Arbeitslosigkeit steigt schleichend
Matthias Dengler besorgt: "Mehr tun, um die Stärke in der Region zu halten"
Matthias Dengler ist Geschäftsführer der Arbeitsagentur Bad Hersfeld Fulda
Fotos: Laura Struppe
27.08.2025 / FULDA -
Mit derzeit nur 3,9 Prozent Arbeitslosigkeit ist der Arbeitsagenturbezirk Bad Hersfeld-Fulda wieder der mit Abstand beste in ganz Hessen, hier scheint die (Wirtschafts-)Welt tatsächlich noch in Ordnung zu sein. Doch der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, Matthias Dengler runzelt bei unserem OSTHESSEN|NEWS-Redaktionsgespräch die Stirn, wenn es um die Prognose für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Osthessen geht. "Der Arbeitsmarkt ist tatsächlich in großer Bewegung: Das ist ein schleichender Prozess, den wir in den letzten Jahren und in den letzten Monaten sehen, dass sich nämlich die wirtschaftliche Situation in Deutschland verschlechtert."
"Das ist kein großer Knall, den wir da erleben, sondern eine Entwicklung, die leise daherkommt. Und das scheint mir gefährlicher als ein großer Knall, weil es niemanden aus seiner Routine aufschreckt. Alles scheint soweit ganz gut zu laufen, man ist nicht beunruhigt", konstatiert er. Und das verleite dazu, keine notwendigen Gegenmaßnahmen zu steuern, sondern eher beim Status quo zu verharren, warnt der Arbeitsmarktexperte. "Daher raus aus der Komfortzone und mutige Entscheidungen treffen", so Matthias Dengler.
"Gerade stehen viele Schulabgänger vor der Frage, in welche berufliche Richtung es für sie gehen soll. Traditionell sind wir hier eine starke Ausbildungsregion. Wir hatten in diesem Jahr zwar etwas mehr Bewerber als im letzten. Allerdings lassen sich die Jugendlichen mehr Zeit bei dieser wichtigen Entscheidung. Und sie haben jede Menge Wahlmöglichkeiten, qualifizierte Azubis sind überall gefragt. Denn der Arbeitsmarkt hat sich durch die stetig sinkende Zahl der Schulabgänger und fehlende Fachkräfte zu einem Arbeitnehmer- und Bewerbermarkt gewandelt", sagt Dengler. Natürlich soll die Ausbildung den Neigungen des Bewerbers entsprechen und das Gehalt und die Karrieremöglichkeiten müssen stimmen, aber die Jugendlichen seien auch bei den Rahmenbedingungen anspruchsvoller geworden. "Und sie sind selbstbewusster als früher. Sie kommen mit Wünschen nach mehr Urlaub oder betonen gleich im Bewerbungsgespräch, was ihnen besonders wichtig ist. Das löst bei manch älterem Entscheidungsträger im Betrieb, der noch einen anderen Arbeitsmarkt kennt, natürlich Irritationen aus. Vor allem, wenn die Zeugnisse nicht so prickelnd sind", berichtet der Agenturchef.
"Wir bieten Hilfestellung und Orientierung im Dschungel von Ausbildungsmöglichkeiten"
Die Entscheidung, in welche berufliche Richtung es gehen soll, sei wahrhaftig nicht leicht. "Da gibt es einen Riesen-Dschungel an Möglichkeiten, sei es bei der Ausbildung, sei es beim Studium. Und da ist es schon sehr, sehr schwierig für die Jugendlichen, sich dort zurechtzufinden. Doch dafür gibt es verschiedene Plattformen und unsere Angebote an qualifizierter Berufsberatung und natürlich gehen wir mit Berufsorientierungsstunden in alle Schulen. Zusätzlich bieten wir fundierte psychologische Tests an, um herauszufinden, ob die Eignungen und die Skills der Berufe zusammenpassen". Für die Betriebe sei es wichtig, Jugendliche schon früh zu Praktika in die Firma zu holen, damit sie die dortigen Umstände und die Praxis kennenlernen und man könne früh mit Bindungsmaßnahmen starten, empfiehlt Dengler. Und er rät den Schulabgängern davon ab, nur jobben zu gehen, um gleich etwas mehr Geld auf die Hand zu bekommen. "Ohne eine Berufsausbildung besteht ein hohes Risiko, arbeitslos zu werden. Deutlich über 60 Prozent unserer Kunden bei der Arbeitsagentur haben keine abgeschlossene Berufsausbildung."
Als erleichternden Einstieg ins Berufsleben empfiehlt Dengler zum Beispiel ein berufsvorbereitendes Jahr. Da könne man in unterschiedliche Aufgabenfelder und Berufsfelder reinschnuppern, um zu sehen, was zu einem passt. Und es gibt vor und während der Ausbildung Unterstützungsmaßnahmen, die sogenannte "assistierte Ausbildung" sowie spezifische Coachingmaßnahmen.
"Die Arbeitslosenzahlen werden weiter steigen - auch bei uns!"
Wie schon zu Beginn gesagt, ist der Arbeitsmarkt in einer negativen Bewegung. "Die Arbeitslosenzahlen steigen, die Zahl der Kurzarbeit in Unternehmen ist im Vergleich zum Vorjahr bereits über 70 Prozent gestiegen. Bei uns in Fulda werden bis zum Jahr 2030 über 11.000 Fachkräfte fehlen, einfach demografisch bedingt. Die Babyboomer gehen jetzt in Rente. Es kommen weniger junge Leute nach, als in Ruhestand gehen." Deswegen kämen die Betriebe gar nicht daran vorbei, Ältere über den Renteneintritt hinaus zu beschäftigen. Dengler sieht darin viele Vorteile: "Also erst mal nimmt der ältere Beschäftigte ja niemandem den Arbeitsplatz weg. Und wir brauchen zusätzliche Arbeitskräfte, weil sonst die Stellen nicht besetzt werden. Dadurch gibt es weniger Wertschöpfung in den Unternehmen. Die Älteren kennen die Betriebe, sie haben viel Erfahrung, die sie an Jüngere weitergeben können. Und ich glaube, man hat nie so eine fitte ältere Generation gehabt."
Die Firmen müssten auch bei Beschäftigten über 50 in entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen investieren, denn die arbeiteten wahrscheinlich noch 15 Jahre oder 20 Jahre. "Also rechnet sich die Investition auf jeden Fall. Eine zweite Säule zur Stütze der künftigen wirtschaftlichen Lage ist die Beschäftigung von Frauen. Wir haben hier im Hessenvergleich eine höhere Teilzeitquote von Frauen, wir sind bei knapp 54 Prozent Teilzeitquote von Frauen, in Hessen liegt sie unter 50 Prozent. Das ist ein ganz wichtiger Hebel für die Zukunft, um mehr Arbeitsplätze oder mehr Arbeitsvolumen in den Unternehmen zu haben", sagt Matthias Dengler. Dafür bietet die Agentur Unterstützungsmaßnahmen an. Denn die Aussichten seien alles andere als rosig. Viele Firmen seien bereits vorsichtiger geworden, stellten weniger ein. "Da können wir mehr tun. Und wir müssen mehr tun, damit wir die Stärke in der Region halten", sagte der Arbeitsagenturchef abschließend. (Carla Ihle-Becker)+++