Pianale-Gewinnerin eröffnet Konzertsaison
Ayane Nakajima und der musikalische Aufbruch
Fotos: Marvin Myketin
29.09.2025 / FULDA -
Die neue Theater- und Konzertsaison in Fulda begann am Sonntagabend mit einem herausragenden Konzert von Ayane Nakajima, der Pianale-Preisträgerin des Jahres 2024. Schade nur, dass sich viele Fuldaer noch nicht auf "Herbstzeit = Musik- und Theaterzeit" eingestellt hatten – diesem großartigen Konzert der erst 22-jährigen Pianistin hätte man deutlich mehr Zuhörer gewünscht.
Die Begeisterung begann schon beim Lesen des Programmhefts. Und das in zweierlei Hinsicht. Die Texte waren deutlich weniger lexikalisch und musikwissenschaftlich, stattdessen erzählerisch, individuell, durchaus auch mal provokant und frech und äußerst lesenswert. Und das musikalische Programm hatte es in sich. Nakajima hatte sich dafür entschieden, lauter musikalische Rebellen, Aufbegehrer, Konventions-Zertrümmerer und junge Wilde zu spielen. Es wurde ein Hochgenuss.
Meister der Miniaturen
Drei Komponisten feiner musikalischer Miniaturen hatte die junge Pianistin ins Programm genommen. Einmal das sechsminütige Werk "Sarabesque" von George Tsontakis (*1951), geschrieben 2002. Zart hingetupfte Töne, die erklingen und verschwinden, dann wieder kraftvolle Akzente setzen. Tsontakis schafft einen Klangraum, in dem man sich verlieren kann. Dann erklangen zwei der Virtuosen Etüden Earl Wilds (1915 – 2010), die Nr. 6 "I Got Rhythm" und die Nr. 4 "Embraceable You" – beide nach Werken von George Gershwin. Gershwin selbst hatte sich nie auch nur ein Deut darum geschert, ob Musik nun E wie ernst oder U wie unterhaltend war. Noch dazu reicherte er seine Musik mit Elementen des Jazz an. Earl Wild dürfte außerhalb der USA weniger bekannt sein, er war ein herausragender Pianist – und Gershwin-Fan. Beide virtuosen Etüden machen schon im Namen klar, was sie sind: Eine Herausforderung für jeden Pianisten. Nakajima brannte das Feuerwerk entsprechend ab – großes Kino!
Aufbruchsstimmung mit dem Hamburger Bach
Nakajima hatte an den Beginn ihres Konzerts die anspruchsvolle Sonate in fis-moll H.37 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) gestellt, dem "Hamburger Bach" also und dem berühmtesten der Bach-Söhne. Zwar nicht zu Lebzeiten, sehr wohl aber in der Rezeption der Nachwelt. Er schrieb die Sonate 1744. Bereits der erste Satz verschlägt einem den Atem. Die Kontraste, die schnellen Sechszehntel-Triolen und die unregelmäßigen Akzente durch Bassnoten sorgen für eine Art verschobenen Rhythmus. Oder so: Dieses Allegro ist rhythmisch bewusst instabil. Auf den rauschenden Anfang folgt ein zärtlich-galantes Thema, und dann spielt Bach genau damit: Fantasie und Wildheit hier, unebene Rhythmik da. Faszinierend. Der zweite Satz sorgt für maßvolle Erholung, der Finalsatz glänzt wieder mit punktierten Rhythmen und dem beständigen Wechsel zwischen Dur und Moll. In diesem Satz vermeint man auch Johann Sebastian Bach zu hören, der schließlich Lehrer seines Sohnes war. Aber: Es klingt eben nicht mehr nach Barockmusik, sondern nach Aufbruch und einer neuen Zeit. Statt klarer Struktur geht es nun um Empfindsamkeit. Und Ayane Nakajima spielte dieses anspruchsvolle Stück mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die einen schier benommen machte.
Musikalischer Wahn und Wahnsinn
Für mich das Highlight dieses fabulösen Konzerts waren Robert Schumanns (1810-1856) Symphonische Etüden op. 13 (1834). Eine halbe Stunde Wahnsinn. Sollten Sie einmal Milos Formans Film "Amadeus" gesehen haben, erinnern Sie sich vielleicht an die – für den Film erfundene – Szene, in der Mozart erstmals am kaiserlichen Hof ist und in der des Kaisers Hofkomponist Salieri einen Marsch zum Willkommen Mozarts komponiert hat, den der Kaiser selbst vorspielt. Dann will der Kaiser wissen, ob Mozart das Stück nach einmaligem Hören spielen könne. Kann er. Und Mozart beginnt nach dem Nachspielen damit, aus dem mediokren Stück Salieris Mozart’sche Musik zu machen. Salieri und den Hofschranzen entgleisen die Mienen. Sie finden die Szene auf Youtube. In etwa so dürfen Sie es sich vorstellen, als Schuhmann seine Symphonischen Etüden schrieb. Schon der Titel ist ja eine Frechheit. Wie kann eine Etüde, also ein Stück, in dem man technische Schwierigkeiten übt, symphonisch sein? Aber Schumann war jung und sehr wild. Das eröffnende Andante beruht nämlich auf einem Thema, das nicht von Schumann, sondern von Freiherr Ignaz Ferdinand von Fricken stammt, mit dessen Tochter Ernestine sich Schumann 1834 heimlich verlobt hatte. Schumann belehrte nun den Komponisten-Dilettanten und erhofften Schwiegervater in spe, was wirkliches Komponieren ausmacht. Also, wie man ‚richtig‘ komponiert. Menschlich eher weniger klug, musikalisch aber von durchschlagendem Erfolg.
In den zwölf folgenden Etüden wirft sich die Musik durch die musikalische Landschaft. Es flirrt und schwingt, glänzt und leuchtet, brüllt und tobt, wütet und sucht – und endet geradezu triumphal im aufbegehrenden Finale. Auch dieses Werk kündet von einer musikalischen Zeitenwende, denn in ihm verbinden sich Wiener Klassik und Romantik. Übrigens wurde nicht Ernestine, sondern Clara Wieck später Madame Schumann – und sie war es auch, die die Uraufführung der Symphonischen Etüden spielte. Was Nakayima hier leistete, beeindruckte und berührte gleichermaßen. Denn ihr gelang die Balance, das Stück mit höchster Virtuosität und tiefstem Verständnis für sein inneres Wesen zu spielen.
Ligetis musikalischer Neuanfang
Das dritte Hauptwerk des Konzerts war die Musica ricercata von Györgi Ligeti (1923-2006). Ligeti wollte nicht länger im Stile Bela Bartóks schreiben. Sondern Musik ohne jegliche musikalische Voraussetzung komponieren. "Ich fragte mich, was kann ich mit einem einzelnen Ton, was mit seiner Oktave tun, was mit einem Intervall, mit zwei Intervallen, mit bestimmten rhythmischen Verhältnissen?", schildert das Programmheft Ligetis Überlegungen. So entstand die Musica ricercata, in der jeder Satz auf einer bestimmten Tonhöhe beruht. Im ersten Satz gibt es zwei, im zweiten drei, im dritten vier Töne, und so weiter. Im letzten Satz dann sind alle Töne der chromatischen Skala da. Ein Stück, das im Kopf so klärend wirkt wie die Musik Bachs. Und auch hier zeigte Ayane Nakajima ihr ganzes Können.