Einst blühenden Synagogengemeinden
Mehrere hundert Gäste bei der Einweihung vom "Brunnen der Erinnerung"
Fotos: privat
15.09.2025 / ROTENBURG/F. - Ein "Brunnen der Erinnerung" wurde am Sonntag in Rotenburg an der Fulda in einem Festakt mit mehreren hundert Besuchern aus nah und fern eingeweiht. Zur Erinnerung an die einst blühenden Synagogengemeinden in Rotenburg und den benachbarten Orten mit jüdischer Bevölkerung –Bebra, Baumbach, Heinebach, Nentershausen und ebenso Bad Hersfeld.
Die elf Wasserspeier des Kaskadenbrunnens aus Edelstahl sollen das Verfolgungs- und Vernichtungsschicksal einer Vielzahl jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus diesen Orten wachhalten.
Sie sollen in herausfordernden Zeiten ein Zeichen setzen des Respekts für die Opfer von damals und für eine Zukunft des Miteinander. Letzteres wurde bei der Veranstaltung sichtbar im Mitwirken des "Ukraine Hilfe- und Kulturvereins Hersfeld-Rotenburg", der den Gästen im Anschluss an die zeremonielle Brunneneinweihung ein vielfältiges Kultur- und Unterhaltungsprogramm bot - mit Chorvorträgen, Banduramusik und Solotanz. Und darüber hinaus auch kulinarische Leckerbissen, zum Teil nach ukrainisch-jüdischen Rezepten zubereitet hatte.
Ein solches Gebot müsse nach Auschwitz Gültigkeit haben. Ein Gebot, der Opfer zu gedenken und nicht dem Zynismus zu verfallen, damit Hitler keinen posthumen Sieg davonträgt. 613 Gebote zählt die Thora, in der der jüdische Glaube verankert ist. Dieses eine Gebot mehr ergibt 614, die Quersumme davon ist elf. Genau deshalb sprudeln hier seit dem 14. September 2025 elf Wasserläufe – als sichtbares Zeichen der Erinnerung und Verantwortung.
Gäste aus den USA
Den eindeutig weitesten Weg unter den elf jüdischen Gästen hatten Dori Kremer und ihr Gatte Menachem, die in Los Angeles in den USA zu Hause sind. Ebenso aus den USA angereist kam Stuart Hanau. Seine Mutter Reni war die Tochter des Rhinaer Lehrers Berthold Katz. Sie überlebte, weil sie Mitte der 1930er Jahr den Saarländer Walter Hanau geheiratet hatte und als Saarländerin damals noch nicht im Machtbereich Hitlers ansässig war.Andere Ahnen lebten in Nentershausen und Bebra. Aus dem von Gewalt erschütterten Israel waren Gidon und Nava Suesskind gekommen. Gidon ist der jüngere Sohn von Traudel Levi, die in Bebra aufwuchs, wo die Familie in der Apothekenstraße 10 einen Handel mit Textilien betrieb, den man um 1920 von Ronshausen nach Bebra verlegt hatte. Gidon und Nava Suesskind formulierten bei dem Festakt ergreifende Worte des Dankes und der Anerkennung für die vor Ort geleisteten Bemühungen des Gedenkens. Aus England waren Evelyn und Dave Hill in ihrem Wohnmobil angereist.
Ständchen für Evelyn Hill-Katzenstein
Für Evelyn Hill-Katzenstein gab es eine besondere Überraschung, zu ihrem Geburtstag wurde ihr ein vielstimmiges Happy Birthday dargebracht. Evelyn Hills Cousin Robert und seine Frau Teresa waren nahe der Atlantikküste aus Frankreich angereist. Evelyn Hill und Robert van Dyke sind Enkelkinder von Karl Katzenstein, der in Rotenburg aufwuchs und durch Heirat einer Ostfriesin nach Emden kam. Sein Vater Salomon stammte aus Heinebach, in Rotenburg betrieb er eine Holzwollefabrik.Und auch zwei Nachkommen der Rotenburger Familie Katz waren dabei, Avital und Ittai Malbin aus Israel. Beide sind Ehrenmitglieder im Förderkreis Jüdisches Museum Rotenburg. Sie gehören mütterlicherseits in die Familie Katz, die bis 1935 im Steinweg Nr. 4 ein Schuhgeschäft führte, das neben Schuhherstellung im Alleinvertrieb Salamanderschuhe verkaufte, damals die Nr. 1 unter den verschiedenen Schuhmarken. Besucher des Rotenburger Jüdischen Museums das Handnagelgerät für Schuhmacher bestaunen, das sich Jakob Katz und sein christlicher Nachbar Jakob Köpping 1913 patentieren ließen. Jakob Katz‘ Enkelsöhnen Avital und Ittai wurde die Ehre zuteil, den Brunnen der Erinnerung zu enthüllen und den Startknopf zum Sprudeln des Wassers zu drücken – unter großem Beifall der zahlreichen Gästeschar. (Dr. Heinrich Nuhn/pm/hhb) +++