Domspatzen und JugendKathedralChor
Volles Haus im Dom St. Salvator! Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt
Alle Fotos: Martin Engel
26.10.2025 / FULDA -
Zwei Chöre, zwei Domkapellmeister, ein bis auf den letzten Platz besetzter Hoher Dom zu Fulda – und Gotteslob vom musikalisch Feinsten. Von der Gregorianik über die Musik der Renaissance und Romantik bis hinein ins 20. Jahrhundert spannte sich der musikalische Bogen. Zu Gast beim Fuldaer JugendKathedralChor waren am Freitagabend die Regensburger Domspatzen, einer der besten und ältesten Knabenchöre der Welt.
Weltberühmt seit 1050 Jahren
In seiner Begrüßung wies Generalvikar a.D. Christof Steiner daraufhin, dass dieses Konzert ein Ergebnis der langjährigen Freundschaft zwischen den beiden Domkapellmeistern Franz-Peter Huber und Christian Matthias Heiß sei und sprach vor dem Konzert ein Gebet über die Freude des Herzens, wenn man Gott diene. Und das ist ja auch der tiefere Sinn und Zweck kirchlicher Chormusik.Knabenchöre sind klanglich etwas Besonderes, deshalb eine Anmerkung dazu: Junge Sänger kommen heute früh in den Stimmbruch. Das bedeutet, dass ein Knabenchor im Schnitt alle vier bis fünf Jahre die Stimmen wechselt, Sopran und Alt müssen dann neu besetzt werden. Die Ausbildung muss also sehr früh beginnen und sehr schnell erfolgen. Daran kann man ermessen, welche Bedeutung sie hat und wieviel Arbeit darin steckt. Bemerkenswert bei den Domspatzen fand ich, dass gerade viele der jüngsten Sänger das komplette Konzert ohne Noten sangen oder nur bei einzelnen Stücken ihre Mappe aufschlugen.
Der meisterliche JugendKathedralChor Fulda
Der JugendKathedralChor begann das Konzert mit Andreas Hammerschmidts (1611-1675) Vertonung von Psalm 52, "Schaffe in mir Gott, ein reines Herze" – ein sechsstimmiger Chor und ein wunderbares Beispiel evangelisch-lutherischer Kirchenmusik des aus Zittau stammenden Komponisten. Später im Konzert erklang dann Brahms (1833-1897) Vertonung desselben Psalms als fünfstimmige Motette, was einen wunderbaren Vergleich ermöglichte zwischen Konzertstück (Brahms) und Gotteslob (Hammerschmidt).Dann sang der Chor Franz Xaver Biebls (1906-2001) "Ave Maria", sicherlich sein bekanntestes Werk. Es folgte das ursprünglich englischsprachige Traditional "This is my father’s world", gesungen in der Bearbeitung des Letten Eriks Ešenvalds. Der bewahrt den volksliedhaften Ansatz im Chor, aber sein Arrangement ist deutlich komplexer und nicht mehr so naiv, auch durch das wunderbare Alt-Solo.
Meister der Renaissance
Gemeinsam sangen beide Chöre Giovanni Pierluigi da Palestrinas (1525-1594) "Sicut Cervus", eine vierstimmige Motette über Psalm 42 und vielleicht eines der schönsten Stücke der Renaissance. "Wie der Hirsch lechzt nach den Quellen des Wassers, so lechzt meine Seele nach dir, Gott" – die Musik mit ihren klaren Harmonien schwebt geradezu empor, berührend und erhaben zugleich. Es folgte Palestrinas "Laudate Dominum" – die wirkungsvolle Aufstellung der Domspatzen mit Sopran rechts und links, Alt in der Mitte und den tiefen Stimmen dahinter ermöglicht herrliche Echo-Effekte, die Palestrinas Musik noch verstärkten. Even when he is silent
Der emotionale Höhepunkt des Konzerts war sicherlich "Even when he is silent", ein Stück des Norwegers Kim Andre Arnesen (*1980), eine Auftragsarbeit für das St. Olaf Musikfestival in Trondheim im Jahr 2011. Der Text zerreißt einem schier das Herz, denn er stammt von einem unbekannten jüdischen Autor und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg an einer Wand in einem Konzentrationslager gefunden:"I believe in the sun even when it’s not shining, I believe in love even when I feel it not. I believe in God even when He is silent."Wie stark muss ein Glaube sein, wenn solche Zeilen in derart verzweifelter Lage geschrieben werden? Die Menschen können dir alles nehmen – deine Freiheit, deine Freunde, die Menschen die du liebst und auch dein Leben – aber Gott können sie dir niemals nehmen. Das Stück wurde wenige Tage nach der terroristischen Attacke in Oslo und Utøya erstmals aufgeführt und man kann sich gut vorstellen, welch tröstliche Wirkung es entfaltete. Seinen musikalischen Höhepunkt findet es bei den Worten "Ich glaube an die Liebe" und verklingt in einem fast hingehauchten Pianissimo. Hoffnung auch in düsterster Zeit – schöner und ergreifender kann man es kaum vertonen.
Gotteslob aus dem 19. und 20. Jahrhundert
Im geistlichen Impuls zum Programm hatte der vortragende Chorsänger darauf verwiesen, dass mit dem Andresen-Stück ein ganz anderer Ton ins Konzert käme, und überdies würde es, wie auch die unterschiedlichen Bearbeitungen von Psalmen, die besonders enge Verbindung zwischen christlicher und jüdischer Religion zeigen.Mit dem schlichten gregorianischen Choral "Passer Invenit" – "Der Spatz findet sein Haus" –und der gleichnamigen und so ganz anders gearteten Auftragskomposition Wolfram Buchbergs (*1962) zum Jubiläum der Domspatzen bot der Chor einen wunderschönen musikalischen Kontrast.
Edvard Griegs (1843-1907) "Ave maris stella" entführte uns nochmals nach Norwegen, ein wunderbares, zärtlich-meditatives Werk der musikalischen Romantik, ein Bittruf an Maria als Leitstern für alle, die unterwegs sind und Schutz suchen. Mit der Komposition "Ich will dir singen" ihres Kapellmeisters Christian Matthias Heiß (*1967) klang das Konzert aus.