In der Katholischen Akademie
Gedenkveranstaltung: Es gibt kein "aber" zum 7. Oktober
Fotos: Jutta Hamberger
08.10.2025 / FULDA -
Der 7. Oktober 2023 veränderte die Welt und traumatisierte Israel: 1.295 Opfer, 251 entführte Geiseln – die nackten Zahlen lesen sich schrecklich genug, die Bestialität des Angriffs und befreundeter militärischer Milizen verschlägt einem auch zwei Jahre später noch den Atem. In Fulda wurde des Tages mit einer Gedenkveranstaltung in der Katholischen Akademie gedacht – eine Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ und der Jüdischen Gemeinde Fuldas.
Chronologie des Angriffs
Anja Listmann, Fuldas Beauftragte für jüdisches Leben, rief in ihrem Vortrag den 7. Oktober in Erinnerung. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören, so still war es im Raum. Vereinzelt hörte man leises Schluchzen oder schweres Atmen, bei allen spürte man das Entsetzen bei der Vergegenwärtigung dieses entsetzlichen Tags, der in den frühen Morgenstunden mit dem Durchbrechen des Grenzzauns an zwölf Stellen begann."Das war kein ungeplanter Überraschungsangriff, sondern eine präzise geplante, militärische Aktion, die jahrelang vorbereitet wurde. Ich habe Dinge gesehen, die ich nie wieder vergessen kann, und ich will das erzählen", so Anja Listmann. Stellvertretend für die vielen ermordeten und entführten Menschen griff sie einige Schicksale heraus.
Quintessenz jüdischen Lebens
"Das war ein furchtbarer und ein furchtbar guter Vortrag", befand Barbara Bišický-Ehrlich, mit der Anja Listmann im Anschluss an ihren Vortrag über ihre Erfahrungen als Jüdin in Deutschland sprach. Es sei eine Quintessenz jüdischen Lebens, dass Schweres und Schönes so nahe beieinander liege, so Bišický-Ehrlich.Barbara Bišický-Ehrlich ist Autorin und Dramaturgin mit tschechischen Wurzeln. Sie ist Kind der dritten Nachkriegsgeneration und wuchs behütet in Westdeutschland auf – "völlig assimiliert, ich ging in keinen jüdischen Kindergarten und in keine jüdische Schule, deshalb sind die meisten meiner Freunde auch nichtjüdisch". Was ein transgenerationales Trauma ist, weiß sie nur zu genau – und doch sei in ihrer Familie nicht Hass, sondern Lebensfreude die Grundlage gewesen. Und das, obwohl alle Familienangehörigen, die vor 1945 geboren worden seien, Auschwitz, andere Todeslager und die Todesmärsche erlebt hätten. "Wie stark ich mich als Jüdin fühlen kann, weiß ich erst seit dem 7. Oktober". Dieser Tag habe alles für sie verändert, "denn nach dem 7. Oktober war nur ohrenbetäubendes Schweigen" – niemand habe sie gefragt, wie es ihr gehe. Diese Empathielosigkeit hätten Juden auf der ganzen Welt erfahren.
Es gibt kein "aber" zum 7. Oktober
Sie sei heute davon überzeugt, es werde nie eine Zeit ohne Judenhass geben, "das ist wie eine Seuche". Wenn auf deutschen Schulhöfen das Wort "Jude" als Schimpfwort gängig sei und nicht hinterfragt würde, wenn an einem Tag wie dem 7. Oktober Demonstrationen der Students for Palestine erlaubt würden, dann frage sie sich, wo die Empathie mit jüdischen Menschen bliebe – denn an diesem Tag seien diese Demonstrationen nichts als Provokation.Nach dem bewegenden Gespräch hatte das Publikum die Chance, Fragen zu stellen oder Vortrag und Gespräch zu kommentieren. Viel Betroffenheit und viel Mitgefühl wurden spürbar, aber durchaus auch den Versuch, den 7. Oktober zu relativieren und als Ergebnis der Geschichte zwischen Israelis und Palästinenser zu sehen. Auf einen entsprechenden Redebeitrag antwortete Barbara Bišický-Ehrlich, es gäbe kein ‚aber‘ zum 7. Oktober. Egal, wie viel Schlimmes auf beiden Seiten geschehen sei, so bleibe doch Faktum, dass die Palästinenser jedes Friedensabkommen ausgeschlagen hätten, zuletzt 2005. "Damals hätten die Palästinenser Gaza aufbauen können, sie hätten etwas aus ihrem Leben machen können. Sie haben sich dagegen entschieden und immer wieder Krieg angefangen."
Nach rund zwei Stunden endete ein intensiver und bewegender Abend, der wohl niemanden unberührt ließ. (Jutta Hamberger) +++