Gänsehaut und schöne Momente

Pianale-Konzert im Marmorsaal des Stadtschlosses: Musik gegen trübe Tage

Das Konzert fand zwar im Rahmen der Pianale, aber außerhalb des Wettbewerbs statt.
Fotos: Julia Schuchardt

04.08.2025 / FULDA - Der Sonntag grau und regnerisch – was gibt es da Schöneres, als ins Konzert zu gehen? Also auf in den Marmorsaal, in dem wetterbedingt das für den Schlossgarten vorgesehene Pianale-Konzert stattfand. Eine Entscheidung, für die alle dankbar waren, denn Gänsehaut sollte man schließlich von der Musik und ihren Interpreten bekommen, nicht vom kalten Sommerwetter.



Das Konzert fand zwar im Rahmen der Pianale, aber außerhalb des Wettbewerbs statt. Die Teilnehmer/innen bestritten es ganz allein: Sie wählten aus, wer spielt und in welcher Reihenfolge die Stücke gespielt werden. Alle entschieden selbst, was sie spielen wollten. Ein Konzert also, das Spielfreude und Können zeigen und Freude machen sollte, denen am Flügel genauso wie dem Publikum. Und natürlich auch eine Chance, zu zeigen, wer man ist, wer man werden will und wie man sich als Musiker/in positionieren möchte.

13 Talente spielten auf, und sie schenkten sich nichts. Das war kein Love-me-do-Sonntagskonzert, für das gefällige und relativ einfach zu spielende Stücke ausgewählt worden waren. Nein, alle ließen die Muskeln spielen und zeigten, was sie konnten. Sie machten klar: Wer hier auftritt, hat viele Jahre des Übens hinter sich, bringt Ausdauer mit und hat mit Sicherheit schon mehr als eine musikalische Klippe umschifft. Ihnen allen gebührt größter Respekt!

Vielleicht ein Wort zum Wettbewerbsmodus. Wer Wettbewerbe spielt, will gewinnen, weil nur das den späteren Karrierestart ermöglicht. Es ist ein brutales System, dem man sich in gewisser Weise auch unterwerfen muss. Man muss da durch. Ein junger Pianist, der bereits ‚angekommen‘ war, aber noch am Anfang seiner Karriere stand, hat bei einem Konzert in Fürstensaal einmal gesagt: "Ich bin froh, dass ich keine Wettbewerbe mehr spielen muss." Ein Satz, der sich festhakt. Denn: Hochleistungs-Musikwettbewerbe stellen ganz bestimmte Anforderungen, und genau auf die hin wird geübt und ausgesucht. Technische Brillanz hat dabei in meinen Augen inzwischen ein fast schon ungutes Übergewicht, Bühnenpräsenz und Interpretation fallen immer wieder hinten runter.

Liszt, Chopin und Rachmaninov

Für ein wettbewerbsfreies Konzert hätte ich mir eine etwas diversere und untypischere Musikauswahl gewünscht. So aber erklangen die erwarteten Komponisten und oft sogar klassische Wettbewerbsstücke. Dazu zählt beispielsweise Liszts Konzert-Etüde No. 2 ‚La Leggierezza‘ in f-moll. Die unregelmäßigen Rhythmen, die schnellen chromatischen Läufe und das Tempo muss man erst mal hinkriegen – Sofia Maholetti (13) aus Graz schaffte das ziemlich gut. Ein ähnlich beliebter Show-Stopper ist Liszts Ungarische Rhapsodie No. 11 in a-

Moll, Emma Rose Koeswandy (14) brannte dabei ein Virtuosen-Feuerwerk ab. Der schnellere zweite Teil lag ihr dabei sichtlich besser als der langsame, getragene erste. Die Österreicherin Anna Maier (29) hatte sich aus Liszts Transzendentalen Etüden die No. 8 in c-Moll ‚Wilde Jagd‘ ausgesucht, auch das ein klassisches Publikums-Überwältigungsstück. Wild war es, transzendental eher weniger.

Der Schwierigkeitsgrad der beiden Chopin’schen Klavier-Etüden-Zyklen, so sagt man, trennt die pianistische Spreu vom Weizen. Wenn man sie hört, versteht man das sofort und ohne großes musikalisches Vorwissen. Gleich zwei Talente widmeten sich dem Zyklus ‚12 Etüden op. 25‘. Quixuan Fan (18) und die Fuldaerin Klara Reinisch (25) trugen jeweils eine Etüde vor, Fan die No. 11, Reinisch die No. 12. Der aus China stammende und in Moskau studierende Yuquian Wang (25) schließlich spielte aus dem Zyklus ‚12 Etüden op. 10‘ die No. 10 in As-Dur, sicher eine der schwierigsten, er bot uns den besten Chopin des Konzerts.

Wiener Klassik

Dass die junge Chinesin Yuhan Lin das Andante aus Mozarts Klaviersonate in D-Dur, KV 311 spielte, freute mich ganz besonders. Das liegt einerseits an Mozart, andererseits daran, dass Yuhan Lin bewusst ein weniger bekanntes Werk ausgesucht hat. Einen Status, den diese Sonate allerdings zu Unrecht hat. Der Mittelsatz ist, wie so oft bei Mozart, lyrisch und schwebend. Diese Leichtigkeit muss man erst mal auf die Tasten bringen.

Die Deutsch-Spanierin Irene Berzosa-Lévano (17) hatte den ersten Satz aus Beethovens ‚Klaviersonate No. 9 in E-Dur op. 14,1‘ ausgewählt. Sie ist lyrisch-entspannt und von großem Farb- und Klangreichtum. Irene Berzosa Lévanos Fokus lag dabei etwas mehr auf der dynamischen Gestaltung als der Nuancierung.

Barock und Moderne

Die Chinesin Rebekah Tan (19) spielte zum Beginn des Konzerts die Sonate in A-Dur K24 des barocken Meisters Domenico Scarlatti. Ihre schnellen Läufe sind eine Herausforderung, weil man sie mit der wunderbar empfindsamen Melodie in Einklang bringen muss. Die Musik muss fließen, man muss das Wilde und das Nachdenkliche des Stücks packen. Das gelang Tan nur bedingt.

Viermal war ich zugleich beeindruckt UND angerührt, genauso möchte ich Musik wahrnehmen dürfen. Der junge Spanier Paul Martin (19) hatte sich für Ravels an ein Glasperlenspiel erinnernde Stück ‚Oiseaux Tristes‘ aus den Miroirs No. 2 entschieden. In einer Haltung, die zwar oft an Schroeder von den Peanuts erinnerte, gab er dieses luftige und doch anspruchsvolle Stück wider. Es war nicht perfekt, aber es war wunderschön!

Der Australier Kaius Ton Lo Ho (14) spielte Rachmaninovs träumerische Elegie op. 3 No. 1 mit einer erstaunlichen Tiefe und Hingabe. Der junge polnische Pianist Wiktor Gasior (19) hatte sich Rachmaninovs ‚Prélude op. 23,10‘ in Ges-Dur ausgesucht. Ein wunderbares, zärtliches Stück, und eine wirklich hervorragende Interpretation. Wer Rachmaninov nur von seinen

Klavierkonzerten her kennt, dürfte ob der lyrischen Zartheit dieser beiden Stücke erstaunt gewesen sein.

Dilara Bagis (15) schließlich setzte mit Débussys ‚L’isle joyeuse‘ den gelungenen Schlusspunkt. Ich fand ihre Wahl auch deshalb mutig, weil wir dieses Stück gerade erst von Matti Raekallio im Konzert der Pianale-Dozenten gehört hatten. Die Anmut des Paradiesgartens mit den technischen Herausforderungen auszubalancieren, erfordert viel Können – und vielleicht auch jugendliche Unbekümmertheit.

Alle Künstler/innen wurden mit viel Beifall bedacht – es war beglückend, so viel Talent zu sehen und zu hören und dabei auch zu verstehen, für welch anspruchsvollen Weg sie alle sich entschieden haben. Ihnen allen Danke für ihre Kunst und Hingabe – es war ein schöner Sonntag! (Jutta Hamberger)+++

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