Exklusives O|N-Interview
"Wir müssen Vertrauen zurückgewinnen": Landrat Woide zur Stadtbild-Debatte
Fotos: Marvin Myketin
25.10.2025 / FULDA -
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat vor wenigen Tagen über ein verändertes "Stadtbild" gesprochen und damit bundesweit Diskussionen ausgelöst. Aber wie ist das Sicherheitsgefühl im Landkreis Fulda? Und welche aktuellen Herausforderungen und Probleme gibt es hier vor Ort? Darüber hat OSTHESSEN|NEWS mit dem CDU-Landrat Bernd Woide gesprochen - ein Interview über Wahrnehmung, Integration und Vertrauen in den Staat.
Zum Begriff des "Stadtbildes" macht Landrat Bernd Woide deutlich: "Viel spannender ist ja, was hinter der Diskussion steht. Man kann darüber streiten, ob der Begriff passend gewählt ist. In Bezug auf Migration kann es ja überhaupt nicht darum gehen zu sagen, dass Menschen, die eine andere Hautfarbe oder Herkunft haben, automatisch problembehaftet sind. Das ist völliger Unsinn." In Deutschland gehe laut Woide die Kraft der Differenzierung verloren. Er warnt davor, zu pauschalisieren, dass Ausländer grundsätzlich gefährlich seien. Man dürfe aber auch nicht verschweigen, dass Kriminalität auch etwas mit Migration zu tun habe.
"Unsere Region ist eine sichere Region"
Woide betont besonders den Unterschied zwischen objektiver Sicherheit und subjektivem Sicherheitsgefühl. "Die objektive Sicherheitslage ist nicht schlecht. Unsere Region ist eine sichere Region." Dennoch nehme das Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens in Teilen der Bevölkerung zu. Dies müsse ernst genommen werden – es nütze nichts, Menschen allein mit Statistiken beruhigen zu wollen. Deshalb müsse man über diese Fragen reden. Woide sagt aber auch: "Die Gesellschaft und das Gesicht der Gesellschaft hat sich verändert. Wenn Sie heute auf den Bahnhofsvorplatz gehen, ist das ein anderes Bild, als vor zehn oder fünfzehn Jahren. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass es gefährlicher ist." Zwar könne man unsere Region nicht mit einer Großstadt wie Berlin vergleichen, doch auch hier gebe es bestimmte "Problemlagen." Binnen kürzester Zeit kamen ab 2015 viele Menschen aus dem Ausland auch zu uns, doch die Kapazität habe gefehlt. "Wir haben zunächst sehen müssen, dass wir sie irgendwo unterbringen. Das war deutschlandweit eine Überforderungssituation für die Kommunen." Die eigentliche Integration in Schule, Ausbildung, Beruf sei schwierig und in vielen Fällen noch gar nicht abgeschlossen. "Wer in diesem Fall ohne Perspektive und Aufgabe ist, der ist zumeist im öffentlichen Raum wahrnehmbar – und das führt auch zu diesen Bildern", erklärt der Landrat.
Landrat warnt vor Pauschalisierung
Doch man dürfe nicht pauschalisieren. Dass alle Probleme ausschließlich mit der Migration zusammenhingen, sei falsch. "Auch unsere Gesellschaft insgesamt hat sich verändert. Die Gewaltbereitschaft habe sich stark erhöht und auch die Kriminalität mit Messern. Das ist ein allgemeines gesellschaftliches Thema." Das sei zwar eine Thematik, die mit Migration zu tun habe, aber eben nicht nur. "Für jede Frau muss es möglich sein, angstfrei durch öffentliche Räume gehen zu können", macht der Landrat klar. Wichtig sei, dass man den Menschen ein Sicherheitsgefühl geben kann. "Das ist eine zentrale staatliche Aufgabe." Zur Migration im Landkreis Fulda erklärt er, dass zwar die Zuzugszahlen runtergehen, die Begrenzung von Migration bleibe dennoch ein wichtiges Thema. "Dazu gehört, dass die Menschen, die bleiben dürfen, schnell in den Arbeitsmarkt kommen. Wir brauchen Migration." Zugleich fordert der Landrat, dass Rückführungen bei straffälligen Personen konsequent umgesetzt werden – auch in schwierige Herkunftsländer wie Syrien oder Afghanistan. Bei der Nennung der Nationalitäten von Gewaltstraftätern und der Diskussion darüber plädiert er: "Bei allem muss es äußerste Transparenz geben."
"Migration wird es immer geben"
Zur Wortwahl von Merz sagt der Landrat, man solle sich nicht an der Formulierung aufhängen, sondern die dahinterstehenden Probleme thematisieren. Entscheidend sei die Kraft der Differenzierung: Weder dürfe man alle Zuwanderer unter Generalverdacht stellen, noch dürfe man Probleme durch Kriminalität verschweigen. Abschließend macht Landrat Bernd Woide deutlich: "Das grundsätzliche Problem beim Thema Migration ist, dass in Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in die Politik verloren gegangen ist." Sein Appell: "Migration gab es und wird es immer geben, und das verändert auch ein Stadtbild. Ich halte es für unerlässlich, dass wir die Chancen und Risiken der Migration gleichbedeutend diskutieren und gewichten. Und das muss in der demokratischen Mitte geschehen. Das ist maßgeblich für das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Politik und Staat." (Moritz Pappert) +++