Für Demokratie und eine offene Gesellschaft
Kunstwerk im Gedenken an Walter Lübcke und Halit Yozgat feierlich eingeweiht
Fotos: RP Kassel/Christian Schauderna
04.09.2025 / KASSEL -
Es soll ein Zeichen gegen das Vergessen sein: Das aus Spenden finanzierte Kunstwerk 86° WALTER HALİT" von Natascha Sadr Haghighian ist am Donnerstag im Rahmen einer Festveranstaltung auf dem Dach des Regierungspräsidiums im Zentrum Kassels feierlich eingeweiht worden. Rund 450 Gäste nahmen an der Einweihung vor dem RP-Hauptgebäude am Steinweg teil, darunter Mitglieder der Opferfamilien sowie Hessens Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels, Kassels Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller und Regierungspräsident Mark Weinmeister.
"Ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen"
Das Hessische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Kultur hat das Kunstprojekt finanziell gefördert. Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels: "Das Kunstwerk von Natascha Sadr Haghighian ist ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen zweier rechtsextremistisch motivierter Morde, die niemals vergessen werden dürfen. Das Kunstwerk macht deutlich, wie gefährlich und zerstörerisch Fremdenhass ist – und wie dringend notwendig es ist, mutig dagegen vorzugehen. Aufklärung und Erinnerungsarbeit helfen gegen das Vergessen. Dies leistet der Online-Vermittlungsteil des Projekts. Hier werden die Hintergründe zum Kunstwerk anschaulich erläutert." Auch die Stadt Kassel hat den Prozess der Entstehung des Kunstwerks für ihren Mitbürger Halit Yozgat und für Walter Lübcke, dessen Arbeitsplatz im Herzen der Stadt war, eng begleitet und sich für die Realisierung eingesetzt. Oberbürgermeister Dr. Sven Schoeller: "Dieses Kunstwerk setzt ein sichtbares Zeichen des Erinnerns und der Verantwortung. Halit Yozgat und Walter Lübcke wurden Opfer rechten Terrors – hier in Kassel und der Region, in unserer Mitte. Ihr Tod mahnt uns, niemals wegzusehen, wenn Menschen ausgegrenzt, bedroht oder angefeindet werden. Unsere Stadt steht für Vielfalt, Respekt und Zusammenhalt. Das Werk 86° WALTER HALIT erinnert unsere Stadt, zu jeder Zeit für Toleranz der Vielfalt, Respekt und Zusammenhalt einzutreten." Stele und Vermittlungsteil
Das Lichtobjekt auf dem Dach wird ergänzt durch eine Metallstele auf der Rasenfläche vor dem RP-Gebäude. Diese nimmt die Farb- und Formensprache des Kunstwerkes auf. Vorbeikommende Passantinnen und Passanten gelangen über einen eingefrästen QR-Code zu einem Online-Vermittlungsteil, der die Hintergründe des Kunstwerks erläutert und weitere Denkanstöße zur Verfügung stellt: Eine zweiteilige AudioErzählung zu 86° WALTER HALİT kann beispielsweise bei einem Spaziergang um das Regierungspräsidium oder auch zu Hause angehört werden. Neben der Audio-Erzählung veranschaulicht eine interaktive Landschaft, dass die Morde an Walter und Halit nicht isoliert zu betrachten sind, sondern Teil sind von größeren Sinnzusammenhängen, voll mit anderen Namen, Initiativen und Verbindungslinien. Durchzogen von Gewalt, aber auch von Widerstand, Trauer, Wut und der Entschlossenheit, der Gewalt etwas entgegenzusetzen. Die Website mit dem Vermittlungsteil wurde durch Förderung der Stadt Kassel und des Landes Hessen ermöglicht.
Projekt seit 2019 vorangetrieben
Mit der feierlichen Einweihung des Kunstwerks kommen langjährige Aktivitäten des Regierungspräsidiums zum Andenken an Herrn Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke zu einem erfolgreichen Abschluss. Einer Idee aus dem Kreise der Mitarbeitenden des Regierungspräsidiums folgend, hatte eine Kommission nach der Ermordung Walter Lübckes 2019 einen beschränkten Kunstwettbewerb initiiert. Gesucht wurde ein Kunstwerk, das offensiv die Ermutigung und Forderung formulieren soll, für Werte wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine offene Gesellschaft einzustehen. Mit Unterstützung und Beratung des langjährigen Dozenten der Kasseler Kunsthochschule und ehemaligen Vorsitzenden des Kasseler Kunstvereins, Bernhard Balkenhol, hatte sich die Arbeitsgruppe anschließend auf die Ausschreibung eines Kunstwettbewerbs geeinigt, in dem das künstlerische Medium bewusst offengelassen wurde. Eine Kommission unter Beteiligung von Regierungspräsidium, Fachleuten aus dem Kunstbereich sowie Vertreterinnen und Vertretern der Stadtgesellschaft hat danach Vorschläge gesammelt, welche Künstlerinnen und Künstler im Rahmen der Ausschreibung beteiligt werden sollten. Hierbei gab es eine Vielzahl von nationalen und internationalen Vorschlägen, wobei sich die Kommission einhellig auf sechs Künstlerinnen und Künstler geeinigt hat. Davon haben letztendlich fünf Künstlerinnen und Künstler Entwürfe eingereicht.
Die Arbeit 86° WALTER HALİT sticht laut Juryvotum durch den "starken Signalcharakter des Entwurfs, der sowohl bei Tag als auch bei Nacht weithin sichtbar ist," hervor. Daneben überzeugte "die konzeptionelle Schärfe, die durchdachte, humane und zukunftsweisende Kraft des Vorschlags" die Jury. "Die Verbindung der auf die Vornamen reduzierten Nennungen schlägt eine Brücke der Solidarität zwischen den beiden unterschiedlichen Opfern des rechten Terrors in Kassel." Zugleich werde ein wirksames Zeichen gegen das Vergessen und für das aktive Eintreten für unsere demokratischen Werte in Deutschland und Europa formuliert, heißt es weiter in der Begründung der Jury. "Als ,Leuchtturm‘ auf dem Dach des Regierungspräsidiums erinnert Sadr Haghighians Vision für das Kunstwerk einmal mehr daran, dass es die Menschen sind, die eine starke Demokratie aufbauen." (kg/pm) +++