Gott wird konkret
Bischof Gerber am 1. Weihnachtsfeiertag: Glaube ist mehr als eine Idee
Foto: Martin Engel
26.12.2025 / FULDA -
Im Fuldaer Dom deutet Bischof Gerber Weihnachten als Fest der Menschwerdung Gottes, zugleich aber auch als Fest der Menschwerdung des Menschen. Auch wenn Menschen von Anfang an Mensch seien, so Gerber, bleibe Menschwerdung doch ein lebenslanger Prozess. "Gerade dieses Bewusstsein müssen wir stärken angesichts von so vielen Vorgängen auf dieser Welt, für die das Wort von der Entmenschlichung passt", betont er mit Blick auf aktuelle Kriege, politische Machtspiele und gesellschaftliche Spaltungen.
In diesem Zusammenhang erinnert Gerber an ein Zitat aus einem Podcast von Elon Musk: "Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie." Dieser Aussage widerspricht der Bischof im Laufe seiner Predigt und hält ihr die weihnachtliche Perspektive entgegen.
Höheres Ziel
"Es zeichnet den Menschen aus, dass er eine Vorstellung hat von Vergangenheit und Zukunft", so Gerber. Der Mensch könne eine Idee, ein Ziel verfolgen, das er als übergeordnet erkannt hat, und aus dem Kreislauf von Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung ausbrechen. "So kann er sich in seiner Reaktion auf aktuelle Bedürfnisse zurücknehmen um eben jenes höheren Zieles willen." Kantige Botschaft
Vor diesem Hintergrund versteht Gerber Weihnachten als kritisch prophetische Unterbrechung. "Weihnachten hat für uns die kantige Botschaft: Das letzte Ziel deines Lebens, das, wonach du, Mensch, dich ausrichtest, kann nicht einfach eine Idee sein." Der Mensch sei in Gefahr, "dass auch diese Idee im Kern nur eine Überhöhung und eine Projektion seiner Wünsche und Bedürfnisse ist." Orientierung
Gerber setzt dem die Konkretheit des Weihnachtsgeschehens entgegen. "Gott erscheint nicht als eine Idee", hebt er hervor: "Gott zeigt sich uns in der Gestalt eines Menschen, in der Gestalt eines ganz konkreten Menschen, in der Gestalt des Kindes von Bethlehem." Die letztgültige Orientierung, die der christliche Glaube dem Menschen gibt, sei daher keine Idee, "sondern ein konkreter Mensch". Empathie als Stärke
"Empathie ist im Licht von Weihnachten keine Schwäche, sondern die entscheidende Stärke des Menschen", hält Gerber dem eingangs erwähnten Zitat von Elon Musk entgegen. "Empathie bedeutet, ein Leben lang nach einem möglichst unverstellten Zugang zu meinem eigenen Pathos, zu meiner eigenen Passio, zu meinen Leidenschaften und zu meinen Leidenserfahrungen zu suchen." Neuanfang
Weihnachten erzähle von einem neuen Anfang Gottes mit dem Menschen, betont Gerber. "Er hat uns angenommen, in und mit unserer Bedürftigkeit." Daraus wachse eine Dynamik. "Wo ich erfahre, ich bin angenommen da kann ich auch mich selbst annehmen, da kann ich in der Folge dann andere Menschen annehmen." Weihnachten öffne zugleich den Blick "auf die Größe und die Würde unseres eigenen Menschseins" und auf Verantwortung für andere.Bereits in der Heiligen Nacht hatte Bischof Gerber während der Christmette im Fuldaer Dom die unveräußerliche Würde des Menschen und das Angenommensein vor Gott als Kern der Weihnachtsbotschaft hervorgehoben und dabei auch sehr persönlich von seiner Krebserkrankung gesprochen. Die Feier der Heiligen Nacht war sein erster öffentlicher Gottesdienst im Fuldaer Dom seit der Diagnose Ende Juni, nachdem Operation, Chemotherapie und Reha gut verlaufen sind.
Festliche Musik
Das Pontifikalamt im Fuldaer Dom wurde festlich musikalisch gestaltet. Der Fuldaer Domchor und das Domorchester unter Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber führten die Missa per il Santissimo Natale von Giovanni Alberto Ristori auf. An der Domorgel spielte Domorganist Max Deisenroth.