In der Orangerie
Wintertraum aus Muckischweiß: Varieté bietet magische Momente am Fließband
Dirk Denzers inzwischen bewährte Varieté-Gala in der Orangerie Fulda, welche in diesem Jahr unter dem Motto "Magische Momente" stand.
Alle Fotos: Martin Engel
27.12.2024 / FULDA -
Die Plätzchen sind verdrückt, der Christstollen sowieso: Was liegt also näher, als nach getaner Arbeit am zweiten Weihnachtsfeiertag Weltklasse-Artisten beim Balancieren, Jonglieren und Kraftmeiern zuzuschauen? In Dirk Denzers inzwischen bewährter Varieté-Gala in der Orangerie Fulda, die in diesem Jahr unter dem Motto "Magische Momente" spektakuläre Darbietungen aneinanderreiht wie schillernden Christbaumschmuck.
Nach so mancher akrobatischen Einlage stehen die muskelstrotzenden Artisten schnaufend, aber lächelnd auf der Bühne. Varieté-Macher Denzer, seit 35 Jahren im Geschäft, erklärt an der Abendkasse, was das Artistenleben ausmacht, während das Weihnachtspublikum nach der Pause wieder in den Saal strömt: "Andrzei und Vadim, meine Akrobaten, trainieren täglich stundenlang im Kraftraum und üben die Formen miteinander. Mit einem Arm alleine muss das Körpergewicht des Anderen gestemmt und balanciert werden, mindestens 70 Kilogramm. Wenn alles sitzt, sieht das aus, als ob der Körper schwebt - aber es steckt viel Knochenarbeit und Schweiß dahinter. Da gibt es nichts Anderes sonst, vor allem beruflich." Die Winterspielzeit ist für Andrzei und Vadim wichtig, aber keiner der Profis kommt bei Denzers Winter-Varieté alleine unter, so gut wie alle treten weltweit auf mit ihren hochgezüchteten Performances, die spielend auf dem Grat zwischen Leichtigkeit und Gefahr tänzeln, ob an der Traverse hoch oben unter der Saaldecke oder mit Rollschuhen umeinander wirbelnd auf einer winzigen Holzplatte.
Alles wie am Schnürchen
Der Varieté-Macher heuert die Künstler zeitnah für seine Veranstaltungen an - beziehungsweise lässt vorspielen. Seitdem sein Varieté-Festival im unterfränkischen Sennfeld einen ausreichend großen Bekanntheitsgrad erreicht hat, kommen die Bewerbungen von ganz allein, jeder will für Denzer arbeiten, so Denzer. Viele Artisten kommen im Doppelpack, die Duos sind komplett aufeinander eingeschworen. Das ist auch nötig, denn für die Winter-Varieté-Proben ist nur etwas mehr als ein Tag angesetzt, dann muss alles wie am Schnürchen laufen.
Es läuft ein das musikalische "Trio Grande", mit oder ohne Stelzen: Habitus und Sound liegen irgendwo zwischen Zirkus, Jazzclub, französischem Café im übel beleumdeten Arrondissement und Jahrmarkt, das Publikum klatscht dankbar mit. Moderator Johannes Warth, der sonst Achtsamkeitsseminare gibt, erklärt im Zirkusdirektorkostüm, was das Publikum am Abend erwarten darf, wie das Motto "Magische Momente" die einzelnen Akte thematisch verklammern soll: Magie, das ist irgendwie alles, vom Händchenhalten mit dem Partner über Musik, aber auch punktgenauer Applaus - und der wird gleich geübt, mehr oder weniger freiwillige Publikumsinteraktion ist untrügliches Zeichen fürs Varieté. Im letzten Jahr stand "Ananda", die freudige Glückseligkeit, als Motto über den Darbietungen, die spirituelle Komponente ist in diesem Jahr entfallen, was nicht schlecht ist, schließlich funktioniert Jonglieren auch ohne kosmischen Bezug.
Hypnotische Hochperformanz
Und die Artisten bieten auch so Grandioses: Der Niederländer Phil Os lässt die Diabolos, als Spielgerät aus Kinderzimmern und Parks bekannt, gleich im Dreierpack wirbeln, beleuchtet und im Dunkeln entfaltet die Performance eine beinahe hypnotische Wirkung. Kontorsions-Künstlerin Samira Reddman aus Berlin räkelt sich am Trapez in schwindelerregender Höhe so elegant wie andere auf dem Sofa. Damit die Show nicht von Akrobatie alleine lebt, zeigen die Zauberkünstler "Junge Junge" beziehungsweise die Gebrüder Bohnenberger aus Reutlingen szenische Magie, Multitalent Michael Menes aus New York dagegen Pantomimen-Klassiker wie Treppe, Rolltreppe und Leiter.
Man müsse, so Warth, auch mal die Perspektive wechseln, Dinge auf den Kopf stellen: Auftritt Kathy Donnert, der Antipoden-Act. Die zierliche Blondine legt sich auf den Rücken, spreizt die Beine - und jongliert Bälle mit den Füßen, viele noch dazu. Dem kann nur noch das portugiesische Duo "Les Sandros" die Schau stehlen: Auf einem Modell des Eiffelturms platziert Alexandre Monteiro etliche bedenklich wacklige Gegenstände und dann sich selbst, während Ehefrau Nathalie Daubard ihn dazu ermutigt, doch noch etwas draufzulegen, bevorzugt wacklig.
Angesichts soviel Draufgängertums ist es schon beinahe ein Wunder, dass es bei Denzer-Shows noch nie zu Unfällen gekommen ist, wie Denzer versichert. "Das Problem sind eher Beschränkungen, die durch die Gegebenheiten der Spielstätten selbst entstehen. Auf der Bühne der Orangerie könnte ich zum Beispiel keine Wasserbecken-Performance durchziehen, die ist nämlich leicht schräg. Dann würden dem Artisten ruckzuck ein paarhundert Liter Wasser entgegenkommen." Für die Zusatz-Shows sind noch Karten erhältlich. (mau) +++