Infotag Demenz am Herz-Jesu-Krankenhaus

Plötzlich alt und dement: Simulation lässt Demenz erleben

Der Infotag Demenz fand zum ersten Mal am Herz-Jesu-Krankenhaus Fulda statt.
Fotos: Melanie B. Weber

15.11.2025 / FULDA - Die Gelenke sind blockiert, jede Bewegung ist anstrengend, Gewichte an Hand- und Fußgelenken machen den Körper schwer. Die Brille mit dem schwarzen, breiten Rahmen schränkt das Sichtfeld ein, die kleinen verbleibenden Fenster zeigen nur ein verschwommenes Bild der Umgebung mit starkem Gelbstich. Ein Gehstock hilft, nicht gegen jede Wand zu laufen.



"Es ist wirklich schwer, sich zu bewegen. Ein paar Meter Gehen ist richtig anstrengend", fasst eine Besucherin ihre Erfahrung mit dem Alterssimulationsequipment zusammen. Handschuhe, die leichte Stromimpulse abgeben, simulieren Tremor. Dicke Handschuhe und Sicht über Spiegel lassen erahnen, wie schwer es ist, mit motorischen Einschränkungen Lebensmittel auf einen Teller zu balancieren.

Organisiert vom Demenzforum Forum, findet am Freitag, dem 14. November 2025, der fünfte Infotag Demenz statt, zum ersten Mal im Foyer des Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda. An insgesamt 21 Ständen können sich Betroffene und Angehörige über Hilfsmittel informieren und diese ausprobieren. Um 14:30 Uhr sprach Dr. med. Steffen Schlee, Chefarzt der Geriatrie am Herz-Jesu-Krankenhaus, Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie, in seinem Vortrag "Früherkennung Vorbeugung" über frühe Anzeichen von Demenz und Möglichkeiten der Prävention.

"Leben Sie gut. Seien Sie gut zu sich selbst, achten Sie auf Ihren Körper, vermeiden Sie kardiovaskuläre Risiken und bleiben Sie in Bewegung. Sie sollten nicht unbedingt mit dem Boxen beginnen – die Schläge auf den Kopf sind vielleicht nicht so gut. Aber bewegen Sie sich, seien Sie aktiv. Wenn Sie RTL II schauen, werden Sie aktiv. Also nicht machen, lieber rausgehen!" rät Dr. Schlee mit dem ihm eigenen Humor.

Respekt vor dem Alter – und den Mitmenschen

"Wir brauchen mehr Respekt vor Menschen, die mit altersbedingten Einschränkungen im Alltag klarkommen müssen. Ob an der Supermarktkasse oder im Bus: Wenn jemand langsam ist, orientierungslos und unsicher wirkt, Dinge vergisst – könnte das altersbedingt sein? Könnte der Mensch an Demenz leiden? Wir brauchen in der Gesellschaft viel mehr Respekt und Verständnis!" fordert eine Sprecherin der Kreativarbeitsgruppe, die in den letzten Monaten Plakate entworfen hat. Die Plakate thematisieren verschiedene Probleme, die mit Demenzerkrankungen einhergehen können – und werden bald in Kaufhäusern, Supermärkten, Bussen und Bahnen hängen. Wie auch der Demenzparcours mit Alterssimulation sollen sie aufklären und Verständnis für Menschen mit Einschränkungen schaffen. Das ist wichtig, denn aktuell sind zwölf Prozent der Menschen im Landkreis über 75 Jahre alt, Tendenz steigend. Und ab dem 75. Lebensjahr steigt das Risiko, an einer Demenz zu erkranken.

Auch Landtagsabgeordnete Stefanie Klee (CDU) ist beim Infotag Demenz in Fulda, und auch sie fordert Respekt vor den Betroffenen – und vor pflegenden Angehörigen, denn, das weiß sie aus eigener Erfahrung, "Das ist eine schwere, belastende Erfahrung. Das kann nicht jeder."

Um den Respekt ging es auch in den Grußworten, die Bürgermeister Dag Wehner (CDU) zur Eröffnung des Infotags sprach, sowie in der Ansprache von Landtagsabgeordneten Thomas Hering (CDU). Dass das Thema Demenz die Politik in Stadt, Kreis und Land beschäftigt, kam deutlich zum Ausdruck, so auch der Dank für die Organisation des wichtigen Infotags an die Veranstaltenden.

Erkrankung verlangsamen, Technik nutzen, für Notfälle vorsorgen

Um 15:00 Uhr stellte Elisabeth Fries, Ergo- und Schlucktherapeutin am Herz-Jesu-Krankenhaus, im Vortrag "Förderung und Erhalt der Kognition" ergotherapeutische Angebote für Menschen mit Demenz vor. Dass Förderung alleine den Alltag noch nicht erleichtert, ist allen Vortragenden klar – deshalb ergänzte die hessische Fachstelle Wohnberatung das Vortragsprogramm mit einer Übersicht über die Möglichkeiten hilfreicher Technik und Beratungsangebote im Bereich Technik und Wohnen.

"Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle, wenn Menschen merken, dass etwas nicht in Ordnung ist", erklärt Christina Marg, "Die Diagnose Demenz darf der Hausarzt stellen. Aber er kann auch weiterverweisen, beispielsweise an die Neurologie. Für eine medikamentöse Behandlung ist das zwingend. Aber was Fördermöglichkeiten, Alltagshilfe, Pflege und finanzielle Unterstützung angeht, sind alle Mitglieder des Pflegeforums Ansprechpartner. Niemand ist mit dem Thema alleine. Die Sozialverbände beraten und unterstützen genauso wie die Pflegedienste!"

Demenzforum Fulda klärt auf, hilft, vernetzt

Der Infotag Demenz fand in der Vergangenheit unregelmäßig statt, aber das soll sich ändern. "Wir werden nächstes Jahr eine Vortragsreihe zum Thema Demenzprävention halten", verrät Christina Marg, hauptverantwortlich für die Organisation des Pflegeforums. Und auch einen Infotag Demenz soll es künftig regelmäßig geben. "Es wäre natürlich ein Traum, wenn der wieder im Herz-Jesu-Krankenhaus stattfinden könnte. Das Foyer mit Messeständen und der Gelegenheit zu Gesprächen, die Cafeteria als ruhiger, in sich geschlossener Vortragsraum – das ist ideal!"

Wirtschaftsfaktor Demenz

Das Lebensalter gilt als Hauptrisikofaktor einer Demenzerkrankung. Während das Risiko einer Erkrankung bei 65- bis 70-Jährigen noch bei unter drei Prozent liegt, steigt es bei 85-Jährigen auf etwa 20 Prozent und bei 90-Jährigen sogar auf über 30 Prozent. Damit ist klar: Da der Anteil älterer und alter Menschen in der Bevölkerung steigt, steigt auch der Zahl der von Demenz Betroffenen. Auch wenn Prävention möglich ist, werden künftig immer mehr Menschen von Demenzerkrankungen betroffen sein.

Zum Schluss noch eine Frage an Dr. med. Steffen Schlee als Chefarzt der Geriatrie des Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda und Christina Marg als Organisatorin des Infotags Demenz:
"Was würden Sie sich mit Blick auf das Thema Demenz und den heutigen Tag von der Politik wünschen?"

Dr. med. Schlee: "Ich würde mir wünschen, dass wir diese unleidliche Diskussion um die Beschränkung der medizinischen Versorgung im Alter beendet. Wir sind eine Gesellschaft, in der der schwache Mensch etwas gelten muss. Ich erlebe, dass die Härte in der Gesellschaft zunimmt. An dem Punkt, an dem wir sagen, dass ältere Menschen weniger wert sind, weil sie am Erwerbsleben nicht mehr teilnehmen, geht das nach hinten los."

Christina Marg: "Mehr Aufmerksamkeit für das Thema Demenz. Die Bereitschaft, Projekte zu unterstützen, auch finanziell. Und die Bereitschaft, das Thema als das zu sehen, was es ist: ein gesamtgesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Thema!"(mbw) +++

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