Über 9.000 Beschuldigte ermittelt
Polizeieinheit "FOKUS": Seit fünf Jahren erfolgreich gegen Kindesmissbrauch
Symbolbild: pixabay
01.10.2025 / REGION -
Vor fünf Jahren wurde die "FOKUS" (Fallübergreifende Organisationsstruktur gegen Kinderpornografie Und Sexuellen Missbrauch von Kindern) bei der hessischen Polizei gegründet. Diese spezialisierte Einheit befasst sich ausschließlich mit Sexualdelikten zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen.
Alleine in diesem Jahr kam es in der Folge von Ermittlungen der "FOKUS" zu zahlreichen Verurteilungen, unter anderem wurde: Im Februar ein 78-jähriger ehemaliger Busfahrer am Landgericht Fulda wegen schweren sexuellen Missbrauchs zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Der Mann hatte sich 2014 und 2015 wiederholt an einem Mädchen vergangen, wenn dieses alleine im Bus saß. Das Urteil ist rechtskräftig. Im Juli verurteilte das Landgericht Frankfurt am Main den ehemaligen Fußballtrainer eines Jugendteams aus dem Main-Taunus-Kreis zu acht Jahren Haft. Der 29-Jährige hatte mehrere Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 13 und 16 Jahren über Jahre hinweg sexuell missbraucht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Im September verurteilte das Landgericht Kassel einen 35 Jahre alten Lehrer aus dem Schwalm-Eder-Kreis zu zwei Jahren Haft auf Bewährung, weil er eine seiner Schülerinnen in fünf Fällen zu sexuellen Handlungen gedrängt hatte. Die Ermittlerinnen und Ermittler hatten auf Speichermedien des Mannes zudem kinderpornografische Dateien sichergestellt. Das Urteil ist rechtskräftig.
Speicherung von IP-Adresse zügig umsetzen
Fallzahlen liegen auf hohem Niveau
Auch in Hessen sind die Fallzahlen hoch: Für das Jahr 2024 wurden insgesamt 1.077 Fälle von sexuellen Missbrauchsdelikten zum Nachteil von Kindern in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) registriert, außerdem 82 Fälle zum Nachteil von Jugendlichen. Hinzu kommen 4.371 Fälle von Erwerb, Besitz und/oder Verbreitung von Kinderpornografie und 899 Fälle von Jugendpornografie.
Wesentlich für den Fallzahlenanstieg der vergangenen Jahre im Deliktsbereich der Verbreitung pornografischer Inhalte ist die gesetzliche Meldeverpflichtung US-amerikanischer Internet-Provider, die strafbares Nutzerverhalten innerhalb ihrer angebotenen Dienste über die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation "National Center for Missing and Exploited Children" (NCMEC) unmittelbar und automatisiert an die zuständigen nationalen Behörden zur Einleitung von Strafverfahren übermitteln. Auch für die europäischen Hosting-Dienste-Anbieter existiert seit Februar 2024 ein neuer gesetzlicher Rahmen, um die Verbreitung rechtswidriger Internetinhalte, unter anderem durch ein Melde- und Abhilfeverfahren, einzudämmen.
In Hessen wurde für die Bearbeitung dieser Meldungen eine sogenannte Clearingstelle zentral im Hessischen Landeskriminalamt (HLKA) eingerichtet. Die Clearingstelle kooperiert eng mit der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. Die rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter prüfen die eingehenden Meldungen tagesaktuell dahingehend, ob Hinweise auf einen sogenannten Gefahrenüberhang vorliegen und ein Kind akut missbrauchsgefährdet ist. Für den Fall, dass direkter Handlungsbedarf geboten ist, werden die Einsatzkräfte unmittelbar tätig.
"Von dem hohen Engagement der "FOKUS"-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe ich mich bereits selbst bei einem persönlichen Treffen in der Dienststelle überzeugen können. Die Leistung im Rahmen ihrer teilweise sehr belastenden Ermittlungsarbeit verdient höchste Anerkennung und größten Respekt. Die Entscheidung, die Ermittlerinnen und Ermittler der "FOKUS" mit einer Zulage in Höhe von 300 Euro monatlich für ihre Tätigkeit auszustatten, war richtig. Damit erfährt ihre Arbeit noch mehr Wertschätzung. Ich bin den Bediensteten für ihren unermüdlichen Einsatz sehr dankbar", so Innenminister Roman Poseck.
Beteiligung an länderübergreifenden Einsätzen
Die "FOKUS" beteiligte sich bereits mehrfach an länderübergreifenden Aktionen und Ermittlungen, wirkte beispielsweise im April dieses Jahres an einem europaweiten Großeinsatz zur Bekämpfung des Kindesmissbrauchs und der Verbreitung von Kinderpornografie mit. An der von polnischen Sicherheitsbehörden initiierten und von Europol unterstützten Operation mit dem Namen "OP Fever" beteiligten sich 12 Länder, insgesamt wurden 774 Objekte durchsucht und 166 Beschuldigte festgenommen.
Die Ermittlerinnen und Ermittler gehen zudem mehrmals im Jahr mit konzertierten Aktionen gegen Beschuldigte vor, hierbei finden innerhalb weniger Tage hessenweit Durchsuchungen bei durchschnittlich 80 bis100 Personen statt. Die Einsätze werden vom HLKA koordiniert. Hinzu kommen Hunderte von Einzeleinsätzen, die seitens des HLKA und der hessischen Polizeipräsidien umgesetzt werden.
Um sich dem Phänomenbereich ganzheitlich anzunehmen, wurde in der "FOKUS" neben der konsequenten Strafverfolgung ein sogenanntes "Gefährdermanagement Sexualstraftäter" etabliert. Neben einem gefahrenabwehrrechtlichen Konzept für haftentlassene und rückfallgefährdete Sexualstraftäter (ZÜRS) wurde ein weiteres Konzept entwickelt. Dieses verfolgt das Ziel, bekannte Straftäter im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen und der Kinder- und Jugendpornografie mit effektiven präventiven Maßnahmen zu belegen, um weitere Taten verhindern zu können.
Rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Die Einheit "FOKUS", die im Oktober 2020 unter anderem aufgrund stetig steigender Fallzahlen, zunächst als Besondere Aufbauorganisation (BAO), ihre Arbeit aufgenommen hat, ist bereits seit Februar 2024 fester Bestandteil der Regelorganisation der sieben hessischen Polizeipräsidien und des Hessischen Landeskriminalamts. Mit dem Ziel, polizeiliche Maßnahmen gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie in Hessen zu bündeln und zu intensiveren, verfolgt die hessische Polizei mit mehr als 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter über 170 Ermittlerinnen und Ermittler, gezielt Sexualstraftaten an Kindern und Jugendlichen. Bei allen hessischen Staatsanwaltschaften sind Sonderdezernate für die Verfolgung von Kinderpornografie und Kindesmissbrauch eingerichtet. Alleine in diesem Jahr wurden bislang rund 1.150 Durchsuchungsbeschlüsse sowie 35 Haftbefehle gegenüber knapp 1.160 Beschuldigten vollstreckt und mehr als 13.400. Datenträger sichergestellt. (pm/ci)+++
Archivbilder: O|N, Hendrik Urbin