"Geteilter Horizont - Die Zukunft der Ukraine
Akademieabend in der Katholischen Akademie: Müde, aber nicht klein zu kriegen
Fotos: Katholische Akademie
13.11.2025 / FULDA -
Die Texte in dem Sammelband "Geteilter Horizont. Die Zukunft der Ukraine" sind schwere Kost. Wie sollte es auch anders sein als nach fast vier Jahren Krieg in dem osteuropäischen Land. Bei einem Akademieabend der Katholischen Akademie zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen wurde das Buch am Mittwochabend in Fulda vorgestellt.
Besonders heißt Akademiedirektor Gunter Geiger eine der Autorinnen des im Suhrkamp Verlag erschienenen Buch willkommen: Katja Petrowskaja. Die Schriftstellerin und Journalistin lebt seit 1999 in Deutschland. Wem der Name bekannt vorkommt: Petrowskaja war es, die vor zwei Wochen in der Frankfurter Paulskirche die Laudatio auf Karl Schlögel hielt, den diesjährigen Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Das bekannteste Werk Petrowskajas "Vielleicht Esther" wurde in 30 Sprachen übersetzt und mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.
Der Moderator des Abends ist Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift "Osteuropa" in Berlin. Er zitiert mit Blick auf den Ukraine-Krieg Karl Schlögel, einen ausgewiesenen Kenner Osteuropas. "Wir befinden uns in einer Vorkriegszeit." Das sollte wachrütteln. Stattdessen sei zu beobachten, dass das Interesse und das Engagement für die Ukraine mit den Jahren abgenommen haben. "Wir sind es müde, immer diese schlimmen Nachrichten zu sehen", beschreibt Katharina Raabe die Stimmung hierzulande. Raabe ist beim Suhrkamp Verlag Lektorin für osteuropäische Literaturen und Herausgeberin des obengenannten Buches.
Mit Lehrerinnen hat auch der Beitrag Petrowskajas in dem Buch zu tun. Die Autorin ist russischsprachig. Da sie seit ihrem 16. Lebensjahr nicht in der Ukraine lebte, hat sie die großen ukrainischsprachigen Poeten nicht gelesen. Das hat sie nun mit Lehrerinnen nachgeholt – als ihren Beitrag des Widerstands
Für Petrowskaja sind die Menschen in ihrer Heimat müde – körperlich wie seelisch. Sie verweist mit Sapper auf den Beitrag von Jurko Prochasko, einem Germanisten und Psychoanalytiker. Er nennt Putins Einmarsch in die Ukraine einen "totalen Krieg", aber in einem anderen Sinn, als es Goebbels in seiner Hetzrede meinte. "Er ist total, denn es gibt in der Seele keinen Ort mehr, wo er nicht ist. Die gesamte Gesellschaft und Kultur befinden sich in einem totalen Krieg."
Und das Ende des Kriegs? Katharina Raabe hat für das Buch eine Top-Diplomatin dazu gesprochen. Die Schweizerin Heidi Tagliavini hat beim Minsker Abkommen vermittelt, war in der tschetschenischen Hauptstadt, als sie unter russischem Beschuss war. Sie war für die OSZE auch 2014 im Krieg in Donezk. Ihr Urteil ist klar: Angesichts all der Niedertracht und Gemeinheiten, der
Tricksereien sind mit der russischen Regierung keine Verhandlungen möglich. Russland bestehe weiterhin auf der Auslöschung der Ukraine als Nation. Die russischen Schergen sollen aber nicht unbeschadet für ihre Taten davon kommen. Deshalb werden jeder Name, jedes Verbrechen genau aufgezeichnet. Hierzu werden Beweise gesammelt. Manche werden dazu ausgebildet, dies so zu tun, dass die Beweise dann später auch beim Haager Tribunal Bestand haben. (pm/ems) +++