Krieg, Sucht, Erlösung

Vom Vietnamkrieg zum Zen-Mönch: Thomas findet Frieden im Chaos

Claude AnShin Thomas: Der Zen-Mönch reist um die Welt, um Menschen Meditation und Achtsamkeit nahezubringen.
Fotos: Erik Spiegel

06.10.2025 / REGION - Ein Mann, der den Horror des Krieges überlebt hat und heute Frieden lehrt: Claude AnShin Thomas verkörpert eine Lebensgeschichte, die kaum widersprüchlicher sein könnte. Vom Soldaten im Vietnamkrieg, traumatisiert und von Süchten geplagt, zum Zen-Mönch, der um die Welt reist, um Menschen Achtsamkeit und Gewaltlosigkeit nahezubringen. Seine Botschaft ist klar: Frieden beginnt nicht auf den Schlachtfeldern oder in politischen Verhandlungen – er beginnt im Inneren jedes Einzelnen. Wer Thomas begegnet, spürt sofort, dass hier einer spricht, der weiß, wovon er redet.



Buddhismus ist eine spirituelle Lebensweise, die vor mehr als 2.500 Jahren in Indien entstanden ist. Im Zentrum stehen Achtsamkeit, Mitgefühl und die Erkenntnis, dass Leid und Unzufriedenheit Teil des Lebens sind. Ziel ist es, durch Meditation, ethisches Handeln und bewusste Lebensführung inneren Frieden zu finden und Weisheit zu entwickeln. Anders als viele Religionen legt der Buddhismus den Fokus weniger auf Glaubensvorschriften, sondern darauf, wie Menschen ihr Leben und ihre Beziehungen bewusst gestalten können.


Für Claude AnShin Thomas ist Buddhismus kein abstraktes Dogma oder ein Glaubenssystem. "Buddhismus ist nicht wirklich eine Religion - es ist ein Weg zu leben", erklärt er. Es gehe darum, wie wir in der Welt sind und wie wir mit uns selbst, anderen und der Umwelt umgehen. Zentral ist für ihn der Gedanke, dass Frieden immer bei einem selbst beginnt: "Um Frieden zu sehen, muss ich der Frieden sein." Das könne sich im Alltag zeigen, in kleinen Gesten, in Höflichkeit, Aufmerksamkeit und Mitgefühl.

Im Friedensauftrag auf der ganzen Welt unterwegs

Thomas leitet keine starren Rituale, sondern versucht, Menschen auf eine praktische Art und Weise an Zen und Meditation heranzuführen. Dabei ist er flexibel: "Man kann Meditation in einem Satz, in einer Stunde oder nie im Leben verstehen. Es geht darum, bewusst zu sein und sich der eigenen Erfahrungen zu stellen." Für ihn ist jeder Moment eine Gelegenheit, sich zu verbinden und aus Erfahrungen zu lernen. Er gibt seinen Zuhörern kleine, klare Übungen, die sie im Alltag integrieren können: ein Bett machen, den Atem spüren, fünf Minuten Stille üben. "Das ist das Allerwichtigste im Leben - mache es jeden Tag für 30 Tage und ihr merkt erste Ergebnisse", sagt Thomas.

Seine Arbeit ist ebenso vielfältig wie sein Leben. Er reist um die Welt, besucht Schulen, Gefängnisse, Krankenhäuser, aber auch Krisengebiete, um Menschen in schwierigen Situationen zu begegnen und ihnen zu zeigen, dass Gewalt nicht das Weltgeschehen dominieren muss. "Alles, was ich tun kann, ist, den Menschen zu zeigen, dass es einen Ausweg gibt. Es ist immer ein Ausweg", betont er. Zuhören, verstehen und geduldig begleiten stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit.

Vom Krieg zum inneren Frieden

Claude AnShin Thomas’ eigene Lebensgeschichte prägt seine Botschaft wie kaum eine andere. Er diente als Soldat im Vietnamkrieg und erlebte die Schrecken des Frontkampfes hautnah. Die Erfahrungen des Krieges hinterließen tiefe körperliche und seelische Wunden. "Ich war sehr schwer verletzt. Danach habe ich eine Sucht zu Drogen und Alkohol entwickelt. Mein Leben musste sich in eine andere Richtung entwickeln", erzählt er. Die Erlebnisse im Krieg - der ständige Umgang mit Tod, Gewalt und Verlust - zwangen ihn, sich seinen eigenen Ängsten und Traumata zu stellen. Es war ein Prozess der Selbsterkenntnis, der ihn schließlich auf den Weg des Zen-Buddhismus führte.

Aus dieser intensiven Auseinandersetzung mit Gewalt entwickelte Thomas eine klare Haltung: "Es gab diesen Moment im Leben, in dem ich verstanden habe, dass Gewalt keinen Platz hat - nicht im Krieg und nicht im Leben. Gewalt ist keine Lösung - es funktioniert einfach nicht." Für ihn ist Frieden ein zutiefst persönlicher Prozess. Er betont, dass innere Ruhe und Bewusstsein unabhängig von äußeren Umständen entstehen müssen, weil äußere Sicherheit alleine nicht vor den Folgen von Gewalt schützt.

Selbst heute, Jahrzehnte nach dem Krieg, gesteht Thomas, dass aggressive Gedanken Teil seiner menschlichen Erfahrung bleiben. "Manchmal will ich Menschen einfach schlagen. Aber ich habe die Klarheit, dass Gewalt keine Lösung ist. Ich habe das Training - vor allem aber habe ich die Möglichkeit, anders zu denken." Aus seinen eigenen Erfahrungen heraus vermittelt er diese Haltung auch an andere - insbesondere an Menschen, die traumatische Erlebnisse durch Krieg, Gewalt oder andere Krisen erfahren haben.

Begegnungen, die verbinden

Claude AnShin Thomas ist ein Lehrer, der auf Begegnung setzt. In Vorträgen, Retreats oder Schulprojekten geht es ihm nicht nur um Belehrung, sondern um Dialog. Er stellt Fragen, regt Diskussionen an und schafft Räume, in denen Menschen über ihre eigenen Erfahrungen nachdenken können. "Ich bin sehr interessiert daran, neue Menschen kennenzulernen, die auch nicht viel über Zen-Buddhismus wissen", sagt er. Dabei ist Humor ein wichtiges Werkzeug: Er löst Spannung, macht die Menschen aufmerksamer und hilft, selbst schwierige Themen leichter zu verarbeiten.

Besonders jungen Menschen begegnet er mit Respekt und Geduld. Schulen seien sehr interessiert an dem, was er tue. "Man muss immer jede Frage respektieren. Auch wenn junge Menschen respektlos erscheinen, hat das nichts mit mir zu tun - manchmal sind es gerade diese Menschen, die sich später an mich erinnern - auch, weil sie mich an mich selbst erinnern."

Meditation als gelebtes Leben

Für Claude AnShin Thomas ist Meditation weit mehr als ein abgekapseltes Ritual oder eine formale Praxis auf einem Kissen. Sie ist ein Werkzeug, das den Alltag durchdringen soll und uns hilft, bewusster und achtsamer zu leben. "Meditation und das tägliche Leben sind nicht zwei verschiedene Dinge. Wir müssen es mit Aufmerksamkeit und Intention tun", erklärt er. Jede Handlung, sei sie noch so klein - das Zubereiten des Frühstücks, das Aufräumen, ein Gespräch mit einem Kollegen oder das Spielen mit den eigenen Kindern - kann zur Übung in Präsenz und Achtsamkeit werden. Dabei gehe es nicht darum, perfekt zu sein oder alle Regeln korrekt einzuhalten. "An einem Punkt wird sich Meditation in unserem Leben zeigen", sagt Thomas.

Thomas betont, dass Meditation gleichzeitig eine universelle Botschaft vermittelt. Sie richtet sich nicht nur an Menschen, die spirituell interessiert sind, sondern an alle, die lernen möchten, bewusster zu leben. "Wer lernen möchte, anders zu leben, kann das tun - wenn er bereit ist, Verantwortung für sich und seine Handlungen zu übernehmen", erklärt er. Meditation helfe dabei, den eigenen Geist zu verstehen, automatische Reaktionen zu erkennen und bewusstere Entscheidungen zu treffen. Sie ermögliche es, inneren Frieden zu wählen und Gewalt zu überwinden - nicht als abstraktes Ideal, sondern als konkrete Handlung im Alltag.

Für Thomas bedeutet gelebte Meditation auch, mit sich selbst ehrlich zu sein, die eigenen Fehler und Schwächen zu akzeptieren und gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen. Jeder Atemzug, jeder Moment der Aufmerksamkeit, jeder bewusste Gedanke sei ein Schritt auf dem Weg, den Kreislauf von Gewalt und Leid zu durchbrechen.

Lebenserfahrung als Lehrmeister

Thomas hat erfahren, wie tief menschliches Leid gehen kann, wie schwer es ist, Sucht, Traumata und Kriegsfolgen zu überwinden - und wie kraftvoll es sein kann, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. "Mein Leben ist wie es ist - wegen allem, was passiert ist. Ich würde nichts ändern", sagt er. Aus Rückschlägen habe er immer wieder wichtige Erkenntnisse gewonnen.

Seine Lehre ist praxisnah, universell und menschlich. Sie zeigt, dass Transformation möglich ist, dass Frieden und Mitgefühl erlernt und gelebt werden können, und dass selbst aus den dunkelsten Erfahrungen ein tiefer Sinn entstehen kann. Für Claude AnShin Thomas ist jeder Moment eine Chance, bewusst zu leben, zu lernen und sich zu verbinden - mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt. (Constantin von Butler) +++

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