Schluss mit dem Tabu
Lotte Kreis (39) stärkt die Körpermitte – "Frühzeitig den Beckenboden trainieren"
Alles rund um den Beckenboden: Lotte Kreis ist Beckenbodenphysiotherapeutin und Rektusdiastase-Therapeutin.
Fotos: Maria Franco
16.09.2025 / PETERSBERG -
Kontrolle, Halt und Lebensqualität: Der Beckenboden, eine wichtige Muskel- und Bindegewebsstruktur, sorgt für Stabilität im Körper. Machen sich Probleme bemerkbar, können die Funktion der Blase und des Darms aus dem Gleichgewicht geraten. "Leider erfährt das Thema noch wenig Aufmerksamkeit, sowohl in der Forschung als auch in der Praxis", konstatiert Beckenbodenphysiotherapeutin Lotte Kreis aus Petersberg (Kreis Fulda) gegenüber OSTHESSEN|NEWS. "Dabei ist der Bedarf riesig – es zieht sich tatsächlich durch alle Altersgruppen."
Die 39-Jährige hat selbst während der Schwangerschaft und nach der Geburt ihrer Kinder den Unterschied gemerkt. "Man spürt einfach die Veränderung, auch ich blieb von Beschwerden nicht verschont. Es war sehr schwierig, kompetente Hilfe zu finden. Gleichzeitig fand ich die Beckengesundheit so spannend, dass ich mich umfangreich weitergebildet und spezialisiert habe. Damit konnte ich eine Versorgungslücke schließen." 2021 eröffnet sie schließlich ihre eigene Praxis unter dem Namen "Körperlächeln".
Symptome äußern sich individuell
Oftmals sind Frauen in der Schwangerschaft und in den Wechseljahren betroffen. "Es muss aber nicht immer die Inkontinenz sein, beispielsweise wenn ich lache, niese oder huste – und währenddessen Urin verliere. Beckenschmerzen, eine Drangblase, Schmerzen bei der Menstruation oder beim Geschlechtsverkehr, ein plötzliches Fremdkörpergefühl in der Vagina etwa, sind weitere Anzeichen für Beckenbodenfunktionsstörungen." Verschiedene Symptome lassen sich ebenso bei Kindern feststellen, im späteren Lebensalter können Männer von einer Dysfunktion betroffen sein. Für die Beckenbodenexpertin steht fest: "Generell wird eher ungern darüber gesprochen, da es mit Scham behaftet ist. Dabei steht man mit diesem Problem nicht alleine da. Und zum Glück kann jeder aktiv etwas dagegen machen."
Den Spätfolgen aktiv entgegenwirken – "Frühzeitig etwas unternehmen"
Beim Beckenbodentraining geht es laut der Expertin darum, zunächst diesen wahrzunehmen, sodass bewusst an- und entspannt werden kann. Je nach Zielsetzung wird systematisch trainiert. "Ich würde mir wünschen, dass in der Hinsicht mehr aufgeklärt wird. Frauen sollten sich bereits intensiv in der Schwangerschaft um ihren Beckenboden kümmern. Neueste Studien zeigen nämlich, dass das Risiko für eine Harn-Inkontinenz geringer ist und auch die Austreibungsphase der Geburt durch Beckenbodentraining in der Schwangerschaft verkürzt werden kann." Nach der Geburt sei die Nachsorge von großer Bedeutung. "Neben der Abklärung beim Gynäkologen ist ein Rückbildungskurs von einem qualifizierten Anbieter empfehlenswert." Treten bei Beschwerden keine nennenswerten Verbesserungen auf, kann eine gezielte Beckenbodentherapie effektiv sein. Optional lindern oder gar beseitigen Pessare die Symptome. Kreis betont an der Stelle: "Von selbst wird es jedenfalls nicht besser, man sollte frühzeitig etwas unternehmen – dann ist die Prognose am besten."
Austausch und kompetente Behandlung
Die Beckenboden- und Bauchwandgesundheit sind der Physiotherapeutin ein wichtiges Anliegen, sie nennt diesen Bereich ihre Herzensthemen. Sie gibt abschließend den Betroffenen den Rat mit auf den Weg: "Man sollte sich nicht nur einer Fachperson anvertrauen, im privaten Umfeld trifft man sehr wahrscheinlich auf offene Türen. Sie werden sich wundern, wie viele davon betroffen sind." (Maria Franco) +++