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Jüdisches Leben in Fulda (5)

Vortrag von Anja Listmann: Jüdische Schicksale nach 1945

Jüdische Hoffnungen und Herausforderungen nach 1945 – Vortrag von Anja Listmann
Fotos: © Jutta Hamberger

01.05.2025 / FULDA - In diesen Tagen gedenkt man in Deutschland vieler Jahrestage – 80 Jahre Kriegsende, 80 Jahre Befreiung der Konzentrationslager, 80 Jahre amerikanisch-russischer Handschlag an der Elbe. Bei einem Vortrag Anja Listmanns im Programm der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit GCJZ gedachte man in Fulda der jüdischen Menschen, die die Shoa überlebt hatten und als sogenannte DP’s (Displaced Persons) nach Deutschland und Fulda zurückkehrten.



Jüdische DP’s in Deutschland

Sie lesen richtig. Unter den ca. 10,8 Millionen DP’s waren 90.000 Juden, also ein verschwindend kleiner Teil. Waren es in der US-Zone im Herbst 1945 noch 30.000 Juden, stieg ihre Zahl auf 145.000 im Herbst 1946. Sie kehrten zurück aus Konzentrationslagern, und sie flohen aus Osteuropa, wo das Massaker im polnischen Kielce mit 40 Toten und 80 verwundeten Juden diesen klar gemacht hatte: Hier können wir nicht bleiben. Also Go West, natürlich am liebsten Richtung USA. Sie kamen zunächst in Deutschland an – und als besonders schutzwürdige Menschen richteten die Amerikaner eigene DP-Lager für sie ein. Als die USA die Visa-Bestimmungen lockerten und am 14. Mai 1948 der Staat Israel gegründet wurde, wurden die Koffer gepackt und die Abreise geplant.

Wenige aber blieben, auch in Fulda. Anja Listmann stellte in ihrem Vortrag einige dieser Schicksale vor und ordnete ihren Vortrag auch als Statement gegen Antisemitismus und rechten Populismus ein. Sie berichtete, wie sie 2010 im Propsteihaus das von Jugendlichen dreier Pfarreien gemeinsam mit Virtuoso entwickelte Musical "Alles für Fulda!", gesehen habe. Das erzähle, wie die Menschen in Fulda nach dem Krieg ihr Leben zu meistern versuchten. Eine Gruppe Menschen allerdings hätte in diesem Musical komplett gefehlt: Fuldas Jüdinnen und Juden.

Die zurückkehrenden Juden wurden nicht mit offenen Armen empfangen, ganz im Gegenteil. Ihnen schlug noch mehr Ablehnung entgegen als den Flüchtlingen aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien. Niemand wartete auf sie am Bahnhof, niemand freute sich über ihre Rückkehr. Sie kamen nach Fulda zurück und waren mit denselben Problemen konfrontiert wie alle anderen Fuldaer. Nur trugen sie noch eine zusätzliche Last. Denn ihre Familien waren weitgehend ermordet worden, und über den Verbleib etwaiger Überlebender wussten sie nichts. Sie waren traumatisiert von den Jahren der Verfolgung und dem Leid in den Konzentrationslagern. 12 Jahre antisemitische Indoktrination war nicht so schnell aus den Köpfen zu kriegen. Der Antisemitismus war mit dem 8. Mai 1945 nicht ausgestorben

Anja Listmann zeigte die Karte der DP-Lager in Deutschland und Hessen und machte darauf aufmerksam: In Fulda gab es keines. "In Fulda wurden die zurückkehrenden Juden privat untergebracht", erklärte Fuldas Beauftragte für Jüdisches Leben. "Und schon früh gab es Versuche, hier wieder jüdisches Leben zu etablieren".

Meister der Heimtücke

Die Nationalsozialisten waren wahre Bürokratiemonster. Der enteignete, geraubte und in Auktionen verkaufte jüdische Besitz wurde penibel in Listen erfasst – von der Socke bis zum Doppelbett. Sie waren aber auch von geradezu heimtückischer Schläue, wenn es darum ging, ihre Raubzüge zu ‚legalisieren‘. Man schuf einfach das passende Gesetz, nach dem Juden legal enteignet werden konnten. Was Juden mitnahmen, mussten sie mit dem jeweiligen Einkaufswert bezahlen. Es war dabei völlig egal, wie alt oder abgenutzt ein Gegenstand war. Es galt immer der Einkaufswert. Und für alles andere gab es ein Gesetz vom 25. November 1941, das verfügte, dass Eigentum beim Überschreiten der Grenzen des Deutschen Reichs an dieses falle. Vor Abreise oder Deportation mussten jüdischen Familien genau auflisten, was sie in ihren Wohnungen zurückließen. Waren sie weg, wurden die Wohnungen versiegelt. Manche Wertgegenstände riss sich das Finanzamt unter den Nagel, vieles von künstlerischem Wert nahm sich Herr Vonderau für sein Museum. Was an Wertsachen übrigblieb, ging nach Berlin, der Rest des Besitzes wurde auf Auktionen um kleines Geld verkauft.

Bei den Restitutionen nach 1945 machte schnell das antisemitische Vorurteil von den geldgierigen Juden wieder die Runde. Man setzte die Legende in Umlauf, dass man "wegen der Juden alles zweimal habe bezahlen müssen". Eine Lüge. Denn Deutsche, die jüdischen Besitz zurückgaben, erhielten das Geld wieder, das sie dafür bezahlt hatten. Wollten sie danach jüdischen Besitz erneut erwerben, mussten sie den marktgängigen Preis zahlen. So geschehen beim ‚Bratwurstglöckle‘ (Am Stockhaus 10-12), das 1938 vom Metzger Levi erworben wurde und nach 1945 restituiert wurde.

Zwei alte Damen: Rosa Buchsbaum und Jettchen Selig

Auch älteren Damen wurde nach 1945 übel mitgespielt. Rosa Buchsbaum, 1896 in Eiterfeld geboren und wie so viele Juden aus Fulda und Fulda Land am 08. Dezember 1941 nach Riga deportiert, kehrte im August 1945 nach Fulda zurück. Sie hatte die Lager von Riga, Stutthof und Nordhausen überlebt. In ihrer alten Wohnung in der Rangstr. 13 lebten Fuldaer. Diese mussten die Wohnung räumen, Rosa Buchsbaum zog wieder ein. Als sie sich nach ihrem Besitz erkundete, erfuhr sie, dass dieser von einer Familie Schneider gekauft worden sei. Sie nahm Kontakt auf, die Familie versicherte ihr, dass sämtlicher Besitz durch Bombenschäden vernichtet worden sei. Es stellte sich aber heraus, dass die Schneiders logen – sie mussten Rosa Buchsbaums Besitz zurückgeben. Statt Scham aber erlebt Rosa Buchsbaum Antisemitismus: "So sind sie, die Juden!", war die Reaktion der Schneiders, die damit die antisemitische Setzung von der angeblichen Habgier der Juden wiederholten. Rosa Buchsbaum – verfolgt, deportiert, gequält, und bestohlen. Und ihr wird vorgeworfen, dass sie rechtmäßig ihren Besitz zurückerhalten möchte.

Noch älter als Rosa war die 1878 geborene Jettchen Selig. Sie arbeitete bis 1938 als Köchin im katholischen Lioba-Altenheim, bis 1942 dann im jüdischen Altersheim, am 05. September 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert. Dort wurde sie am 08. Mai 1945 befreit – in den knapp drei Jahren im Konzentrationslager hatte sie 36 kg Gewicht verloren. Bei der Wiedergutmachungsstelle kämpfte Jettchen Selig um Mietbefreiung, diese war ihr vor dem Krieg gewährt worden. Kam die Wiedergutmachungsstelle dem nach? Nein, ihre Klage wurde als ‚nicht begründet‘ abgewiesen, denn das Jüdische Altersheim gäbe es ja schließlich nicht mehr. Dass Jettchen Selig dafür gar nichts, die Fuldaer Behörden aber sehr viel konnten, fiel dabei unter den Tisch.

Max Gerson – der Gründer der Jüdischen Gemeinde nach 1945

Max Gerson trägt bei vielen Fuldaern der älteren Generation den Beinamen ‚Der Schwierige‘. So werden meist Menschen gelabelt, die etwas können, wollen und einfordern und deshalb unbequem sind – z.B. für Alt-Nazis und Ämter. Tatsächlich ist Max Gerson einer, der längst in die ‚Fuldaer Köpfe‘ hätte aufgenommen werden müssen. "Er war ein großartiger Mensch", so Anja Listmann, und Linde Weiland fügte hinzu, "aber in Fulda hatte er keine Freunde". Gerson war Mitglied der Liga für Menschenrechte in Berlin, in der auch Karl von Ossietzky aktiv war. Schon vor der sogennanten Machtergreifung hielt Gerson Reden gegen den Nationalsozialismus. Im März 1933 wurde er verhaftet – nicht weil er Jude war, sondern weil er politisch aktiv war. Er kam ins Konzentrationslager Sonnenburg, dann nach Oranienburg, später nach Theresienstadt und Auschwitz. Er überlebte diese Lager und den Todesmarsch von Auschwitz nach Dachau, litt aber für den Rest seines Lebens unter furchtbaren Schmerzen, die es ihm an manchen Tagen unmöglich machten, zu arbeiten. Als er im Juni 1945 nach Fulda zurückkehrte, wollte er die Jüdische Gemeinde wieder aufbauen. Er arbeitete als Leiter der Betreuungsstelle und kümmerte sich auch um die Restitution jüdischen Besitzes.

Das gefiel in Fulda vielen nicht, unter auch nicht dem damaligen Oberbürgermeister Cuno Raabe. Der wird in Fulda verehrt als Mann des Widerstands. Das war er und das ehrt ihn, allerdings umfasste sein Widerstand keineswegs auch die Fürsorge für die verfolgten Juden. Auch Widerstandskämpfer können Antisemiten sein. Raabe ging gegen Max Gerson vor und wollte ihn aus seinem Amt entfernen. Landrat Stieler unterstützte ihn dabei, der exzessive Schriftwechsel über die Vorgänge gibt davon beredt Zeugnis. Gerson hielt trotz aller Schikanen stand. 1947 aber waren Raabe und Stieler erfolgreich. Max Gerson zog sich zurück, weil ihm das Wohl der Verfolgten wichtiger war. Als Beisitzer blieb er aber bei der Betreuungsstelle.

Glückliches Wiedersehen: Josef und Max Hess

Auf einem Foto von 1955 begegnen sich Josef und Max Hess. Die Eltern Hess hatten ihre Kinder Max und Ilse mit den Kindertransporten nach England geschickt, um sie zu retten. Sie selbst wurden deportiert – die Mutter wurde ermordet, der Vater Josef wurde 1945 im Konzentrationslager Stutthof von den Sowjets befreit. Die aber erkannten ihn nicht als Juden, sie verurteilten ihn zum Tod und deportierten ihn nach Sibirien. 1955 erst durfte er heimkehren – und er geht nach Fulda. Dort traf er seinen Sohn. Max war in der US-Army und reiste nach Fulda, um hier seinen Vater zu treffen.

Sind wir anders als ihr?

Der Abend endete mit einer berührenden Szene. Linde Weiland, Mitglied der Jüdischen Gemeinde und lange deren Vorstand, stand auf und erzählte: "Wissen Sie, wie oft ich gefragt worden bin, ob ich nicht endlich nachhause zurückkehren möchte? Aber mein Familienstammbaum reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, und zwar in Deutschland und Österreich. Ich bin hier verwurzelt. Bin ich denn anders als ihr? In unserer jüdischen Gemeinde gibt es heute nur wenige deutsche Juden, die meisten sprechen eine osteuropäische Sprache. Aber ich kann Ihnen versichern: Sie alle sind grimmig entschlossen, Deutsche zu sein." Man sah viele nachdenkliche Gesichter an diesem Abend im Marmorsaal, und einigen dürfte klar geworden sein: In den Archiven liegt noch viel, was aufgearbeitet werden muss. (Jutta Hamberger)+++

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