Die Tiefe der Materie
Michael Quell - Festkonzert mit dem Ensemble Aventure zum 65. Geburtstag
Alle Fotos: Martin Engel
28.09.2025 / FULDA -
"Wir feiern heute einen Künstler von weltweit herausragender Bedeutung, der aus Fulda stammt und immer eng mit Fulda verbunden blieb." Damit setzte Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld den ersten Akzent in diesem Festkonzert zu Ehren Michael Quells. Und es wurde ein wahrhaft unvergesslicher Abend im Fürstensaal des Stadtschlosses in Fulda.
Illustres Festpublikum
In den Fürstensaal waren viele Fuldaerinnen und Fuldaer gekommen, denen Kultur ein Herzensanliegen ist, aber natürlich auch musikalische Prominenz von nah und fern – viele von ihnen Michael Quell beruflich und freundschaftlich verbunden. Um nur einige zu nennen: Stefan Beyer von der Edition Gravis, Dominik Weinmann vom Label Neos, Prof. Dr. Daniela Philippi von der Goethe-Universität in Frankfurt sowie die Musikwissenschaftlerin Yvonne Petipierre aus München. Natürlich Michael Quells Familie. Und aus Fulda Christof Stibor (Theaterintendant), Jürgen Peters (Kulturamt), Domkapellmeister Franz-Peter Huber mit seiner Frau Julia, der neue Domorganist Max Deisenroth, Susanne Walther sowie zahlreiche Persönlichkeiten aus Kultur und Politik.Über 30 Jahre existiert diese Reihe nun bereits", freute sich Oberbürgermeister Wingenfeld. Überhaupt habe es viele großartige Konzerte mit Michael Quell gegeben, 2019 die Uraufführung eines von der Stadt anlässlich des Stadtjubiläums in Auftrag gegebenen Werks, oder 2023 die Uraufführung der "Werkaktivierungen", bei der Franz Erhard Walther und Michael Quell erstmals künstlerisch zusammenfanden. Eine Idee, die übrigens im ‚Goldenen Karpfen‘ geboren wurde – einem Ort, der gut sei für gute Ideen! Mit Quell könne man immer wieder neue Welten entdecken, wenn man sich auf seine Musik einlasse.
Zwischen Philosophie und Physik – die Laudatio
Professor Dr. Wolfgang Rüdiger ist Michael Quell seit Jahren eng verbunden. Viele gemeinsame Aufführungen, Uraufführungen und freundschaftliche Kooperation machten ihn zum besten Laudator, den man sich für Michael Quell wünschen konnte. Seine Rede war anspruchsvoll, komplex und Staunen heischend – ganz wie die Musik Quells. Ich bin sicher nicht die einzige, die diesen Text gern in Ruhe nachlesen würde! "Quells Werk ermöglicht Zugänge zu Grundfragen des menschlichen Daseins in der Welt", und genau darin liege ihr Faszinosum, so Rüdiger. Ganz nach Musils Diktum, von der Kunst blieben wir als "Veränderte" zurück, gelte genau das für Quells Musik.In seiner Musik sei von Anfang an alles da gewesen. Was die Quell’sche Musik ausmacht, ließ uns Rüdiger dann selbst erproben und erfahren: den eigenen Puls fühlen, einen Laut ausstoßen, erst still, dann laut, erst jeder für sich, dann alle zusammen, Töne und Silben bilden. Ein wunderbarer Moment für alle, schlüsselte es doch Quells nicht gerade einfach zu verstehendes Werk auf geradezu geniale Weise auf. Genau solche Zugänge zu moderner Musik brauchen wir – viel mehr, und viel öfter! Quells Musik sei Spiegel der Welt, des Lebens und des Kosmos.
Dunkle Materie, rasende Moleküle, Ekstase und Verzerrung
Fünf verschiedene Werke spielte das Ensemble Aventure, das nicht umsonst so heißt. Denn Quells Musik ist ein Abenteuer, für die Musiker genauso wie für die Zuhörerinnen und Zuhörer. Und genauso wurde es dann auch. "Dark Matter" löste das Raum-Zeit-Kontinuum auf. Geräusche, Töne, Klänge wurden auf eine Zeitachse gelegt, zerdehnt und beschleunigt, und so erlebbar gemacht. So entstanden immer wieder neue Momente, Flächen und Gestalten. Die Instrumente spielten für sich, dann miteinander, gegeneinander, übereinandergeschichtet und Impulse voneinander aufgreifend. Jedes Instrument nutzte dabei alles, mit dem es Geräusche und Töne erzeugen konnte. Ob das flackernde Licht im Fürstensaal Teil der Komposition war?In "Ekstare" verbinden sich einzelne Fragmente in geradezu ekstatischer Wildheit. In "String II - Graviton" kann man erleben, wie Geräusche und Töne entstehen, sich verdichten und geradezu in die Welt hinausgeschleudert werden. Und in "Anamorphosis II – Polymorphia" schließlich wird der Raum vom Ort zum Mitspieler, weil einige Musiker die Bühne verlassen und sich im Raum verteilen. Das lässt uns die Musik geradezu körperlich und unmittelbar erleben.