Teil 4 des Interviews mit Prof. Karagiannidis
Intensivmedizin: Leben retten mit Maß und Verantwortung
Auch in der Intensivmedizin gibt es jede Menge "Baustellen"
O|N-Archivbild: Carina Jirsch
03.08.2025 / REGION -
Kaum ein Bereich steht so sehr für Hochleistungsmedizin wie die Intensivstation. Doch auch hier mahnt Karagiannidis zur Zurückhaltung: "Nicht alles, was wir können, sollten wir auch tun." Besonders kritisch sei der Einsatz der sogenannten ECMO, ein Verfahren zur künstlichen Lungen- und Herzunterstützung. Während Länder wie England acht spezialisierte ECMO-Zentren haben, sind es in Deutschland über 400 Krankenhäuser. Eine Vielzahl dieser Häuser setzt die Therapie allerdings nur wenige Male pro Jahr ein. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass dieses Vorgehen für die Patienten keinen Vorteil hat und enorme Kosten verursacht.
"Das ist nicht effizient und gefährdet Qualität", sagt Karagiannidis. "Für ECMO braucht es Training, Erfahrung und klare Indikationen." Auch ECPR, die Wiederbelebung mit Herz-Lungen-Maschine, müsse restriktiv eingesetzt werden. Wichtiger sei es, die Laienreanimation zu fördern und Apps wie "Region der Lebensretter" auszubauen, die Nothelfer in Echtzeit alarmieren. Denn auch bei der Wiederbelebung komme es zunächst auf Basismaßnahmen der Rettungskette und nicht immer auf moderne Apparate an.
Besonders sensibel ist die Versorgung älterer Patienten. In Deutschland wird vergleichsweise häufig intensivmedizinisch behandelt – mit fraglicher Prognose. "Das Alter allein ist kein Ausschlusskriterium, aber je älter der Patient, desto schlechter meist der Verlauf." Die ökonomischen Anreize seien falsch gesetzt, viele Kliniken behandeln, weil es vergütet wird. Karagiannidis fordert eine ethisch fundierte Vergütungsstruktur, wie in Kanada oder Frankreich. "Das Therapieziel muss klar sein und die Gespräche dazu müssen früh mit dem Patienten und der Familie geführt werden."
Karagiannidis veröffentlichte eine aufsehenerregende Studie zu dem Thema. Hierin wurde beschrieben, dass in Deutschland fast 10 Prozent aller Menschen an einem Beatmungsgerät versterben. Der Pneumologe wertete mit seinem Team Daten von mehr als einer Million Patienten aus, die in der Bundesrepublik zwischen 2019 und 2022 beatmet wurden. Von den über 80-jährigen Patienten starben sogar 80 Prozent. Die Zahlen werfen Fragen nach Übertherapie und medizinischem Augenmaß am Lebensende auf. Diese medizin-ethische Diskussion müsse laut Karagiannidis systemisch beantwortet werden. Andere Gesundheitssysteme seien bei der Entscheidungsfindung zur Beatmung sehr restriktiv: Beispielsweise habe Neuseeland sehr gute Ergebnisse in der Beatmungsstatistik und was die intensivmedizinische Versorgung betreffe, allerdings nehme man nur sehr wenige, ausgewählte Patienten auf eine Intensivstation auf.
Auch der ökologische Fußabdruck der Intensivmedizin ist für Karagiannidis ein Thema: "Fünf bis sechs Prozent der CO₂-Emissionen in Deutschland stammen aus dem Gesundheitswesen. Mülltrennung, Energieeffizienz, nachhaltige Beschaffung, das sei nicht nur möglich, sondern auch ökonomisch sinnvoll.” Hier habe Deutschland noch viele wichtige Aufgaben vor der Brust, um nachhaltiger zu werden. Derzeit gebe es kaum Green Teams und keine systematische CO₂-Bilanzierung. Das müsse sich dringend ändern.
Fazit: Drei zentrale Reformpunkte für ein zukunftsfestes Gesundheitssystem
Prof. Dr. Christian Karagiannidis zeichnet ein klares Bild: Das deutsche Gesundheitssystem ist leistungsfähig, aber schlecht gesteuert. Zudem ist es in vielen Bereichen ineffizient strukturiert und schlecht vernetzt. Er sieht aber auch große Chancen. Drei Punkte sind für ihn zentral:
1. Pflege und Notfallsanitäter müssen selbstständig arbeiten können.
Nur wenn Kompetenzen neu verteilt werden, kann das System entlastet und effizienter werden. Dazu muss auch die Ärzteschaft einsehen, dass die Kompetenz auf breitere Schultern verteilt werden muss.
2. Selbstbeteiligungen müssen eingeführt werden.
Ein moderater Eigenanteil schafft mehr Bewusstsein für den Umgang mit medizinischen Leistungen – ohne soziale Härten. Kann man damit die Kontakte mit dem System reduzieren, ohne arme Menschen aus der Versorgung auszugrenzen, kann das Gesundheitswesen wissenschaftlich evident deutlich entlastet werden.
3. Prävention muss gestärkt werden – auch durch Steuern.
Eine Besteuerung gesundheitsschädlicher Produkte (Alkohol, Tabak, Zucker) und Werbeverbote können nicht nur Krankheiten verhindern, sondern auch die Kranken- und Pflegekassen durch eine langfristige und effektive Kostenreduktion stabilisieren.
Karagiannidis’ Vision ist kein radikaler Bruch mit dem Bestehenden – sondern ein strukturell durchdachter Umbau. Sein Ziel: Ein Gesundheitssystem, das menschlich, leistungsfähig und zukunftsfest ist. Für Patienten – und für diejenigen, die sie behandeln. (Adrian Böhm)+++
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