Wenn alle an einem Strang ziehen

Neue Hausarztpraxis für das Solztal: Mit Mut, Herzblut und Omas Schnittchen

Dr. Filis Ferat, Hendrik Meiß, Carsten und Anne Mawick (von links) während der Eröffnung der Hausarztpraxis Solztal
Fotos: Hans-Hubertus Braune und Anton Meiß

22.11.2025 / BAD HERSFELD - Dieses Projekt ist ein Musterbeispiel, wie die Zukunft im ländlichen Raum funktionieren kann: Wenn alle beteiligten Personen trotz unterschiedlicher Blickwinkel und Interessen an einem Strang ziehen. Im Bad Hersfelder Stadtteil Sorga ist etwas geschehen, was es in der heutigen Zeit immer seltener gibt: Die Neueröffnung einer Hausarztpraxis.



Zwar betreiben die beiden Hausärzte Dr. Filis Ferat und Hendrik Meiß schon länger ihre Praxis in Sorga, doch künftig behandeln und versorgen sie ihre Patienten in barrierefreien, großzügigen Praxisräumen. Damit wird auch die Zukunft gesichert und die Praxis für künftige Generationen attraktiver. Sie praktizieren zudem in Friedewald und werden dort in zwei Jahren ebenfalls in neue Räume umziehen. Am Dreienberg wird derzeit ein Gesundheitszentrum gebaut.

Zurück nach Sorga: Vor vier Jahren hatte die VR-Bank NordRhön angekündigt, ihre Filiale im Solztal zum Ende des vergangenen Jahres zu schließen. Kein Einzelfall und auch in Sorga drohte der Leerstand in dem Gebäude an der Kathuser Straße.

Doch Carsten Mawick vom Hermannshof ergriff die Initiative. Ein Schicksal innerhalb der Familie habe den Blick auf die ärztliche Versorgung vor Ort gelenkt. Mawicks entschieden sich, das Gebäude zu kaufen und komplett zu sanieren. Nach langen und zähen Verhandlungen mit der Bank konnte bei Apfel-Dinkelkuchen eine Einigung gefunden werden. Nachdem auch die Genehmigungen vorgelegen hatten, konnte es losgehen.

Schnittchen und Hofgeschichten für die Handwerker

Innerhalb von neun Monaten wurde aus der Bankfiliale eine hochmoderne Arztpraxis. Übrigens mit Parkplätzen und einer Bushaltestelle direkt vor dem Eingang. "So eine komplexe Baustelle funktioniert nur, wenn auch das Drumherum stimmt. Seit Jahresbeginn 25 hat meine hier vor mir sitzende 87-jährige Mutter täglich alle Handwerker mit Schnittchen und Kaffee, manchmal auch mit Kuchen, und besonders natürlich mit Hofgeschichten versorgt", plauderte Marwick ein wenig aus dem Nähkästchen.

Er dankte am Freitagnachmittag während der Eröffnung den vielen helfenden Händen, den verschiedenen Fachleuten, Planern, Firmen und natürlich seiner Familie mit Ehefrau Anne und den beiden Söhnen, welche mit ihren Freundinnen extra aus Hannover und Marburg angereist waren, für ihre Unterstützung. Der Umbau ist im besten Sinne ein sympathisches Familienprojekt.

Prävention, Diagnostik und Beratung

Auch für die beiden Ärzte ist die Eröffnung ihrer Praxis ein besonderer Augenblick. "Wir legen viel Wert auf Prävention, moderne Diagnostik und individuelle Beratung. Unsere Praxis soll ein Ort sein, um gesund zu bleiben", sagte Dr. Filis Ferat. Ihr Praxispartner erläuterte, dass sie seit dem Jahr 2022 in Sorga rund 180.000 Euro investiert hätten. Hendrik Meiß kritisierte jedoch, dass es in Deutschland keine Fördermittel für die Modernisierung von Arztpraxen gebe. Gerade im ländlichen Raum sei es schwierig, Nachwuchs für die medizinische Versorgung zu gewinnen. Die Anforderungen, die Bürokratie wachsen immer weiter an, dazu seien die finanziellen Perspektiven unklar.

Hilfreich für das Projekt waren die 35.000 Euro von der Europäischen Union. Der Landkreis ist LEADER-Region der EU. Die Projektpartner dankten der Regionalmanagerin Sigrid Wetterau und deren Team für das Engagement. Wetterau selbst gratulierte zur neuen Praxis und schilderte: "Zum ersten Mal konnten wir Mittel für ein Gebäude und eine Praxis generieren.". Sie appellierte an die anwesenden Vertreter aus Wirtschaft, Medizin und Politik, sich weiter für die Sicherung der LEADER-Region einzusetzen.

Viel Lob von den politischen Vertretern

Die kommunalen politischen Vertreter aus dem Landtag, dem Landkreis, Stadt und Ortsbeirat lobten das Engagement der Mawicks und des Ärzteteams. "Hier konnte der drohende Leerstand verhindert und die hausärztliche Versorgung gesichert werden, was immer schwieriger wird", sagte die Landtagsabgeordnete Tanja Hartdegen (SPD). Auch die Kreisbeigeordnete Barbara Eckhardt (SPD) und Stadtrat Gunter Grimm (CDU) gratulierten in ihren Grußworten. Ortsvorsteher Michael Barth (Kathus, FWG) bezeichnete die Praxiseröffnung eine hervorragende Nachnutzung, welche die Menschen im Solztal nach vorne bringe. Es sei schön, wenn aus einer Idee eine Verwirklichung werde. Pfarrer Frank Weber von der Evangelischen Kirchengemeinde Petersberg mit Sorga und Kathus sprach abschließend den Segen.

Die Realisierung der neuen Praxis in Sorga zeigt, wie es trotz der aktuellen Begleitumstände gelingen kann, dem ländlichen Raum eine Perspektive zu geben. Gemeinsam anpacken und trotz allen weitläufig bekannten Herausforderungen nimmermüden Vorreiter wie Carsten Mawick braucht es. Das Dachgeschoss der ehemaligen Bank wird derzeit übrigens auch ausgebaut. Für Wohnungen oder für einen dritten Arzt? Und im Solztal haben sie weitere Ideen: Die Nahversorgung und altersgerechtes Wohnen sind zwei Ziele für die Zukunft. (Hans-Hubertus Braune) +++

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