Echt jetzt! (55)
Lachen für den Weltfrieden - Bemerkungen von Rainer M. Gefeller
Foto: Ashwin Vaswani für Unsplash
02.05.2025 / REGION -
Haben Sie am Sonntag, 14 Uhr, schon was vor? Wie wär’s, wenn wir uns einfach mal auf dem Fuldaer Uniplatz treffen würden? Oder vorm Dom? Dann haben doch die meisten von uns ihren Sonntagsbraten schon verdaut und wir könnten "ein gemeinsames Lachen um den Erdball schicken". Ach ja, warum nicht – soll nur eine Minute dauern und dem Weltfrieden dienen. Klingt das nicht reichlich bescheuert?
Der "typische Deutsche" hat kein sonderlich begeisterndes Image: nüchtern, ernsthaft und humorlos sollen wir sein. Außerdem häufig schlecht gelaunt, unfreundlich, von Zukunfts-Ängsten geplagt und mit Sorgen angefüllt bis zur Halskrause. Der Autor Stephan Lebert hat im vergangenen Sommer in der "Zeit" beklagt, dass unserem Leben die Lässigkeit abgeht. "Die Leichtigkeit ist vom Aussterben bedroht, sie ist ein gefährdetes Gut. Man muss sich um sie kümmern, besonders in Zeiten, in denen schlechte Nachrichten Konjunktur haben." Viele Menschen sind dazu übergegangen, sich aus dem täglichen Fluss negativer Nachrichten in die Informations-Verweigerung zu retten. Halten wir uns einfach die Ohren zu, wenn folgende Namen auftauchen: Trump, Vance, Musk, Putin, Netanyahu, Erdogan – lauter Männer, merke ich gerade. Ach, Frau Weidel ist natürlich auch zum Weghören. Wetten, dass die Genannten sich schwarzärgern, wenn niemand sie mehr wahrnimmt? Stephan Lebert hat einen wunderbaren Vorschlag für uns: "Kann man sich über Sorgen lustig machen? Ja, das könnte gehen... Man kann seine Sorgen auslachen! Man muss sie nicht ernst nehmen. Sorgen sind nichts Gutes, nur weil sie Sorgen sind."
Weiter geht’s im Bruchteil von Sekunden. Der Puls rast, das Blut rauscht, das Zwerchfell rastet aus. Gesichtsmuskeln spannen sich wie Flitzbögen. Guck, wie die Mundwinkel nach oben zucken, die Nasenlöcher sich auftun wie beim wiehernden Pferd und die Augen zusammengekniffen werden wie... okay, den Vergleich kann sich jeder selbst ausdenken. Irgendwann lacht der ganze Körper, Schultern und Arme zucken vor und zurück, der Bauch bebt, die Hände klatschen auf die Schenkel. Das menschliche Wesen gerät außer Kontrolle. 300 Muskeln zwischen Kopf und Bauch arbeiten wie wild. Lachen ist derart anstrengend, dass der Kopf zu einem einzigen Druck-Kessel wird – und wir haben eine knallrote Birne.
Vielleicht, weil vielen von uns das Lachen vergangen ist, gibt es "Lachyoga". Das ist, wird uns auf der Webseite des "Lachverbands" erklärt, "eine ganzheitliche Methode, die mit einfachsten Mitteln natürliche Kräfte mobilisiert." 1995 hat Madan Kataria, indischer Yoga-Lehrer, den ersten Lachclub gegründet. Damals, berichtet er, habe er sich mit fünf Gleichgesinnten in einen Park von Mumbai gestellt und "wir lachten wie die Hyänen". Heute wird Kataria als Lach-Guru verehrt und empfiehlt seinen Getreuen, "täglich 15 bis 20 Minuten zu lachen". Seit 2010 gibt es 6.000 seiner Clubs, der "Weltlachtag" wird seit 1998 an jedem ersten Sonntag im Mai mit kreischendem oder quietschendem Gelächter begangen. Lach-Yoga ist eine "Kombination von Lachübungen mit tiefer Yoga-Atmung", hat uns 2016 die Fuldaer Hochschule bei der Ankündigung eines Workshops erläutert. Einatmen – Auslachen...
Der indische Lachguru hat aus den Selbstversuchen des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Norman Cousins gelernt. Cousins litt an einer "Spondylarthritis", seine Ärzte gaben ihm eine Überlebenschance von 1 zu 500. Cousins indes kämpfte. Mutlosigkeit, befand er, sei der sicherste Weg zur Endstation. Er befasste sich mit der Wirkung positiven Denkens auf die Immunabwehr und entdeckte den Wert des Lachens für eine Genesung. "Krankenhäuser sind der falsche Platz für kranke Leute", sagte er und zog in ein Hotel in der Nähe der Klinik. Und er lachte die lebensgefährliche Krankheit weg mit seinem unbedingten Willen zur Heiterkeit. Die Genesung des Amerikaners verblüffte die gesamte Fachwelt. Lachtherapien wurden entwickelt, Lachen als "heilgymnastische Übung" entdeckt. Viktor Frankl, Erfinder der Logotherapie, empfahl seinen Patienten, ihren Ängsten "ins Gesicht zu lachen". Der schräge Philosoph Friedrich Nietzsche hat das alles natürlich schon hundert Jahre früher gewusst. Seinen "Zarathustra" ließ er verkünden: "Zehnmal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst stört dich der Magen in der Nacht, dieser Vater der Trübsal."
Stimmt es, dass Christen total unlustig sind? Weshalb hat die "frohe Botschaft" des Evangeliums so wenig Erheiterndes? Lachen, verkündete die Kirche im Mittelalter, sei unchristlich; Jesus habe ja auch nie gelacht. Der alte Anti-Christ Friedrich Nietzsche hat auch dazu was zu sagen: "Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben soll." Haben echten Spaß – "Heidenspaß"! – etwa nur die Ungläubigen? Als Michael Gerber 2018 als neuer Bischof auf die Fuldaer Bühne trat, registrierten hiesige Journalisten sogleich eine "Zeitenwende". Tatsächlich, der Mann lachte häufig und augenscheinlich gern. Inzwischen haben sich die Fuldaer daran gewöhnt, dass ihr Bischof auch im Karneval mit unverkrampfter Freude unterwegs ist. Gerber mit Orden. Gerber mit Narrenkappe. Gerber lachend. Auch Papst Franziskus, um den wir nicht aufhören zu trauern, hat der Welt das lächelnde Gesicht der Kirche gezeigt. Wann gab’s denn so jemanden wie ihn - einen begeisternden und begeisterungsfähigen Menschenfreund als Herrn im Vatikan? Um ihn rum die bekannte Heerschar zugeknöpfter leitender Priester.
Noch im 18. und 19. Jahrhundert wurde geballter Frohsinn nicht nur vom Klerus, sondern auch von den weltlichen Herrschern als bedrohlich angesehen. Nicht nur gottesfürchtig sollten die Untertanen sein, sondern auch ansonsten am liebsten in Angst leben: dann kamen sie nicht auf dumme Gedanken. Wie zum Beispiel bei Tanzfesten rund um Fulda, die aus Sicht der Herrschaften überhandnahmen. Als besonders tanzlustig, hat der Rhön-Forscher Gottfried Rehm ermittelt, galten Dörfer wie Hettenhausen, Bischofsheim, Sieglos, Eitra und Oberelsbach, das damals "Klein-Paris" genannt wurde. Die Tanzwütigen lachten über die Verbote ihrer Pfarrer und tanzten, bis die Schuhe qualmten. Auch in Poppenhausen. Viele Kneipen gab es hier, die Dörfler galten als "gesellig und fröhlich". Heute würde man sagen: Poppenhausen war arm aber sexy, jedenfalls wurde es damals schon "Bobbelustig" getauft. Auch der dortige Amtmann konnte den Jugendlichen ihre Tanzlust nicht austreiben – "Knaben", die erwischt wurden, bestrafte er mit "vier Stockstreichen" in die Hand, Mädchen kamen mit "zwei Rutenstreichen" davon...
Kann man über die Kirche lachen? Aber wie! In "Seitenwechsel", einem Magazin der Fuldaer Antonius-Stiftung, hat sich der unvergessliche Humorist Günther Elm über typisch fuldischen Witz geäußert. Eigentlich sei der Fuldaer ja "staubtrocken", "da gibt’s kein großes Brimborium, der bringt’s auf den Punkt". Über die Kirche allerdings würden in der Katholiken-Hochburg "die meisten Witze" gemacht. Zum Beispiel so: "Der Pfarrer geht morgens durchs Dorf und sieht, wie der Karl im Garten schippt. Sagt der Pfarrer: "Mensch, Koarl, was machste im Goarte, wir haben Christi Himmelfahrt." Antwortet der: "Ich foahrn net mit."
Ein musikalischer Nachschlag: Heute gilt China für viele als unheimliche Macht, aber es war auch mal "Das Land des Lächelns". Dort spielte die gleichnamige Operette von Franz Lehar, Uraufführung 1929 in Berlin. Neben vielen anderen sang auch Rudolf Schock, millionenfach verehrter Opern- und Operetten-Tenor, daraus den Welthit "Dein ist mein ganzes Herz". https://www.youtube.com/watch?v=cduwhAp3JhQ.
Luciano Pavarotti hat’s ebenfalls gesungen, natürlich auf italienisch – eine kleine Huldigung an Franziskus: https://www.youtube.com/watch?v=8BhVBMiOoag. (Rainer M. Gefeller) +++