Schicksale und zweite Chancen im Tierheim
Mit 3,4 Promille gegen Wand geprügelt oder seit zehn Jahren ohne Zuhause
Kurz vor Weihnachten hat OSTHESSEN|NEWS das Tierheim Bad Hersfeld besucht. Das sind die beiden Frenchies Elsa (1) und Diamond (3).
Fotos: Carina Jirsch
26.12.2025 / BAD HERSFELD -
Es sind Geschichten, die unter die Haut gehen: Kurz vor Weihnachten hat OSTHESSEN|NEWS das Tierheim Bad Hersfeld besucht. Obwohl die Einrichtung - finanziert durch den Hersfelder Tierschutzverein - mitten im Umbau steckt, kümmern sich drei Tierpfleger und seit Kurzem auch eine Auszubildende unermüdlich um jedes Tier, das hier landet. Für viele ist es der erste warme, sichere Ort seit langer Zeit. Doch manche Schicksale begleiten die Tiere (und Menschen) hier weit länger - und hinterlassen Narben, die nur langsam heilen.
Mit diesen Schicksalen kennt sich vor allem Tierpflegerin Alexandra Weirich aus. Die 49-Jährige war früher Polizeibeamtin. Vor zwei Jahren hängte sie die Uniform an den Nagel und gründete eine Hundeschule - doch das allein reichte ihr nicht. "Ich wollte noch irgendetwas nebenbei machen", erzählt sie. Über eine Spende kam sie zufällig auf die Website des Tierheims. "Von da aus war alles ein Selbstläufer."
Aktuell betreut das Team 13 Hunde, 17 Katzen, fünf Vögel, vier Schildkröten und drei Schlangen. Kleintiere wie Kaninchen oder Meerschweinchen können wegen des Umbaus noch nicht abgegeben werden. "Für diese Tiere bauen wir gerade neue Anlagen. Fundtiere nehmen wir natürlich trotzdem auf. Im kommenden Jahr soll auch die Außenzwingeranlage umfassend erneuert werden", erzählt uns Weirich bei einem Tässchen Kaffee, bevor sie uns durch die verschiedenen Gehege führt.
Der kleine Leo - Zitternd, aber voller Liebe
Bereits am Anfang fällt uns der kleine Leo auf. Der fünfeinhalbjährige Parson Russell Terrier hat während unseres gesamten Besuchs kein einziges Mal gebellt. Neu angekommen, zittert er noch am ganzen Körper. "Seine ehemalige Besitzerin war überfordert und hat ihn abgegeben", erklärt Weirich. Anfangs wollte Leo nicht einmal sein Körbchen verlassen.
Mit etwas Zeit und Liebe der Tierpflegerin (und unserer Fotografin) taute der kleine Leo jedoch richtig auf. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft hörte er auf zu zittern und fraß sogar haufenweise Leckerlis. Weirich sagt leise: "Man muss sich mit den Tieren und ihren Persönlichkeiten auseinandersetzen und sie so nehmen, wie sie sind. Das erfordert manchmal eben Zeit."
Rocky: Vom Besitzer mit 3,4 Promille intus an der Tankstelle gegen Wand geprügelt
Nur ein paar Schritte weiter springen die Frenchies Elsa (1) und Diamond (3) vor lauter Freude an den Gitterstäben hoch. Beide kommen aus einer behördlichen Sicherstellung bei einem Massenzüchter. "Wir haben sie von einem befreundeten Tierheim vor vier Monaten übernommen." Bis zur endgültigen Entscheidung der Behörden bleiben sie im Tierheim - ohne Vermittlungschance. Solche längeren "Wartezeiten" treten wohl häufiger auf.
Ähnlich ist es bei Rocky, einem zehnjährigen Terriermix. Seine Geschichte macht fassungslos. "Passanten haben an einer Tankstelle gesehen, wie sein Besitzer ihn getreten und gegen eine Wand geprügelt hat", wird uns berichtet. Die Polizei rückte aus - der Mann hatte 3,4 Promille. Rocky wurde sichergestellt und vor rund einem Monat ins Tierheim gebracht. Nun erholt er sich langsam. Im schlimmsten Fall, muss er zu seinem Besitzer zurückkehren.
Tiere, die niemand will - und Menschen, die trotzdem für sie da sind
Nicht jedes Tier findet ein Zuhause. Toni (15), ein Jagdhund-Mix, lebt seit zehn Jahren im Tierheim. "Wir wissen nicht, warum ihn niemand möchte", sagt Weirich traurig. So geht es einigen Tieren. Zum Glück gibt es die Gassigeher, die regelmäßig vorbeikommen, um die Hunde auszuführen. "Für die Hunde ist das der Höhepunkt des Tages", erzählt sie. "Es ist schön zu sehen, dass Menschen teils regelmäßig pro Woche kommen, um ihnen etwas Gutes zu tun."
Täglich den Tieren zu helfen, erfordert viel Leidenschaft und Engagement. Für das Hersfelder Team steht aber fest: Es ist die Arbeit wert. "Viele sagen immer: 'Oh Gott, wie kannst du nur im Tierheim arbeiten, ich könnte das nicht.' Aber genau deshalb ist unsere Arbeit wichtig. Die Tiere hätten sonst niemanden, der sich um sie kümmert. Ich weiß, dass es den Tieren hier gut geht und sie versorgt werden. Wenn ich dann sehe - wie bei Rocky - wo die Tiere manchmal herkommen, dann bin ich doch froh, dass sie bei uns sind. Und wenn wir dann noch ein schönes Zuhause für sie finden, gibt es keinen besseren Lohn als das", betont Weirich dabei.
Pepe und Pablo: Zwei Perserkatzen für Kuscheleinheiten
Richtig gut läuft die Vermittlung vor allem bei den Katzen. Während im Sommer fast 70 hier untergebracht werden mussten, sind es inzwischen "nur" noch 17 Verbliebene. Unter ihnen ist auch noch der Kater, dessen Auge bei Schenklengsfeld mit einem Pfeil durchbohrt wurde (O|N berichtete). Ebenso aber auch Hedy. Die kleine ist munter, verspielt und verschmust, klettert überall (auch auf Schultern) herum.
Ziemlich verschmust, aber deutlich ruhiger sind hingegen die beiden Perserkatzen Pepe und Pablo. "Die zwei Flauschkugeln wurden vor einigen Wochen zusammen aufgefunden. Vor allem Pepe war so verfilzt, dass er erstmal geschoren werden musste." Am liebsten wäre es den Pflegerinnen natürlich, wenn sie beide zusammen vermittelt werden könnten. Kitten werden beispielsweise auch nur zu zweit vermittelt. Wichtig: Zu Weihnachten gibt es einen allgemeinen Vermittlungsstopp. "Tiere sollen keine Geschenke sein."
Ein Ort voller zweiter, dritter oder vierter Chancen
Neben Sach- oder Geldspenden baut das Tierheim auch auf eine Hunde- und Katzenpension. "Für die Katzen haben wir zwei Räume, mit jeweils Platz für acht Katzen, samt einem neuen überdachten Außenbalkon. Für Hunde haben wir drei Pensionsräume, im Sommer werden es zwei mehr. In der Ferienzeit sind wir - gerade bei Hunden - sehr ausgebucht." Es gibt keine Maximallänge, wer mehr erfahren möchte, kann sich hier schlaumachen.
Eines spürt man bei jedem Schritt durch das Tierheim: Hier kämpft niemand allein. Das Team, jeder freiwillige Helfer und jeder Besucher trägt dazu bei, Tieren eine neue Zukunft zu schenken.
Jedes Tier hat eine Geschichte. Jedes Tier hat eine Seele. Und jedes Tier möchte letztlich nur eines: Ein warmes, liebevolles Zuhause. Seit über 50 Jahren sorgt das Tierheim Bad Hersfeld dafür, dass dieser Wunsch für viele von ihnen wahr wird. Danke dafür. (Mathias Schmidt) +++