres gibt es gar nicht in Europa."
Etwas Besseres als Dr. Heiler konnte Fulda auch nicht passieren, möchte man am Ende dieses anregenden Gesprächs sagen. Gut, dass er so viele Spuren hinterlässt, gut, dass er in Fulda bleibt und hier weitere Betätigungsfelder hat. Wir Fuldaer sagen aus tiefstem Herzen: Danke, Dr. Heiler! (Jutta Hamberger)+++