Das Licht in der Dunkelheit

Die Stille Nacht: Espen Nowackis Weihnachts-Musical in der Orangerie

Das Wunder der Geburt im Stall - auch im Musical ein Moment tiefer Rührung und großen Staunens.
Alle Fotos: Martin Engel

05.12.2025 / FULDA - Ach, die Weihnachtsgeschichte, kennen wir doch. Krippenspiel, Lukasevangelium, Krippenspiel – abgehakt. Der Norweger Espen Nowacki wollte die Geschichte neu erzählen und schrieb im Jahr 2022 sein Weihnachts-Musical "Die Stille Nacht". Trotz des modernen Gewands bleibt die wahre Bedeutung von Weihnachten unveränderlich: Liebe.



Man muss sich einlassen auf die Geschichte und akzeptieren, in ein und derselben Story den Weihnachtsmann, die Hirten bei Bethlehem und das von einer Erwachsenen verkörperte Mädchen Gabrielle zu sehen. Die ist der rote Faden der Geschichte.

Zu Hause herrscht Weihnachtsstress: Die Mutter wird mit der Hausarbeit nicht fertig, das kleine Brüderchen schreit andauernd, der Vater hat vergessen, einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Nur von einer Freundin hat Gabrielle ein Geschenk bekommen – eine Weihnachtspuppe. Sie will, dass ihr jemand die Weihnachtsgeschichte vorliest, aber niemand hat Zeit. Gabrielle ist schwer genervt und hat alles satt. Dann klingelt ein schwangeres Paar an der Tür, wird aber weggeschickt, da die Wohnung nicht sauber genug ist und sich außerdem Verwandtschaft angekündigt hat.

Dem Weihnachtsmann reicht es, auch, dass Gabrielle nur am Jammern ist. "Wir sind nicht immer die Hauptperson, die Welt hat schon viel zu viele davon" belehrt er sie. Zur Bekräftigung seiner Lehre schickt er Gabrielle und ihren Vater durch eine Tür – und die beiden kommen zeitreisenmäßig im Jahr 0 in Bethlehem an. Handy und Google Maps versagen, der sonst so schlaue Vater hat nicht die geringste Idee, wie man aus der Geschichte wieder herauskommt. Gabrielle aber ist begeistert, und versteht als einzige sofort, was um sie herum passiert.

Sich auf das Magische einlassen

Einmontiert in die Gabrielle-Geschichte werden Szenen aus dem Lukasevangelium: Herodes, der alle zur Zählung in ihren Geburtsort befiehlt. Maria und Josef, die auf der Suche nach einer Herberge sind. Die Hirten am Feld. Der Engel der Verkündigung, der Wirt, der Stall, die Geburt usw. Dass sich die Ebenen und die Zeiten vermischen, wird zum Prinzip des Musicals. Gabrielle hilft Maria und Josef, das kleine Kind vor den Soldaten des Herodes zu verstecken. Es gelingt, das Kind aus Bethlehem nach Ägypten zu bringen und so zu retten. Und schließlich kehren sie und ihr Vater glücklich nach Hause zurück, um Weihnachten so zu feiern, wie es gedacht ist: voller Liebe, gemeinsam und in innere Ruhe. Ohne Stress und Hektik.

Die Weihnachtsgeschichte wird immer wieder gebrochen durch moderne Begebenheiten. So treffen Maria und Josef auf die Mitarbeiterin einer Kirchengemeinde, die gerade ein Krippenspiel vorbereitet. Bei ihrer Herbergssuche treffen sie auch Kevin an – ja, den von "Kevin Home Alone", und natürlich gibt es irgendwann auch rockende Rentiere samt Weihnachtsmann und tanzende Schafe mit ihren Hirten.

Weihnachts-Darsteller, Bühnenbild und Musik

Stephen Brauer als Weihnachtsmann erinnert vom Auftritt her stark an Kurt Russell in "The Christmas Chronicles" – also rotzig und rockig zugleich, aber mit goldenem Herzen. Demi Hubers als Engel der Verkündigung kommt als Rockröhre mit gewaltiger Stimme à la Bonnie Tyler oder Pat Benatar daher und bekam immer wieder Szenenapplaus. Produzent, Komponist und Texter Espen Nowacki tritt als Gabriellas Vater Phil auf – textlich überzeugender als singend. Kirsten Schneider gibt als Maria alles – von Wehenschreien bis zum berührenden "Wer bist du?", in dem die Untiefen der Zeugung und Geburt Jesu aufscheinen. Christian Venzke ist ein wunderbar fieser Herodes, dem man sofort abnimmt, dass er null Problem damit hat, das Volk mit einer erdrückenden Steuerlast zu überziehen. Lina Ritters ist eine durch und durch sympathische Gabrielle. Das ganze Ensemble – insgesamt 17 Darsteller:innen – überzeugte mit viel Spielfreunde.

Die Szenen – in der Stadt, in Gabrielles Zimmer, auf der Straße, in Herodes‘ Schloss, im Stall etc. – werden mit minimalistischen Mitteln angedeutet. Diese Reduktion aufs Wesentliche hat einerseits mit den Anforderungen einer langen Weihnachts-Tournee zu tun, ist aber auch stilistisches Prinzip. Aufwand betrieben wird mit den farbenprächtigen Kostümen und den originellen Details, mit denen Rollen markiert werden. So mischt sich immer wieder Humorvolles mit Nachdenklichem.

Musikalisch bewegen wir uns zwischen Rock und Pop – nur klassische Weihnachtslieder oder -melodien fehlen. Espen Nowacki hat die Musik selbst geschrieben. Die Fuldaer – verwöhnt von den Spotlight-Produktionen – hätten sich bestimmt über den ein oder anderen Hit gefreut, also Songs, die haften bleiben und die man direkt nachsingen will. Davon gab es allerdings wenig.

Was bedeutet Glauben heute?

Espen Nowacki beschäftigte sich bei der Arbeit an seinem Weihnachts-Musical mit grundlegenden Fragen: "Was bedeutet Glauben in unserer Zeit? Woran glauben wir heute? Wie würden wir in unserer modernen Welt auf ein Wunder reagieren? Und wie begegnen wir Fremden, die unsere Hilfe brauchen?" Nowacki geht dabei aber nicht so weit, die Weihnachtsgeschichte auf ihren radikalen Kern und ihre Zumutungen zu reduzieren. Für kleinere Brechungen baut er gefällige Fragen, klassische ‚Asides‘ (wie man sie aus der Comedy kennt) und freche Kommentare ein.

Mit diesem Musical wird niemand in seinem Glauben gestört, verstört oder wachgerüttelt – es nagelt keine Thesen an Wittenberger Kirchenpforten. Es ist warmherzig und nett, reiben wird man sich hier an nichts. Wer will, kann aber durchaus darüber nachdenken, welche Revolution in jener Nacht in Bethlehem begann: Du bist das Licht in der Dunkelheit – das gilt für Jesus, aber auch für jeden Einzelnen von uns. Das Musical ist alles in allem perfekte Unterhaltung für die ganze Familie – Jung oder Alt, hier werden viele etwas für sich finden und mitnehmen können. Und sich gut unterhalten zu haben, mitgesungen, geklatscht und gelacht zu haben ist wahrlich nicht das Schlechteste, was man an einem kalten Dezemberabend tun kann. (Jutta Hamberger)+++

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