Er ist der neue Domorganist

Antrittskonzert Max Deisenroth: Orgelmusik nährt die Seele

Bein Antrittskonzert des neuen Fuldaer Domorganisten Max Deisenroth: Orgelmusik nährt die Seele
Archivbild: O|N / Niklas Mönke

30.11.2025 / FULDA - Fuldas Domorganisten teilen eine Tradition – sie sitzen sehr lange auf dem Bock, wie das im Orgelsprech so schön heißt. Auf 44 Jahre brachte es Prof. Erich Ackermann (1920-2007), auf 35 Jahre sein Nachfolger Prof. Hans-Jürgen Kaiser (*1959).



Nach dem Antrittskonzert des neuen Fuldaer Domorganisten Max Deisenroth (*1990) kann man sich nur wünschen, dass er uns in Fulda mindestens so lange erhalten bleibt, wie er alt ist.

Eintritt in den Advent

Weihbischof Prof. Karheinz Diez begrüßte die musikinteressierten Fuldaer:innen im sehr gut besuchten Dom und positionierte das Konzert als Einladung, in den Advent einzutreten. Gleichzeitig stehe es aber auch für die musikalische Vision Deisenroths, durch das Orgelspiel den Glauben musikalisch nach draußen zu tragen. Und tatsächlich stimmte das Konzert ganz adventlich und weihnachtlich ein. Man konnte still werden, in sich gehen – und sich der Kunst unseres Domorganisten anvertrauen.

Über die Kunst der Improvisation

Drei Improvisationen bestimmten den Charakter des Konzerts. Improvisation bedeutet immer, sich von den Noten zu lösen und ins freie Spiel zu kommen. Das ist nicht jedem gegeben, wie man im Konzertsaal immer wieder beobachten kann. Dabei waren geniale Komponisten wie etwa W. A. Mozart Meister der Improvisation. Der fände heute sicher am Jazz Gefallen, ein buchstaben- bzw. notengetreues Spiel würde ihm vermutlich befremdlich vorkommen.

Und wie sieht es im kirchlichen Raum mit der Improvisation aus? ‚Reicht‘ es da nicht, wenn der Organist Kirchenlieder, Choräle, Fugen, Toccaten etc. beherrscht? Eben nicht. Schon im Gottesdienst kommt ein Organist oft ums Improvisieren nicht herum, weil ein Stück musikalisch verlängert werden muss. Mit anderen Worten: Improvisationskunst sollte ein Organist im Blut haben. Max Deisenroth bewies in gleich drei Improvisationen ganz unterschiedlichen Stils, dass er das hat – sein Spiel war einfach begeisternd. Und es ist alles andere als Zufall, dass er für diese Improvisationen Zwischenbeifall erhielt.

Verschiedene Improvisationsstile

In der ersten Improvisation über den Choral "Nun komm, der Heiden Heiland" wählte er eine französische Suite und ließ die Klangfarben der klassischen französischen Barockorgel erklingen. Das Improvisieren gehört zur Barockmusik genauso wie zum Jazz – man spricht dann vom Fantasieren oder Präludieren, in der Regel über dem sog. Basso ostinato, also der Fundamentalstimme, die verziert oder melodisch umspielt wird.

Ganz anders die zweite Improvisation als Phantasie und Fuge im romantischen Stil über den Choral "Kündet allen in der Not". Musikalisch ist man hier nah bei Max Reger. Unerwartete Wendungen, das Ziehen aller Register, die extremen Wechsel zwischen laut und leise kennzeichneten diese Improvisation.

Wieder anders dann die dritte Improvisation, eine viersätzige Sinfonietta über den Choral "O Heiland, reiß die Himmel auf" – die Bitte um Erlösung zieht sich durch jede Strophe dieses Adventslieds. Geschrieben hat es Friedrich Spee um 1622, von wem die Musik stammt, ist unbekannt. Das Scherzo tänzelt fast, im Adagio erklingt der Choral und wird von den hochliegenden Registern und engmansurierten Pfeifen so umspielt, dass der Klang dem einer Glasharfe ähnelt. Im fulminanten Finale sieht man geradezu, wie der Heiland mit all seiner Macht die Himmel aufreißt. Grandios.

Bach als Hit-Schreiber

Ohne Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist eigentlich kein Gottesdienst musikalisch denkbar, oder? Kein anderer Komponist hat solchen Einfluss auf die Kirchenmusik gehabt, und in diesem Fall herrscht sogar einträchtigste Ökumene. Deisenroth spielte drei Choräle aus den sog. Schübler-Chorälen Bachs: "Wachet auf, ruft uns die Stimme" ist sicher der bekannteste, "Meine Seele erhebt den Herrn" der innigste und beinahe schon meditativste – was nicht wundert, handelt es sich hier doch um einen Lobgesang der Gottesmutter – und "Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herab" der fröhlich-festlichste.

Die Schübler-Choräle wurden erstmals 1748/49 von Johann Georg Schübler in Zella gedruckt – so erklärt sich auch ihr Name. Sie sind, vom vierstimmigen "Meine Seele erhebet den Herrn" abgesehen, dreisätzig und leicht spielbar. Drei der Choräle sind in moll-, drei in Dur-Tonarten gesetzt. "Sechs Choräle von verschiedner Art" lautet der originale Titel und macht so aufs Wunderschönste klar, was Bach im Sinn hatte: eingängige Orgelmusik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen – und damit gern auch Geld zu verdienen. Mit anderen Worten: Orgel-Hits, leicht spielbar auch auf Orgeln mit weniger Manualen als im Fuldaer Dom. Diese Choräle gehören bis heute zu den beliebtesten Bach-Werken.

Französische Orgelmusik des 19. und 20. Jahrhunderts

Charles-Marie Widor (1844-1937) war 64 Jahre lang Titularorganist in der Pariser Kirche St. Sulpice. Aus seiner zweiten Orgelsinfonie erklang das Pastorale. Wir fühlten uns zu den Hirten aufs Feld versetzt, die Musik ist still und beschwingt.

Den Abschluss des Konzerts bildeten drei Stücke aus Henri Mulets (1878-1967) "Byzantinischen Skizzen", einem Werkzyklus, der in 10 monumentalen Stücken musikalisch Stationen in der Pariser Kirche Sacré-Cœur nachzeichnet. Komponiert hat Mulet das Werk zwischen 1914 und 1919, also in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Stilistisch befinden wir uns im Übergang von der Romantik zur Moderne. Mit "Rosace" (Rosette), das verhalten, meditativ und wie hingetupft wirkt, mag man an das durch die Fensterrosetten einfallende Licht denken – oder an die Musik, die nach draußen strömt. Mit "Noel" (Weihnachtslied) sind wir mitten in der Adventszeit angekommen und können uns von der einfachen Melodie anrühren lassen – jenseits von Kitsch und Kommerz.

Das zehnte und bekannteste Stück des Zyklus ist "Tu es petra et portae inferi non praevalebunt adversus te" (Du bist ein Fels, und die Pforten der Hölle können nichts gegen dich ausrichten) – eine machtvolle Toccata, in der die Orgel nochmals zu voller Klanggröße anschwillt und den gesamten Dom erfüllt. Vielleicht das Stück, das Deisenroths Vision von der Orgel als Glaubensträger am besten verdeutlicht. Schon Johann Gottfried Herder war der Meinung, dass die Wirkung von Musik, insbesondere von Orgelmusik, Seelennahrung sei, mit der wir uns immer wieder neu gestimmt auf Gott orientieren können. Kirchenmusik ist – auch das machte dieses Konzert klar – viel mehr als Beiwerk in der Liturgie.

Mit Standing Ovations bedankte sich das Publikum im Dom, und der junge Domorganist seinerseits bedankte sich bei den Zuhörern und bei seiner Orgel, bevor er uns mit "Macht hoch die Tür" dann wirklich in den Advent entließ. (Jutta Hamberger) +++

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