Vortrag im Bonhoefferhaus
Jüdischer Alltag im 18. Jahrhundert: Jüdisches Sozialwesen
Fotos: Moritz Bindewald
12.02.2025 / PETERSBERG -
In seinem Vortrag zum "jüdischen Alltag in Fulda im 18. Jahrhundert" bot Historiker und Autor Dr. Michael Imhof im Gemeindezentrum der evangelischen Kirchengemeinde in Ziehers Nord einen Einblick in das Zusammenwirken des jüdischen Sozialwesens mit den Ansprüchen des kirchlichen Fürstentums an die Organisationsstrukturen des Landesjudentums in der Residenzstadt und die Städte und Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung im Fürstentum Fulda. Pfarrer Marvin Lange, Hausherr des Bonhoeffer-Gemeindezentrums, konnte über 80 Besucher zu der Veranstaltung begrüßen und erinnerte an den sieben Jahre zurückliegenden Vortrag Imhofs "400 Jahre Juden in der Rhön".
Jüdische Religion
Auf lokaler Ebene wurden dazu neben Unterstützungskassen auch Fremdenquartiere, Armenherbergen und Armen-Hospitäler eingerichtet zur Versorgung von Armen der Gemeinde wie auch durchreisender Fremder jüdischen Glaubens. "Das jüdische Armenwesen beruhte auf gegenseitigen sozialen Hilfeleistungen und verpflichtete jedes einzelne Gemeindeglied, in Notfällen anderer einzutreten. Dieses System funktionierte auch, weil im Laufe der Zeit ein ausgeprägtes Bewusstsein von einem gemeinsam erlebten Schicksal entstanden war", so Imhof.
Jüdisches Bettlerwesen
Die unter Fürstabt Bernhard Gustav Markgraf von Baden Durlach 1671 verkündete und mit systematischer Enteignung des jüdischen Besitzes durchgeführte Vertreibung der Juden aus dem Fürstentum Fulda wurde durch seinen Nachfolger Placidus von Droste 1778 wieder aufgehoben. Die jüdische Gemeinde in der Residenzstadt stabilisierte sich zwar in der ersten Jahrhunderthälfte auf 17 bis 20 Haushalte. Die statistisch erhobenen Vermögensdaten bildeten aber eine hohe Ungleichheit in den Besitzverhältnissen ab.
Jüdische Armenkasse
Versorgung der "Betteljuden" durch die jüdische Gemeinde
Die rigiden Beschränkungen des Bleiberechts für Juden ohne Schutzbrief, geschweige denn deren Niederlassung, führte für einen Teil der jüdischen Bevölkerung zur sozialen Deklassierung und zum Abdriften in Parallelgesellschaften und soziale Randgruppen, wie der Gruppe der "Betteljuden" bis hin zu Diebesgruppen. Ihr Anteil wird auf 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung geschätzt. Meist zogen sie ohne festen Wohnsitz und ohne Bleibeerlaubnis von Gemeinde zu Gemeinde und lebten von Almosen. Auch für sie fühlten sich die jüdischen Gemeinden nach der religiösen Fürsorgeverpflichtung verantwortlich. Zu ihrer Unterbringung und Versorgung von auswärtigen jüdischen Bettlern hatte sich in den jüdischen Gemeinden ein Billett-System entwickelt, das die Verteilung der Bleibesuchenden auf die Gemeindefamilien regelte. Dazu wurden die Namen der Familienvorstände auf Billetts (auch Pletten genannt) geschrieben, die sie zur Unterbringung und Verpflegung eines durchziehenden Juden verpflichteten. Solche Billetts konnten die Betteljuden in der Synagoge oder beim Armenpfleger aus einem Billett-Behältnis ziehen; sie erhielten damit das Anrecht, in der entsprechenden Familie aufgenommen zu werden.Die Themen "Judenherberge" und "Betteljuden" (amtliche Begriffe) waren im 18. Jahrhundert ein Dauerbegriff in den fürstlichen Dekreten der Fuldaer Fürstäbte und-bischöfe. Trotz ständiger Mahnungen und Verbote haben die zahlreichen Verordnungen nicht zum gewünschten Ergebnis geführt. Das Thema war auch im 19. Jahrhundert auf der Tagesordnung der Nachfolgeherrscher und ihrer Institutionen.
Den lang anhaltenden Applaus der Besucher verknüpfte Hausherr Pfarrer Marvin Lange in seinem Dankeschön an Dr. Michael Imhof mit der Hoffnung auf eine baldige Fortsetzung des reichhaltigen Themas "Juden". (mmb/pm) +++