Umbau im FRA3
So verändert Amazon die Welt: 2.500 Roboter können nicht ohne den Menschen
Fotos (10): Amazon
22.12.2025 / BAD HERSFELD -
Ein paar Klicks und die Hose, das Buch oder der Föhn sind bestellt. Die Order entschwindet im Nu im Glasfasernetz und spätestens am nächsten Tag klingelt der Auslieferfahrer an der Haustüre. Dazwischen sorgen Menschen und vermehrt Roboter für den Warenfluss. Die Künstliche Intelligenz (KI) übernimmt dabei die Regie.
Immer mehr Menschen nutzen die bequemen Bestellmöglichkeiten im Netz. Der Online-Handel wächst, hat aber noch viel Luft nach oben. Insbesondere in Deutschland. Hier lag der Anteil laut Statistiken im Jahr 2024 bei rund zehn bis 13 Prozent im Verhältnis zum stationären Handel. Weltweit sprechen die Fachleute von über 20 Prozent, Tendenz steigend.
Die KI tut ihr Übriges. Die Welt ist im Wandel, die Digitalisierung eröffnet viele neue Chancen. Neues birgt aber auch Unsicherheiten. Entsprechend beherrscht die Transformation den politischen und wirtschaftlichen Alltag. Wir spüren dies in den täglichen Diskussionen, während sich die Welt gefühlt immer schneller dreht.
Digitalisierung am ältesten Standort in Deutschland
Amazon gilt in der Branche als Vorreiter und hat die Digitalisierung längst auf dem Schirm. Das Unternehmen baut sein Netzwerk kontinuierlich aus. Neben den Logistikzentren betreibt der Internetriese Sortierzentren, um den Warenfluss ökonomisch bestmöglich zu koordinieren. Auch hier hält die Künstliche Intelligenz (KI) Einzug und berechnet den optimalen Ablauf. Herzstück sind aber die Logistikzentren, von denen es in Osthessen zwei gibt: Das FRA1 am Eichhof ist der dienstälteste Standort in Deutschland und ging im Jahre 1999 an den Start. Ihm folgte zehn Jahre später das FRA3 auf dem ehemaligen Gelände des Bundesgrenzschutzes am anderen Ende der Kreisstadt Bad Hersfeld im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.Das FRA1 hat eine Größe von 42.000 Quadratmetern, was einer Fläche von sechs Fußballfeldern entspricht. Der Standort ist spezialisiert auf Bier, Wein und Spirituosen. 650 Menschen arbeiten dort, über 80 Prozent seit mindestens fünf Jahren dabei und der Einstiegslohn beträgt 16,05 Euro brutto pro Stunde. Da alle Mitarbeiter länger als zwei Jahre dabei sind, verdient niemand unter 17,73 Euro. Dies gelte für beide Standorte. "Wir legen einen großen Wert auf Arbeitssicherheit und ergonomische Arbeitsbedingungen. Alle Arbeitstische sind höhenverstellbar, alle Hubwagen sind zu 100 Prozent elektrisch", nennt Sitzmann zwei Beispiele.
Familien, Hunde und die Führungspositionen
Der Familienvater aus der Gemeinde Hohenroda (Landkreis Hersfeld-Rotenburg) stammt aus der unmittelbaren Region und hat seine Karriere bei Amazon als Area-Manager begonnen und ist seit knapp zehn Jahren bei Amazon tätig. Gefühlt hat er eine Standleitung zu seinem Leitungskollegen Marcel Biedenbach. Er wohnt mit seiner Familie in Geisa an der hessisch-thüringischen Landesgrenze, beide haben einen Hund. In ihrem täglichen Handling geht es aber vielmehr um die Steuerung der Prozesse.Die Hersfelder Standortleiter wollen die Kolleginnen und Kollegen mitnehmen und Mut machen. Denn die Transformation ruft Unsicherheiten hervor. Ersetzen die Roboter jetzt meinen Arbeitsplatz? Was wird aus mir? Brauchen die mich überhaupt noch? Fragen, mit denen sich die Standortleiter und ihre Führungsebenen täglich beschäftigen. Biedenbach und Sitzmann betonen: "Wir brauchen nach wie vor unsere Mitarbeiter, sie sind das Herzstück der Logistik." Sie freuen sich über alle, die "Bock haben", diesen Weg mitzugehen. Weiter- und Querqualifizierungen würden angeboten. Der Einstieg solle so einfach wie möglich sein.
Warenmenge wird gesteigert
Die Arbeitsweise werde sich natürlich ändern. Ein konkretes Beispiel: Nach dem Umbau von FRA3 ziehen neben den Mitarbeitern ungefähr 2.500 Roboter ein. Die Warenmenge wird sich von 15 Millionen auf ungefähr 22 Millionen Artikel erhöhen. Die Anordnung des Umschlags ändert sich. Im quadratischen Kern befinden sich die zweieinhalb Meter hohen Regale.Bei all den technischen Möglichkeiten bleibt eines bestehen: Ohne den Menschen wird es auch in Zukunft nicht funktionieren. Neben den Pickern und Versandmitarbeitern brauchen all die Roboter zusätzliche Unterstützung. Techniker, Ingenieure und Mechatroniker sowie IT-Fachleute sind gefragter denn je. Sie sind praktisch die "Frauen und Herren des Roboters". Hierin liegt auch bei Amazon eine weitere Herausforderung. Mit verschiedenen Ideen versucht der Versandhändler, vor allem weibliche Führungskräfte für sich zu gewinnen. Vor wenigen Tagen haben die beiden Hersfelder Standorte zu einem Women Business Dinner eingeladen: "Das war ein großer Erfolg. Über 25 Frauen waren da und haben einen informativen Abend bei uns verbracht", sagt Sitzmann.
Amazon rechnet mit weiter wachsenden Markt
Im FRA3 laufen derweil die Umbauarbeiten. Drei der vier Hallen sind bereits leer geräumt und schaffen Platz für beispielsweise 25.000 neue Regale. Im ersten Quartal 2027 soll der erste Teilbereich in Betrieb gehen. "Das ist der feste Plan", sagt Biedenbach. Trotz wirtschaftlich angespannten Zeiten rechnet Amazon mit einem weiter stetig wachsenden Markt."Das Kaufverhalten hat sich geändert. Die Kunden sind insgesamt preissensibler", sagt der Pressesprecher im Onlinegespräch. Der Service spiele künftig eine noch stärkere Rolle. Auch hier hilft die KI. Etwa bei der automatisierten Beratung der Kunden. Das spüren wir alle beim scrollen durch die Angebote. Natürlich beschäftigt sich Amazon mit der Kehrseite des Online-Handels: Viele Kunden bestellen zum Beispiel mehrere Hosen und schicken einen Teil wieder zurück. Vieles geht zurück in den Warenverkehr, der Anteil von Produkten, welche recycelt werden müssen, liege im "Promillebereich". Unterhosen aus der Retoure wolle schließlich keiner haben.
"Es braucht beide Welten"
Die Transformation umfasst also viele Felder. Der Wandel ist nicht einfach, insbesondere im eher pessimistisch eingestellten Deutschland. "Wir sehen es vielmehr als Chance. Jeder ist willkommen, bei uns einzusteigen", sagen die heimischen Standortleiter. Sie erleben die Digitalisierung hautnah in ihrem Arbeitsalltag und doch sagen sie: "Es braucht beide Welten". Die frischen Brötchen am Sonntagmorgen holen sie lieber beim Gassigehen mit ihren Hunden vom Bäcker vor Ort - ganz ohne Klicks. (Hans-Hubertus Braune) +++