Zwei Stunden vergingen wie im Nu

Akademieabend: Der deutsche Film unterm Hakenkreuz

Beim Vortrag ging es um die deutsche Filmgeschichte.
Alle Fotos: Martin Engel

17.09.2025 / FULDA - Zwei Stunden deutsche Filmgeschichte vergingen beim Vortrag Martin Sengs in der Katholischen Akademie in Fulda wie im Nu. Seng schlug den Bogen vom deutschen, expressionistischen Film der 20er Jahre über den Propagandafilm der NS-Zeit bis nach 1945 – mit einer Pseudo-Entnazifizierung vieler Filmschaffender und dem Weiterwirken faschistischer Ästhetik in Hollywoodfilmen, Computerspielen und Musikvideos.



Martin Seng zitierte zu Beginn den Soziologen Siegfried Kracauer: "Die Filmfiguren der Weimarer Zeit sind Tyrannenfiguren". Nosferatu, Caligari, Mabuse und M – in der Tat. Filme, die nicht in der Realität gründen, sondern in der Fantasy. Damit war ab 1933 und der sog. Machtergreifung Schluss, denn dann wurde der deutsche Film auf Linie gebracht. Fortan galt es, durch die Perfektionierung des Mediums Film diesen für die autoritären Strukturen des Faschismus zu nutzen.

Der erste namhafte NS-Film war "Hitlerjunge Quex" (1933), dessen Untertitel "ein Film vom Opfergeist der deutschen Jugend" schon klarmacht, worum es geht – der Sohn eines Kommunisten (sic!) wird durch die Bekanntschaft mit einem NS-Funktionär zum Hitlerjungen, der im Finale von Kommunisten ermordet wird.

Seng erklärte die Begriffe der "overt propaganda" (= deutlich kommunizierte und öffentlichkeitswirksame Propaganda) sowie der "covert Propaganda" (= subtile und versteckte Propaganda) nach der Definition des Soziologen Jacques Ellul. Sehr deutlich wird der Unterschied anhand zweier bekannter NS-Filme: "Hitlerjunge Quex" ist ein typischer Film der "overt propaganda", die "Feuerzangenbowle" hingegen ein Film der "covert propaganda". Letzterer ist zwar fast Naziflaggen-frei, propagiert aber das harte preußische Lehrerideal und verdammt am Ende den Individualismus.

Vom Bergfilm zu Hitlers Favoritin

"Die Bedeutung von Leni Riefenstahl für die Filmsprache und für den NS-Film kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden", so Seng. Im Gegensatz zu Riefenstahls Behauptungen nach dem Krieg, nichts gewusst und niemanden aus der obersten NS-Riege gekannt zu haben, war sie ein Liebling der Partei und besonders von Hitler und Goebbels. Ihre Karriere begann sie als mäßig begabte Tänzerin, dann arbeitete sie als Schauspielerin weiter. Riefenstahl trat v.a. in einem Genre auf, das für den NS-Film stilbildend wurde – dem sog. Bergfilm.

Der wurde insbesondere durch Arno Fanck geprägt. Typisch waren waghalsige Einstellungen, technische Alleskönner als Kameraleute und ein Team, das beständig technische Innovationen entwickelte. In Fancks "Die weiße Hölle vom Piz Palü" (1929) spielt Leni Riefenstahl die Hauptrolle – Übrigens setzt ihr Quentin Tarantino, der sie für die größte Regisseurin aller Zeiten hielt, in "Inglorious Basterds" (2009) ein Denkmal. Die Ästhetik Fanck übernahm Riefenstahl in ihrer ersten eigenen Regie-Arbeit "Das blaue Licht" (1932). Ein Film übrigens, bei dem sie nicht alleine Regie führte, sondern von Béla Balázs unterstützt wurde. Nach 1933 tilgte sie Balázs aus den Credits – denn er war Jude.

Meilensteine: Riefenstahls Parteitags- und Olympiafilme

Mit "Triumph des Willens" (1934) schuf Leni Riefenstahl Bilder der NS-Zeit, die bis heute überdauert haben. Noch beinahe 100 Jahre später ist der Film auf schreckliche Weise faszinierend, zeigt er doch die Ästhetisierung der Politik, die fast geometrische, strenge Ordnung, in der alles zentralisiert ist und auf einen Übermenschen hinläuft. Denn in diesem Film gibt es nur eine einzige Person – Hitler. Alle anderen sind zur anonymen Masse degradiert. Dieser Film schafft den Individualismus ab.

Riefenstahl verfügte für diesen Film über ein schier unbegrenztes Budget und konnte mit den besten Kameraleuten arbeiten. Hitler wirkt durch subtile Schnitte omnipräsent. Der Filmwissenschaftler Eric Rentschler fasste das so zusammen: "Sie formte die Reden und dynamisierte die Aufmärsche so, dass sie weitaus eindrucksvoller wirkten als in der Realität." Es ist eine Ästhetik, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat. Martin Seng stellte Szenen aus George Lucas "Starwars" (1977) und aus "Dune" (2021) neben Szenen des Parteitagsfilms – die ästhetischen Parallelen sind unverkennbar.

In Riefenstahls Olympiafilm "Fest der Völker / Fest der Schönheit" (1938) verschmolzen Berg- und Parteitagsfilm. Bis heute ist ihre Darstellung vieler Sportarten stilbildend. Die Filme feiern das von den Nationalsozialisten geforderte Körperbild. Auch hier wirken die suggestiven Bilder bis heute fort, so montiert z.B. die Band Rammstein im Video "Stripped" Bilder des Olympiafilms aneinander.

Die sog. Vorbehaltsfilme

In einem Schnelldurchlauf wurden typische NS-Filme vorgestellt, die heute als Vorbehaltsfilme gelten: Sie dürfen ohne historische Einbettung nicht öffentlich gezeigt werden. Dazu zählt "Panzerkreuzer Sebastopol" (1936), der dem berühmten sowjetischen Film "Panzerkreuzer Potemkin" den Rang ablaufen sollte, aber in Mittelmäßigkeit dahinsiecht. Ein ganz besonders perfides Werk ist "Ich klage an" (1941), in dem eine an MS erkrankte Frau ihrem Mann das Recht über ihr Leben überträgt und der moralisch die Euthanasie vorbereitet.

Der bekannteste dieser Filme ist Veit Harlans "Jud Süß". Der offen antisemitische Film nimmt eine historische Figur (Süß Oppenheimer) und dichtet ihr eine Geschichte an, in der er ein Dorf ruiniert, ein Mädchen vergewaltigt und dafür am Ende gehängt wird. Goebbels beschrieb den Film als richtungsweisenden antisemitischen Film. Seine Wirkung geht weit über die NS-Zeit hinaus, wurde er doch in den 1950er und 1960er Jahren in Nahen Osten von arabischen Gruppen in antisemitischer Absicht aufgeführt. Der Pseudo-Dokumentarfilm "Der ewige Jude" (1940) konstruiert das antisemitische Narrativ des Weltjudentums. Der letzte NS-Film war dann "Kolberg" (1945), der wenige Monate vor der Niederlage zu heroischem Durchhalten auffordern sollte.

Starkult auch in der NS-Zeit

Wie in Hollywood waren auch im Dritten Reich Schauspielerinnen und Schauspieler als Kassenmagneten begehrt. Dazu zählten z.B. Heinrich George, Emil Jannigs, Heinz Rühmann, Johannes Heesters, Gustav Gründgens, Zarah Leander, Marika Rökk, Ilse Werner und Kristina Söderbaum. Viele von ihnen standen auf Goebbels sog. Gottbegnadeten-Liste von 1944, d.h., sie wurden nicht eingezogen, weil man sie an der Kinokasse brauchte.

Ein besonderer Verlust für das Dritte Reich war der Abgang Marlene Dietrichs, die das Dritte Reich mit aller Macht zurückholen wollte. "Ob die Dietrich – androgyn, freche Schnauze, bisexuell und gern in Männerkleidung – aber als NS-Vorzeigefrau gepasst hätte?", fragte Seng sehr zu Recht. Vermutlich nicht. Sie blieb gegen die faschistischen Flötentöne aber ohnehin immun.

Und nach 1945?

Wie in vielen anderen Bereichen war auch im Filmgeschäft die Entnazifizierung höchstens oberflächlich. Viele, die in der NS-Zeit gut gelebt hatten, wie Fritz Hippler, Veit Harlan, Heinz Rühmann, Leni Riefenstahl, Harald Reinl – stehen beispielhaft dafür, wie Karrieren nach 1945 fast bruchlos fortgesetzt werden konnten. "Man kann sich diese Filme natürlich auch heute anschauen", so Seng, "aber man sollte sich mit ihrer Herkunft und ihrer Botschaft auseinandersetzen."

Mit lautem und anhaltendem Beifall bedankte sich das Publikum für diesen ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Akademieabend. (Jutta Hamberger)+++

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